Gar nicht mal so finster: Das Mittelalter 23. Dezember 2008
Posted by frischmax in Geschichte.add a comment
Nur zu gerne wird auch heute noch das „finstere Mittelalter“ immer dann erwähnt, wenn ein Zustand oder Verhalten als rückständig bezeichnet werden soll. „Wie im Mittelalter“ hört man deshalb in so vielen verschiedenen Zusammenhängen, dass diese Pauschalisierungen so logischerweise nicht stimmen können. Denn: Wann die „mediae tempestae“ beginnen, wann sie enden und was genau sie eigentlich inhaltlich meinen, ist keine abstrakte Definition, sondern eine vom Standpunkt des Betrachters abhängige Datierung, die dabei von Konitnuität oder dem totalen Bruch ausgehen kann. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass die sprichwörtliche Finsternis dieser Zeit ebenfalls ein subjektives Empfinden ist. Zunächst aber ein kurzer Abriss über die Möglichkeiten bei der Eingrenzung des Raums „Mittelalter“.
Generell und in der Schule begnügt man sich mit der bequemen Zeitspanne von 500 nach Christus bis 1500. Und tatsächlich kreist man mit dieser Periodisierung den weitaus größten Teil dessen ein, was in Europa als „Mittelalter“ bekannt ist. Je nach Kategorisierungsgrundlage kann diese Epoche aber auch viel früher beginnen: Christliche Geschichtsschreiber sehen bereits 324 eine neue Zeit anbrechen, als Konstantin die Alleinherrschaft errichtet. Da das später so mittelalterliche Zentraleuropa damals aber noch sehr römisch war (jedenfalls südlich und westlich des Limes), dienen auch 529 (Gründungsjahr des ersten abendländischen Klosters in Montecassino) oder 590 als „Start“, das erste Amtsjahr des Prototyps eines Papstes, Gregor des Großen. Möchte man die neue Stellung der Germanen hervorheben, sind andere Daten zu nennen: Um 375 lösten die Hunnen mit ihrem Vordringen die Kettenreaktion der Völkerwanderung mit aus, die den endgültigen Untergang Roms (und auch dieses Schlagwort ist streitbar) begünstigte. 486 besiegte der Merowinger Chlodwig, der als gemeinsamer Stammvater der Franzosen und Deutschen gesehen werden kann, den römischen Herrscher in Gallien, Syagrius, und machte damit einen entscheidenen Schritt zum „Frankenreich“. Schließlich könnte noch das Jahr 568 das Mittelalter beginnen lassen: das letzte Reich der Völkerwanderungszeit, das Langobardenreich, entstand. Eine weitere Kategorie stellt das römische Reich dar, dass es trotz des so oft beklagten Untergangs noch eine ganze Weile lang weiterexistierte. Zweifelsohne ein einschneidendes Ereignis war die Teilung des Reichs um 395. 476 schließlich war Westrom „am Ende“, die Franken sollten bald den Ton angeben. Wie hier zumeist verschiedenste Brüche für den Anfang des Mittelalters herhalten, so sind es auch beim Ende besondere Schritte: Etwa die Erfindung des Buchdrucks, die Entdeckung Amerikas 1492 oder die Reformation. Freilich gilt auch hier: Nahtlose Übergänge gab es nicht. Einzelne Fokussierungen wie der Blick auf die Verfassungsgeschichte können das Mittelalter schon mal bis 1806 andauern lassen, oder auch nur bis ins 14. Jahrhundert (die Pest beendete die Agrarentwicklung).
Zeitlich gesehen ist der Begriff „Mittelalter“ nun also einigermaßen eingegrenzt. Irgendwo im ausklingenden römischen Zeitalter entsteht ein neues Gebilde, teils neu, teils auf alten Strukturen. Und danach? Kam etwas neues, anderes. Mittelalter ist hier durchaus wörtlich zu nehmen: Das Zeitalter dazwischen. Interessanterweise sahen das die meisten Menschen im Mittelalter aber ganz anders: Der Endzeitgedanke war stark verbreitet, nicht zuletzt durch die Kirche. Das Frankreich und später das heilige römische Reich deutscher Nation sahen sich als Fortsetzung des römischen Reichs – und das war nach einer Vorstellung die letzte der „vier Weltmonarchien“, nach denen die Welt untergehen sollte. Aber auch die Schöpfung in sechs Tagen diente als Vorbild für die Allegorie der Sechs Weltalter – das MA war für viele Geistliche das Letzte. In der Mitte sah man das Mittelalter daher erst Rückblickend. Im 15. Jahrhundert und mit der Zeit des Humanismus hofften Gelehrte auf ein anbrechendes, besseres Zeitalter nach der finsteren Zeit des Mittelalters. Der Melanchthon-Schüler Illyricus war es dann auch, der in den „Magdeburger Zenturien“, einem anti-kirchlichen Geschichtswerk, den Begriff des „medium aevum“ benutzte, um die Rückständigkeit von Ablasshandel und anderen Maßnahmen anzuprangern. Als Teil der Trias Altertum – Mittelalter – Neuzeit in der Historik führte ihn aber erst der Geschichtswissenschaftler Christoph Cellarius ein.
Allein an der Vielschichtigkeit und Problematik des Epochenbegriffs lässt sich erahnen, dass „das Mittelalter“ nur schwer zu fassen ist – und schon gar nicht mit Aussagen wie „finster“. Auf einige Nuancen möchte ich daher in den nächsten Einträgen eingehen.
Wettlauf in Sachen Ethik 22. Dezember 2008
Posted by frischmax in Alltag, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: Gesellschaft
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Sterbehilfe ist zwar seit Jahren ein ergiebiges Thema für hitzige Debatten. Dass aber just in dem Moment, da ich mich auftragsgemäß damit beschäftige, wieder eine ganz große Geschichte daraus wird, hätte ich auch nicht gedacht. Deshalb an dieser Stelle ein Nachtrag zum Thema und zur aktuellen Berichterstattung.
Da lässt sich also in Großbritannien ein unheilbar kranker Mann beim Selbstmord helfen. Das ist in Großbritannien strafbar, meines Wissens ist die rechtliche Lage dort sogar strenger als beispielsweise in Deutschland. Dignitas stellte also einmal mehr das Gift zur Verfügung, der Wille des Patienten äußerte sich dann im Einnehmen desselben sowie durch das selbstständige Ausschalten des Beatmungsgeräts.
Ich heiße die grundsätzliche Möglichkeit, sich selbst zu töten – auch durch die indirekte Hilfestellung in Form der Bereitstellung der Utensilien – gut. Ich halte die ständigen Verweise auf die mögliche Verwirrtheit des Sterbewilligen größtenteils für ungerechte Stimmungsmache der Palliativinitiativen (denn diese treten genau mit diesem Argument ziemlich oft vor die Kameras – so viel zum Voyeurismus). Es gibt mit Sicherheit Menschen, die voreillige Entschlüsse fassen oder sich etwas einreden lassen. Aber das kann und darf doch nicht der Grund sein, auch klar denkende Sterbenskranke kurzerhand für Nicht-Zurechnungsfähig zu erklären!
Indes ist die „Methode Dignitas“ sehr wohl zu kritisieren. Sterbetourismus und nicht zuletzt der Umstand, dass dabei (hohe) Summen fließen, zum Beispiel 5900 Euro (Welt) – Das ist nicht das, was ich mir unter „menschenwürdigem Sterben“ vorstelle. An diesem Punkt gebe ich vielen Gegnern der passiven wie aktiven Sterbehilfe Recht: Ein Unternehmen, das mit dem Tod Geschäfte macht – hier hört die Freiheit auf. Denn gerade die Freiheit des Menschen – und für mich gehört dazu auch das selbstbestimmte Sterben – erfordert auch Maßnahmen, diese zu schützen.
Für mich folgt daraus, dass Sterbehilfe gesetzlich geregelt werden muss. Und zwar alle vertretbaren Formen. Und die Möglichkeit, daran zu verdienen, sollte mit als erstes Übel verhindert werden. Es wäre wünschenswert, wenn sich Verfechter einer ausgedehnten palliativen Versorgung und die Befürworter der aktiven Sterbehilfe hier entgegen kommen könnten. Wenn alle Beteiligten sich tatsächlich um das Leid der Menschen und einen humanen Sterbeprozess verdient machen möchten, sollte es zunächst darum gehen, die Möglichkeiten dafür zu schaffen und jeglichem Missbrauch vorzubeugen. Auch Menschen, die nach einem langen Leidensweg einfach sterben möchten, verdienen eine Lobby. Denn diese Situation gibt es auch – auch nach noch so guter Betreuung und Versorgung.
Aktive Sterbehilfe als Chance 29. November 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht.Tags: ärtzlich assistierter Suizid, Belgien, Euthanasie, Niederlande, Sterbehilfe, Suizid, Tod
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58 Prozent der Deutschen befürworten die Möglichkeit, das Leben schwerkranker Menschen auf deren Wunsch hin zu beenden. Das ergab die letzte repräsentative Umfrage der Allensbacher Meinungsforscher zu diesem Thema. Bei einer Einschränkung des Begriffs auf den durch einen Arzt assistierten Suizid stimmen laut TNS Forschung sogar 69 Prozent der Legalisierung aktiver Sterbehilfe zu. Trotz der großen Zustimmung, die beide Definitionen erhalten: Gerade die möglichen Folgen eines zu weit gefassten Begriffs sind es, die die Gegner der aktiven Sterbehilfe beschäftigen. Deshalb ist es umso wichtiger klarzustellen, was damit eigentlich gemeint ist. Die meisten Befürworter halten sich dabei an das niederländische Beispiel: Aktive Sterbehilfe gibt es dort als angewandten Begriff nicht, das Gesetz über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung umfasst vielmehr alle legalen Formen der Lebensbeendigung. Darunter fällt auch der ärztlich assistierte Suizid, der auch in Deutschland legalisiert werden sollte.
Bisher macht sich ein Arzt, der einen Patienten auf dessen Wunsch hin durch Verabreichung eines tödlich dosierten Medikaments tötet, der „Tötung auf Verlangen“ schuldig. Das ist ein Straftatbestand (im Gegensatz zur Beihilfe zur Selbsttötung), und auch in den Niederlanden ist es das weiterhin. Jedoch sind Ärzte dort, wenn sie sich an genaue Vorgaben halten, von einer Strafe ausgenommen. Genau diese Regelung kann der durchaus berechtigten Sorge, bei einer Legalisierung würden auch Morde unter die aktive Sterbehilfe fallen, entgegenwirken. Gerade die kirchlich-religiöse Seite befürchtet außerdem einen Dammbruch für klassische christlich-europäische Werte, „die Unantastbarkeit der Würde des Lebens“ ginge verloren, mahnte der evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU im Jahr 2002. Doch auch diese Angst ist, betrachtet man die praktische Umsetzung des ärztlich assistierten Suizids in Belgien und den Niederlanden, unbegründet: Nur schwer kranke Menschen, die aus individueller wie fachlicher Sicht keine Hoffnung auf eine Besserung mehr haben, können überhaupt Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Die aktive Sterbehilfe wiederum richtet sich nur an die kleinere Gruppe derer, für die auch palliative Methoden keine Leidensminderung mehr darstellen. Wenn Menschen nach ausgiebiger Beratung und Information durch Ärzte – auch das schreibt der niederländische Gesetzestext vor – den Entschluss fassen, ihr Leben beenden lassen zu wollen, so ist das völlig legitim. Für einen humanen Tod besteht dort dann die letzte Alternative in Form des assistierten Suizids – jedoch nur, wenn ein ausdrücklicher Wille und das Urteil eines zweiten Arztes vorliegen. Ist der Sterbefall gemeldet muss eine Kontrollkommission das sorgfältige Handeln des Arztes bestätigen, nur dann wird von juristischen Schritten abgesehen. Diese Vorgaben sind so aufwändig wie notwendig, nur so werden die Quellen für Fehler und Möglichkeiten des Missbrauchs auf ein Minimum reduziert. Übrigens führt die Komplexität des Verfahrens dazu, dass die Sterbehilfe nur in etwa einem Drittel der Fälle überhaupt in Anspruch genommen werden kann. Insgesamt ist die Zahl der Sterbefälle durch aktive direkte Sterbehilfe seit In-Kraft-treten des Gesetztes 2001 rückläufig: Gegenüber 3500 Menschen im Jahr 2001, ließen 2005 nur noch 2325 Patienten ihr Leben durch einen Arzt beenden. Als Gewissheit ist diese Möglichkeit aber weiterhin wichtig, wissen sie doch um die Möglichkeit, einem unerträglichen Leidensweg entkommen zu können. Mit dem Leidensweg befassen sich auch die Gegenstimmen aus der Hospizbewegung. Wie die Förderer der Palliativmedizin verweisen sie auf die umfassenden Möglichkeiten der modernen Schmerztherapie. Mit Blick auf Roger Kuschs Sterbemaschine und Firmen wie Dignitas verweisen sie auf die Leidenslinderung, die einen natürlichen Tod ohne oder mit wenig Schmerzen in Opposition zur aktiven Sterbehilfe rückt. Allerdings ist genau diese Opposition ein Fehlschluss. Im Gegenteil: Aktive Sterbehilfe und die Schmerztherapie ergänzen sich sozusagen. Die Statistik nennt Krebskranke als größte Gruppe derjenigen, die aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Gerade bei Krebskrankheiten ist aber die Palliativmedizin oft sehr früh im Krankheitsverkauf gefordert. Während aber für die größte Gruppe von Patienten der Tod im Krankheitsverlauf durch die Schmerztherapie möglich wird, gibt es auch Patienten, denen mit Medikamenten das sterbe und seelische Leiden nicht mehr erträglich gemacht werden kann. So ist es nur logisch, dass das Belgische Gesetz den Ausbau der Palliativmedizin mit zur Voraussetzung für die Freigabe der aktiven Sterbehilfe erklärt hat. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Leiden zu mindern, so dass Patienten den Tod als Option vielleicht nicht mehr wählen müsse. Nur bei den allerschwersten Fälle soll und kann der ärztlich assistierte Suizid die letzte Möglichkeit des humanen Sterbens sein. Denn das ist ein Recht, dass nicht für jeden offensichtlich ist. Angesichts des „Rechts auf ein würdevolles Leben“ sollte man aber entweder den Sterbeprozess mit einbeziehen, oder aber ausdrücklich daneben stellen. Verwunderlich ist indes, dass auch hier wieder irrationale weltanschauliche Gründe gegen den ärztlich assistierten Suizid angeführt werden. Da wird Sterbenskranken unterschwellig Feigheit angekreidet, wird auf das Leiden Christi verwiesen und das das Leiden zum Leben gehöre. Die holländische Bischofskonferenz hält das in die Hand nehmen des eigenen Leidens für nicht vereinbar mit der Macht Gottes über das menschliche Leben. Aber auch weniger gläubige Menschen sehen im selbst verfügten Tod zuweilen Egoismus oder Verantwortungslosigkeit gegenüber den Mitmenschen. Verantwortungslos sind diese Standpunkte, nicht aber Menschen, die sich nach reiflicher Überlegung für den Tod entscheiden. Auch die Entscheidung für den Tod, die heutzutage eine beinahe täglich aufkommende Thematik ist, wird in Frage gestellt. Manche Gegner sehen die Aktualität des freiwilligen Tods in unserer Gesellschaft begründet. Der Individualismus der Moderne oder gar der Egoismus der Patienten müssen herhalten, um aktive Sterbehilfe zu verdammen. Es gehört schon einiges dazu, einem schwer Kranken zu erklären, er ziehe sich quasi vorzeitig aus der Affäre. Deshalb möchte ich auf diese Unterstellungen nicht weiter eingehen. Indes, mit unserer Gesellschaft und Zeit hat die Aktualität von Sterbehilfe nur bedingt zu tun. Freilich, wir werden immer älter und wollen immer länger jung bleiben, gleichzeitig treten mit zunehmendem Alter Krankheiten auf, die es früher nicht so häufig gab. Trotzdem haben den Begriff Euthanasie bereits die Griechen erfunden. Ein grundsätzliches Interesse an einem würdevollen Lebensende bestand also schon damals. Allerdings zeigt die Praxis in Sparta, für minderwertig erachtete Säuglinge zu töten oder auszusetzen, das die Missbrauchsgefahr schon damals groß war. Mit dem Eid des Hippokrates kam sozusagen die Leidensminderung hinzu, die den „guten Tod“ durch Ärzte aber verbot. Und im Hinblick auf den Schwerpunkt der Medizin, Leben zu erhalten, ist das vollkommen richtig. Erst die Nationalsozialisten missbrauchten Euthanasie in so einer abscheulichen Art und Weise, das der Begriff noch für lange Zeit negativ besetzt sein wird. Allerdings ist der „ärztlich assistiere Suizid“ aufgrund der engeren Definition ohnehin besser geeignet.
Festzuhalten ist: Gegnern wie Befürwortern geht es (hoffentlich) um das Wohl der Patienten. Und genau deswegen ist eine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe auf Dauer unumgänglich. Die meisten Gegenargumente rühren von Ängsten und Befürchtungen, die einzig und allein genaue Vorgaben und Kontrollinstanzen unnötig machen können. Eine Kommerzialisierung des Sterbens, die Tötung auch heilbar kranker aus ökonomischen Gründen, das Beseitigen von Verwandten unter dem Deckmantel der aktiven Sterbehilfe sind so weitestgehend ausgeschlossen. Und auch die Hospizbewegung muss sich eigentlich keine Sorgen machen. Im Gegenteil: In den Niederlanden gibt es mehr Patienten, die sich palliativ behandeln lassen, als je zuvor. Offensichtlich gibt die Gewissheit, dem Leiden gegebenenfalls ein selbst bestimmtes Ende geben zu können, den Kranken Kraft. Diese Erfahrungen gibt es auch in Belgien und dem US-Bundesstaat Oregon, die ebenfalls Gesetze haben, die den ärztlich assistierten Suizid straffrei handhaben können. Das selbstbestimmte Sterben hat eben nicht automatisch die berühmte „slipery slope“ zur Folge, und die genannten Beispiele zeigen, dass sich ärztliches Handeln für das Leben und für das Sterben nicht ausschließen müssen, sondern sich ergänzen können.
Das Neue Deutsche Kino 7. Oktober 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Kino.Tags: Baader-Meinhof-Komplex, Bernd Eichinger, Der Schuh des Manitu, Deutschland, Fernsehen, Film, Kino, RAF
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Erstmals seit längerer Zeit durfte ich gestern Abend wieder einen grandiosen Kinofilm sehen: „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Ein insgesamt absolut stimmiger Film, der trotz der Einordnung ins Genre „Actionthriller“ noch einige Tiefen vorweisen kann. Nach „Der Untergang“ wollte ich ja eigentlich nie wieder einen Eichinger-Film besuchen. Doch diese (angeblich) teuerste deutsche Filmproduktion war den Eintritt wert und lehrt mich: Deutsches Kino kann teuer und qualitativ hochwertig sein. Ich traue mich gar nicht zu schreiben, der Film hätte Hollywood-Niveau. Denn es gibt zu viele schlechte Hollywoodfilme, und der „Baader-Meinhof-Komplex“ ist nicht nur aufgrund der Story ein sehr deutscher Film. Überhaupt möchte ich lieber von einem „neuen“ deutschen Film sprechen. Wenn man so will, war der „Schuh des Manitu“ von 2001 der Beginn einer ganzen Reihe von teuren, gut gemachten und manchmal hochwertigen Filmen. Und auch die Zukunft lässt auf gute Produktionen aus der Republik hoffen. Großes Kino made in Germany!
Freilich, über Komödien lässt sich auch gut streiten. Ich selbst wollte damals um keinen Preis in Bully Herbigs Winnetou-Persiflage und nahm stattdessen mit „Shrek“ vorlieb (der, im Übrigen, sein Geld wert war). Erst im Fernsehen sah ich mir die Komödie dann an – und musste akzeptieren, dass es auch lustige Filme aus Deutschland gibt. Denn leider bedeutete Komödie in Verbindung mit „deutsch“ bis dato für mich immer „Manta, Manta“ oder „Voll normaal“ – und das sind abgrundblöde Streifen, für die ich mich schon bei bloßer Erwähnung in Grund und Boden Schämen will. Der Schuh des Manitu war jedoch, im Gegensatz zu Michael Herbigs Nachfolgewerk Traumschiff Surprise, ein durchaus wertvoller und tatsächlich lustiger Film. Aber
auch im ernsten beziehungsweise spannungsgeladenen Bereich konnten deutsche Produktionen punkten. Ebenfalls 2001 erschien „Das Experiment“, der noch heute Maßstäbe setzt. Ein Kammerspiel auf begrenztem Raum, mit einer unglaublichen Intensität und Härte. Häufiger jedoch sind die unschwierigen Filme (wenn auch manchmal mit anspruchsvollem Hintergrund): „Goodbye, Lenin“ befeuerte die Ostalgiewelle und (ver-)klärte ungezwungen über die DDR auf. „Das Wunder von Bern“ lockte Millionen ins Kino und wiederholte sich 2006 sozusagen als Sommermärchen, ebenfalls mit einem Millionenpublikum. Dann natürlich „Der Untergang“, ein gut gemacher Film mit einigen zweifelhaften Darstellungen Hitlers, die schauspielerisch nichtsdestotrotz großartig waren. Und, einmal mehr, Komödien: „Der Wixxer“, „Traumschiff Surprise“, die unseligen „7 Zwerge“-Filmchen, „Sophie Scholl“, „Das Leben der Anderen“, „Die Wolke“, und viele mehr. Davon natürlich nicht alle auf einem hohen Niveau, aber immer wieder waren gute Beiträge dabei.
Und jetzt also die erste Generation der RAF im Kino. Famos gespielt, toll gemacht, wenn auch mit einigen Kleinigkeiten, die mir auffielen. Die Massenszenen zu Beginn, beim Besuch des Schahs von Persien, wirken schon sehr gestellt. DIe Schreie der Statisten etwas zu laut, die Kamere ein wenig zu flott. Immer wieder im Film sieht man seltsame Verzerrungseffekte, etwa beim Durchblättern von Büchern oder Akten. Toll, dass auch in deutschen Filmen animiert wird, aber doch nicht an solchen Stellen!? Die seltsamen Fluglinien der Explosionsopfer…, aber lassen wir das. Insgesamt ein herausragender Film. Charakterzeichnung, Schauspielleistung: atemberaubend. Und ich kann wirklich nicht sagen, dass irgendetwas falsch dargestellt oder in ein bestimmte Richtung gedreht worden wäre. Gut, der Herr Aust kommt als Filmfigur sehr….neutral weg, aber wirklich wichtig ist seine Rolle ja auch wieder nicht. Ein toller Film, über den ich mich immer noch freuen kann.
Hoffen wir, dass es so weiter geht. Weitere größere Produktionen kündigen sich an, eine davon: Krabat. Und trotz der vielen positiven Beispiele habe ich da große Bedenken, vielleicht auch Vorurteile. Aber „deutsch“ + „Fantasy“ hört sich für mich komisch an – kann ein Deutscher Film Fantasy gebührend inszenieren? Ich bin mir nicht sicher. Und dann wären da doch die vielen möglichen Adaptionen von Stoffen eines Frank Schätzings oder Dan Browns – wenn diese Stoffe „made by ProSieben/RTL/Sat1″ ins Fernsehen kommen, muss ich immer an das güldne Hollywood denken.
Fiktion als Medizin gegen Realität 30. September 2008
Posted by frischmax in Gesellschaft, Literatur, Nachgedacht, Weltanschauung.Tags: Fantasie, Fiktion, fiktiv, Literatur, Nancy Huston, Realität, Science Fiction
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Wer hätte gedacht, das man als Vorpraktikant über einen derart interessanten Text stolpern kann!? Ich saß einmal mehr im Klassenzimmer und beobachtete, wie ein abgeklärter Deutschlehrer seine Klasse recht locker auf ein interessantes Themenfeld führte: Fiktion. Was ist Fiktion, und warum gibt es Fiktion? Naja, die elfte Klasse war nicht wirklich interessiert. Ich hingegen umso mehr, und ich habe einige Denkanstöße gefunden: Die kanadische Autorin des ausgeteilten Artikels, Nancy Huston, kommt in der Frankfurter Rundschau zum Schluss:
„[...] … im Idealfall gibt sie [Fiktion] uns die Kraft, in jene Realität zurückzukehren und sie mit mehr Feingefühl zu enträtseln.“
Tasächlich beschränkt sich Fiktion nämlich nicht nur auf Literatur, Film, Musik und Co. Vielmehr ist der Mensch, so Nancy Huston, ein Meister darin, die reale Realität durch eine fiktionale zu ersetzen. Seit es uns gibt, hat der Mensch immer interpretiert. Zwar sind wir ohnehin auf unsere Sinne beschränkt, und wir können nicht einmal erahnen, was von der Welt wir eigentlich alles nicht sehen. Doch schon dieser Einblick bringt nach rationalem Denken die Einsicht: Wir leben willkürlich, und wir sterben willkürlich. Und irgendwann sind wir tot – und die Erde dreht sich immer noch. Huston beschreibt den Menschen aber als ein Wesen, dass diese Einsicht nicht verkraftet und sich so der Fiktion bedient: Götter, höhere Gewalten, Sinn und Grund für unser Dasein. Die menschliche Welt war und ist von Fiktionen durchdrungen:
„Niemand hat beschlossen, sie zu erfinden. [...] Für uns Menschen sind sie so real wie der Boden unter unseren Füßen; tatsächlich sind sie unser Rückhalt [...] in der Welt.“
Durch unser Bewusstsein und unsere stetige Sinnsuche sind wir sozusgen unfähig, die Realität nicht zu interpretieren.
Welche Rolle nimmt dann aber die „Fiktion“ ein, die jeder sofort als solche erkennen könnte? Ich rede von literarischer Fiktion. Ist sie nicht vernichtend simpel im Gegensatz zur fiktionalen Weltsicht des Menschen? Nancy Huston meint, dass die menschengemachte Realität nicht von der zweiten fiktionalen Ebene der Literatur übertroffen werden kann. Ein Roman, egal wie abstrus und fantastisch, ist ja immer von der bereits ebenfalls herbeifantasierten Weltsicht des Autors geprägt. Literatur hat vielmehr den Vorteil, dass sie jedem als Fiktion bekannt ist – das aber auch die ganze Realität der Menschen ein einziges Konstrukt ist, dass durschaut längst nicht jeder. Denn auch Diktaturen, Herrscher, Systeme stützen sich auf Fiktionen – beispielsweise die von der „arischen Rasse“. Literatur jedoch ist ehrlich, man weiß, woran man ist. Und anhand dieser weniger komplexen Fiktion ist es dem Menschen manchmal möglich, das zu erklären und zu verstehen, was wir als Realität bezeichnen. Die künstliche Realität eines Romans liegt uns, eben weil wir ihn als Außenstehender lesen, einfacher und beständiger vor. Und manchmal, so Hustons Hoffnung, bringt Fiktion den Menschen dazu, auf die Realität einzuwirken.
Und tatsächlich lässt sich diese Beeinflussung nur zu oft beobachten. Science-Fiction zum Beispiel. Die Werke eines Isaac Asimovs oder Philip K. Dicks (dem ich noch einen Artikel widmen werde) fassen Gedanken und Thesen, die zu Lebzeiten der Autoren undenkbar waren, eben Fiktion – mittlerweile aber sind manche, gerade negativen, „Fiktionen“ schon verwirklicht. Die Literatur aber ist damals wie heute der Schlüssel, der uns erst erkennen lässt, was passiert. Eigentlich ist es also nicht weiter verwunderlich, wenn wir reale Geschehnisse und Sachverhalte in vermeintlich total fantastischen Geschichten wiederzufinden glauben. Denn eigentlich ist die Realität die größte Fiktion.
Revisionismus und Relativismus!? 29. September 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Geschichte.Tags: Aussiedler, Bund der Vertriebenen, Erika Steinbach, Nationalsozialismus, Preußen, Vertreibung
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Es ist schon erstaunlich: Die Zeit des Nationalsozialismus ist nun wirklich etwas länger her, die Zeit der Aufarbeitung umfasst ebenfalls einige Jahrzehnte. Während ich aber meiner Generation (in Teilen) durchaus zutraue, das Kapitel des Nationalsozialismus nüchtern und ehrlich zu betrachten, erschaudere ich angesichts der Aussagen, die manch älteres Semester auch heute noch machen kann – gerade weil es eigentlich Mittel und Wege genug gibt, sich von der Wahrheit zu überzeugen. Ein Paradebeispiel für Uneinsichtigkeit und Starrsinn (freundlich ausgedrückt) ist Erika Steinbach. Geboren im „Siedlungsraum“ für die geplante arische Rasse, in Westpreußen, nimmt sie sich seit 1998 als Präsidentin des Bundes der (deutschen) Vertriebenen ungefragt der Anliegen aller Vertriebenen (Deutschen) an. Früher hautptsächlich, heute eher indirekt, ist die Vereinigung auch das politische Sprachrohr der Vertriebenen, setzte sich noch in den 80ern gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ein und macht heute immer dann von sich Reden, wenn in „Wie-du-mir-so-ich-dir“-Manier zurückgeschlagen werden soll.
Erika Steinbach (auf deren Homepage ihre Tätigkeit füt den BDV sehr gut versteckt ist) selbst äußert sich ebenfalls zur Frage, wer das größere Opfer sei – das scheint für manche Leute enorm wichtig zu sein. Die Deutschen sind nicht nur nach Steinbach anscheinend das Über-Opfer, also Opfer der NS-Zeit, Opfer der Verblendung (natürlich nur einiger weniger), Opfer des Krieges und natürlich Opfer der Vertreibung durch weniger wichtige Opfer (ich bin so frei, dass mal so direkt zu interpretieren). So behauptete sie unlängst, es hätte gar einen Völkermord an Deutschen gegeben. Freilich, es sind viele Deutsche ermordet worden nach dem Krieg. Und Mord und Totschlag sind immer falsch. Es ist schlimm, dass es so viele Opfer gegeben hat. Aber wenn solche Wahrheiten ausgesprochen werden, dann doch bitte auch bei der Wahrheit bleiben: Es spielt eben schon eine Rolle, wer die Gewaltspirale in Gang gesetzt hat, wer Aggressor war. Und auch andere Mythen sollten aus dem Weg geräumt werden, ehe man den Angegriffenen mit der Aufzählung der eigenen Gefallenen kommt, und dann auch noch Verständnis oder gar Entgegenkommen erwartet: Relativismus ist hier fehl am Platz.
[...]
Also lässt sich die Gewalt des deutschen Aggressors mit der Gewalt der Partisanen im Zweiten Weltkrieg nicht vergleichen?
Hätten sich die Kommandanten der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee nach Kriegsende vor Gerichten verantworten müssen, wären sehr wahrscheinlich einige von ihnen wegen Kriegsverbrechen verurteilt worden.
Allerdings führt ein umfassender Relativismus, wie ihn beispielsweise Erika Steinbach betreibt, nicht weiter. Es gibt nicht nur graduelle Unterschiede, sondern es spielt auch eine ganz wesentliche Rolle, wer die Gewaltspirale in Gang gesetzt hat. Denn sobald sie einmal in Gang gesetzt ist, entwickelt sie erfahrungsgemäß schnell ihre Eigendynamik. Steinbachs Behauptung, dass alle wehrfähigen deutschen Männer nur unter Zwang in der Waffen-SS gedient hätten, ist ein Mythos. Das gab es zwar, aber genügend Deutsche haben die völkische Idee über alles gestellt, waren an Kriegsverbrechen und der »Arisierung« jüdischen Vermögens beteiligt. Nach Kriegsende hätte Jugoslawien die Verantwortlichen einem Gerichtsverfahren unterwerfen sollen, anstatt kollektive Vergeltung zu üben.
Dass Menschen, denen Leid zugefügt wurde, für Rache und Vergeltung anfällig sind, ist traurig, aber ein Faktum. Und deshalb ist es wichtig, dass wir die gruppenpsychologischen Entwicklungen der Gewalteskalation aufdecken. Wehret den Anfängen gilt in diesem Fall ebenso wie in vielen anderen Situationen.
[...]
Interview zwischen Doris Akrap (Jungle World) und Holm Sundhaussen (Professor für Südosteuropäische Geschichte in Berlin), vollständiges Interview auf Jungle-World nachlesbar.
Und freilich, in anderen Nationen gibt es das gleiche Problem: In Jugoslawien waren die Morde an Deutschen ungter Tito absolut tabu, es wurde nicht darüber gesprochen. Das war falsch. Aber falsche Taten, egal wie sie begeht oder begangen hat, sind kein Grund, die Falschheit aufzurechnen. Revisionismus und Relativismus bringen keinen weiter.
Es gibt nämlich diese anderen Ansätze: Ein europäisches Zentrum gegen Vertreibungen – eine solche Einrichtung kommt schon dem Namen nach dem Kern der Sache näher, als die Deutsche Heulerei: Vertreibung ist ein europäisches Thema, und nur europaweit kann es so aufgearbeitet werden, dass es seiner Dimension auch gerecht wird.
Ein Blick in die Zukunft 27. September 2008
Posted by frischmax in Nachgedacht.Tags: Beruf, Lehrer, Schule, Unterricht
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Ich stelle fest, dass meine Einträge hier seit einiger Zeit immer mehr von meinen eigenen Erlebnissen geprägt werden. Eigentlich wollte ich ja eher einen abstrakten Blog führen, also ohne tagebuchartige Artikel. Aber bedingt durch meine Interessen und meinen neuen Alltag fließen jetzt eben solche Blickwinkel mit ein. So mache ich für die nächsten zwei Wochen das sogenannte Orientierungspraktikun für Lehramtsstudenten. Soll heißen: Damit ich auch weiß, auf was ich mich einlasse, darf ich insgesamt drei Wochen lang den Unterricht beobachten – für den Fall sozusagen, dass ich mein Schülerdasein verdrängt habe oder dieses mehr schlafend verbracht habe, als dem Unterricht zu folgen.
Wie gesagt, auch nach einigen Monaten Zivildienst vergisst man nicht so schnell, was Schule ist. Und auch im Praktikum sitze ich ja hinten, also die gleiche Perspektive. Nur, dass ich jetzt nicht mehr dme Unterricht folgen muss und mich vollkommen auf den Typen am Pult konzentrieren kann.

Es klingt nach Streber und muss für die Schüler auch so aussehen, aber: Ich notiere mir tatsächlich, was mir zum Lehrer und seinemUnterricht auffällt. Meine krakelige Schrift – denn das ordentliche Schreiben habe ich sofort nach dem Abitur verlernt – steht für vernichtende Urteile, aber auch ehrfürchtiges Lob. In der ersten Woche habe ich schon viele verschiedene Arten der Spezies Lehrer entdecken können: Linksalternative Studienräte mit den Fächern Deutsch und Geschichte, die die 68er nur knapp verpasst haben genauso wie strenge, frontal unterrichtende Doktoren, die eigentlich nur ihrem Lieblingsgebiet fröhnen und Schüler nur dazu brauchen, ihre Vorträge wenigstens mit Statisten anzureichern.
Da ist ein Lehrer mit Doktortitel, der seine elfköpfige neunte Klasse in Deutsch nicht in den Griff bekommt. Da ist aber auch der junge, engagierte Lehrer, der 23 Achtklässler überhaupt nicht im Zaum halten muss, weil sie von seinem fabelhaften Geschichtsunterricht so sehr in den Bann gezogen werden. Ein älterer Deutschlehrer diktiert seinem Leistungskurs leise säuselnd jene Daten und Fakten, die er als Fan seines Faches vielleicht liebt, die aber seinem Kurs genau diese Liebe verbauen könnte. Andere Lehrkräfte weisen mich und andere Praktikanten ab – haben sie Angst, wir könnten ihren Autoritätsverlust bemerken? So in etwa sieht das Bild aus, dass sich vor meinen Aufen abzeichnet.

Ich habe die negativen Beobachtungen nicht mit den positiven aufgerechnet. Ich habe einfach nur gesehen:So ist Schule, so kann sie sein – und so soll und muss sie eher nicht sein. Die Entscheidungsgewalt für einen der drei Wege hat man nicht ganz alleine, jedoch kann man mit Interesse, Talent und Optimismus vieles bewegen. Ich für meinen Teil habe nicht im Geringsten Angst vor meinem künftigen Beruf im Gegenteil: Ich habe noch mehr Lust, noch mehr Interesse – und noch mehr Optimismus. Schule – das ist vor allem eine Chance, für Schüler wie auch für Lehrer.
Was ist eigentlich Spießertum? 24. September 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: Biedermeier, Deutschland, Dorf, Idylle, Spießer, Verein, Vereinsmeier
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Diese Frage war eigentlich seit der Pubertät, als auch Ich um keinen Preis als „spiessig“ gelten wollte, nicht mehr relevant. Vor einigen Tagen bin ich mir aber bewusst geworden, dass ich manche Vorraussetzungen für diese streitbare Bezeichnung erfülle: Zwar war und bin ich kein typischer Vereinsmeier. Eigentlich bin ich in keinem Verein aktiv, und schon gar nicht nicht beim Schützen- oder Trachtenverein. Nein, ich betrachte vielmehr die Verlagerung meiner abendlichen Aktivitäten von der Stadt in mein Dorf. Ganz unbewusst, fast automatisch, geht man als Vor-Vorstadt-Mensch eben in die Stadt – sei es in die Schule, zum Einkaufen zur Arbeit. Doch vor kurzem war ich – zum ersten Mal – in meinem eigenen Ort weg. Ich habe gesehen, dass es tatsächlich Bars gibt, die dem Stadtstandard entsprechen, war aber auch in Kneipen, die ich schon von Außen als abstoßend empfand. Dabei durfte ich viele nette Menschen kennen lernen, die aber viel stärker mit ihrem ländlichen Wohnort verwurzelt sind, für die Bier und Weißwurstfrühstück nicht nur Tradition sondern regelmäßige Pflicht sind. Bin ich etwa unversehens in der spießigen Realität der Landidylle gelandet?
Es war wirklich ein schöner Abend, trotz und weil viel getrunken wurde. Aber wie ein Bekannter treffend und ohne zu Lallen formulierte: „Man kennt seine Heimat erst, wenn man sie mit den Augen eines Besoffenen gesehen hat“….was für ein Menetekel! Stunden später wankten wir dann bei Eiseskälte durchs Dorf und fuhren anschließend ohne Licht mit dem Rad weiter…eine durchaus interessante Erfahrung, jedoch hadere ich noch mit meinem Gewissen bei der Einordnung; „Hochnotpeinlich“ und „Erfahrung“ stehen als Kategorien zur Auswahl.
Ist das schon spiessig? Immerhin ist der alkoholisierte Zustand in Bayern und Franken für gewöhnlich kein Zeichen von Kontrollverlust, sondern gilt eher als Symbol der Heimatverbundenheit. Wer Tracht trägt, im Schützenverein ist und im Kirchenchor singt, darf auch ‘mal ‘ne Maß zu viel trinken, so ein selten gesagtes aber umso öfter gemeintes Motto. Okay, eine Tracht habe ich nicht. Und in Vereinen bin ich auch nicht wirklich. Aber ich gebe es freiheraus zu: „Heimatverbundenheit“ im Weitesten Sinne verspüre ich immer öfter. Viele Bekannte schmieden Karrierepläne, „in Berlin/München werde ich dann….und dann meine Yacht…..“, so die Träume. DIe hatte ich auch, lange Zeit sogar. Aber irgendwie stellt sich langsam aber sicher ein Gefühl ein, dass ich als Vernunft bezeichnen will, oder besser: Realismus. Denn eigentlich will ich viel lieber hier leben und arbeiten, meine Familie gründen, alt werden und so weiter. Meine Heimatregion ist wunderschön, es gibt Arbeit, genug Kindergartenplätze, nahezu keine Probleme, kurzum: Wolkenkuckucksheim, Bayern wie im Bilderbuch. Und ich finde das gut so.
Auch wenn ich das ständige intrigieren, Funktionen-besetzen und Feste-organisieren der Vereine nach wie vor nicht wirklich leiden kann. Ich finde es längst nicht mehr so ätzend. Dorfleben, Dorfgemeinschaft ist in vielen Fällen Wunschdenken. Aber verkehrt ist das sicher nicht. Und unter den Selbstdarstellern, falschen Gerüchten und bösen Spielchen finden sich immer wieder liebenswerte Menschen, die einfach nur ihren Spaß haben wollen. Deswegen, und nicht aus falschem Traditionsbewusstsein oder aus Profilierungssucht, bin ich beim örtlichen Männerchor und bei der Theatergruppe. Es ist einfach eine gute Sache.
Profilierungssucht konstatiere ich indes jenen Menschen, die um jeden Preis „nicht spießig“ sein wollen. Denn, wie Ödön von Horváth einmal sagte:
[Ein Spießer ist ein] …hypochondrischen Egoist, der danach trachtet, sich überall feige anzupassen und jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet.Und Egoisten sind die Menschen, die das Dorfleben interessanter machen, im Prinzip ja nicht.

Aber ich kann diese Haltung nicht wirklich verübeln, stellen sich doch so viele Genossen immer wieder die Frage: Warum wählen die uns nicht? Verzweifelt jammerten also auch die sozialdemokratischen Wahlkampf-Buttons und Plakate: „Dieses Mal fremdgehen: SPD wählen!“ und „Ich bin ein unanständiger Bayer!“ (bezogen auf CSU-Äußerungen, nur wer schwarz wähle sei ein echter und vor allem vernünftiger Bayer). Wie gesagt: Diese Sprüche klangen sehr jämmerlich – bei jeder anderen Partei wären sie als gewitzte Kampagne herüber gekommen. Da fällt mir ein: Zerfleiche ich als Genosse meine Partei hier nicht schon wieder? Hach, die SPD ist schon ein besonderes Phänomen.
