jump to navigation

Muse – Black Holes and Revelations 18. Juni 2008

Posted by frischmax in Musik.
Tags:
trackback

Das erste Mal habe ich von dieser Band gehört, als sie 2003 mit „Time is running out“ einen ersten Charterfolg feierten. Zwar nicht in Deutschland, aber die hiesigen Musiksender schauen ja ein bisschen über den Tellerrand hinaus – und so entging mir nicht, dass eine Band mit krassen Beats und Synthieklängen immerhin Platz 8 der UK-Singlecharts erreichte. Ich weiß noch, dass mir damals vor allem die komische Atemtechnik des Sängers eher auf den Kecks ging: Er schnappte nach jeder Zeile regelrecht nach Luft.

Fünf Jahre später sind Muse auch in Deutschland einigermaßen bekannt – auch wenn sie weit davon entfernt sind, Stadien zu füllen wie sie es in England zweimal in Wembley geschafft haben. Zwar durfte ich sie 2007 bei Rock im Park erleben – und der Auftritt machte mich endgültig zum Fan – doch rissen sie dort die vielen zehntausend Zuschauer nicht besonders mit. Vielleicht, weil Muse nicht unbedingt massentauglich sind mit ihrer eher emotionalen Musik aus komplizierteren Melodien und Rhythmen? Darauf möchte ich eingehen, wenn ich das letzte Album „Black Holes and Revelations“ etwas näher betrachte.

„Schwarze Löcher und Offenbarungen“ – so in etwa lässt sich die titelgebende Zeile übersetzen. Ich kenne das Album mittlerweile fast auswendig und würde kurz und frei interpretieren: Emotionale Abgründe, Tiefen und gigantische, mitreißende Musik. Musik und Text dieses Albums sind für mich als infizierten Hörer wirklich ein Erlebnis; zu Muse fliege ich in ganz andere Sphären. Die CD eröffnet das Klangspektakel mit leisen, progressiven und beinahe mystischen Akkorden, unterlegt von einem stetig drängenden Thema. Erst eine gute halbe Minute später setzt Sänger Matthew Bellamy ein und singt – ebenfalls in einem ausgedehnten Crescendo seinen Text „Take a bow“ – und der hat es in sich.


Corrupt
You corrupt
And bring corruption to all that you touch
Hold
You'll behold
And beholden for all that you've done
Spell
Cast a spell
Cast a spell on the country you run
And risk
You will risk
You will risk all their lives and their souls
And burn
You will burn
You will burn in hell
Yeah, you'll burn in hell
You'll burn in hell
You'll burn in hell for your sins

Folgerichtig folgt dieser Anklage unserer politischen Führer ein erster Höhepunkt, die Musik entlädt sich in einem Wahren Strudel aus ineinander verschränkten absteigenden und aufsteigenden Phrasen und schwillt letztlich unter massivem Einsatz des Schlagwerks an zu einer einzigen, langen Eruption in der sich alles dem Unrecht dieser Welt entgegenwirft.

Ein weiteres Stück, jedoch vollkommen anders als „Take a bow“ ist der titelgebende Track. Es scheint fast so, als hätte hier der allgegenwärtige Konfektionsbritpop auf Muse übergegriffen: Ziemlich funky, mit massigen Bassakkorden, eingängigem Rhythymus und einfachem Refrain erreichte dieser Titel Platz vier der Singelcharts.  Der Sänger zeigt hier, was seine Stimmbänder so alles können: Im Chorus ziemlich tief, dann mit sehr hoher Kopfstimme besingt Matthew Bellamy die schwarzen Löcher dieser Welt. Gewisse Ähnlichkeiten und Vergleiche mit Prince oder Kanye West drängen sich auf – in jedem Fall eines der partytauglichsten Stücke der Gruppe.

Was zunächst wie ein militärischer Marsch anmutet, ist eine nah am Kitsch vorbeischrammende Ballade: „Invincible“ schmachtet melancholisch die Freiheit, den Kampfgeist und eigentlich den Optimismus an, den mensch haben sollte. Musikalisch entwickelt sich der Song erst ab der Hälfte zu einem treibenden, fordernden und drängelnden Stimmungsmacher, bevor dann ein wunderschöner Abschluss folgt, bei dem Matthew seine Gitarre zu erwürgen scheint – die Töne sind unglaublich quengelnd und hoch, passen aber zum euphorischen Ausbruch.

And during the struggle
They will pull us down
Please, please let's use this chance to
Turn things around
And tonight we can truly say
Together we're invincible

Together we're invincible

Und noch einem Song, meiner Meinung nach das beste Stück von Muse überhaupt, möchte ich mich zuwenden. „Knights of Cydonia“ – ein furioser, herrlich verrückter und innovativer Song. Und das trotz oder gerade wegen der Anleihen, die Muse hier ganz konkret begehen: Wie der Videoclip ist auch das Intro eine Hommage an den Westernfilm, vor allem an Ennio Morricones Soundtracks. Man kann die Pferde förmlich galoppieren hören, wenn die E-Gitarre das Hauptthema ,begleitet von einem flotten Schlagzeug, beginnt. Sanft singt Muse-Mastermind Matthew vom Kampf gegen Ungerechtigkeit und stimmt in die Kampfhymne ein:

    
No one's gonna take me alive
The time has come to make things right
You and I must fight for our rights

You and I must fight to survive

Ein schlichtweg genialer Track, der sehr viele Elemente moderner Rockmusik mit einigen Reminisszenzen an vergangene Klänge verbindet und eigentlich jeden Zuhörer mitreißen sollte – bei Rock im Park haben jedenfalls einige die Bodenhaftung verloren.

Ich bin naürlich schrecklich voreingenommen, geradezu befangen. Dennoch möchte ich ein Fazit ziehen:

Muse machen geniale Musik. Sie beherrschen ihr Handwerk, alles ist perfekt arrangiert und wird ebenso engagiert vorgetragen. Es gibt nichts zu meckern. Und genau da liegt das Problem: Bei Rock im Park wie auch bei ihrem Konzert in Wembley (das ich auf DVD habe) ziehen die Drei ihr Programm durch. Ohne Fehler, ohne Lücken, ohne Ecken und Kanten. Wer die Musik kennt, wird Muse dafür lieben und derjenige weiß, dass er alles bekommt, was Muse im Angebot hat. Wer Muse aber nicht so gut kennt, und das ist bei Festivals wohl bei der Mehrheit der Fall, kann schnell enttäscht werden. Wo andere Bands durch den Kontakt zum Publikum neue Hörer hinzugewinnen oder mit Enterrtainment musikalische Schwächen kompensieren – haben Muse nichts in der Hand. Sie machen Musik, und dafür bezahlt der Musekenner gerne. Wer aber noch nicht infiziert ist, wird es nicht einfach haben. Einmal aufgrund der kühlen Professiinalität der Band und auch aufgrund der Komplexität des Werks – wer die Lieder zum ersten Mal hört, wird vermutlich weggeblasen, wird es gar als krach empfinden. Es sei also gesagt: Muse ist keine Partymusik und ich selbst höre keines der Alben rauf und runter. Nach „Black Holes and Revelations“ bin ich erstmal fertig und starre ehrfürchtig in die Schwarzen Löcher, die sich auftun – doch die sind nicht leer sondern voll bis an den Rand mit einem Klangerlebnis der Extraklasse.

Kommentare»

No comments yet — be the first.