Das Asterix-Gefühl 21. Juni 2008
Posted by frischmax in Deutschland.Tags: Deutschland, Em 2008, Asterix, Globalisierung
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Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten.
Diese weltbekannten Zeilen leiteten einst den ersten Comic von Asterix dem Gallier ein. Seitdem haben die von René Goscinny und Albert Uderzo ersonnenen Figuren viele Abenteuer bestanden, waren für Generationen von Kindern und Jugendlichen Bestandteil des Aufwachsens und sind den älteren Fans noch heute viel wert. Und das Weltweit - in über 80 Sprachen wurde die Reihe übersetzt. Darunter Exotensprachen wie Altgriechisch, Latein oder Unterengadinisch. Alleine in Deutschland liegen einzelne Abenteuer in insgesamt 22 Dialekten vor. Asterix, das ist eine globalisierte Marke im besten Sinn.
Dennoch kann man gerade die anfangs zitierten Zeilen ganz anders interpretieren, wie es ein Artikel Zeit-Magazin Leben vormacht: Ist es nicht so, dass in einer globalisierten Welt sich einzelne Nationen oder Regionen genauso fühlen wie die fiktiven Gallier? Von Römern anderen Mächten umzingelt? Kurz davor, assimiliert zu werden und die kulturelle Identität zu verlieren? Matthias Stolz führt am Beispiel der deuschen Dialekte, die er wieder aufleben sieht vor, dass die eigenen Symbole und Errungenschaften wieder wichtig werden, wenn um uns herum alles nur noch eine Sprache spricht und einem Trend folgt. Um zu wissen, wer man ist, reicht es nicht Englisch zu sprechen von Morgens bis Abends und von Kindesbeinen an. Wissen, woher man kommt um zu wissen, wohin man geht, wie einst jemand (wer?) sagte.
Neben dieser Deutungsweise tauchen noch einige weitere auf: Ist es Zufall, dass in ganz Europa wie auch
weltweit nationalistische, patriotische Strömungen wieder erstarken? Ich glaube nicht. Die Angst vor dem großen Ungetüm Globalisierung grassiert doch gerade in jenen Ländern, wo es jahrhundertealte Traditionen und eine meist noch längere Geschichte gibt. In Deutschland, Frankreich, Polen, Tschechien und vielen anderen Nationen des historischen Europas punkten Rechte gerne und oft mit EU- oder UN-feindlichen Standpunten. Und haben nicht die Iren den Lissabonvertrag abgelehnt, und ist daran nicht auch eine gewisse Unwissenheit und Angst beteiligt gewesen – Angst vor dem Verlust der nationalen Eigenständigkeit? All das ist irgenwo verständlich – in demokratischen Staaten darf man seine Meinung sagen und behaupten. Warum sollte das in einem Staatenbund aus demokratischen Nationen nicht gelten?
Eine weitere Sichtweise drängt sich mir mit der gerade stattfindenen EM auf: Warum ist Fußball gerade für die Deutschen immer so wichtig gewesen? Das Wunder von Bern bewies einer gerade erst wieder aufkeimenden Nation, die zuvor Vieles verloren hatte, dass Deutschland wieder zurück war auf der Landkarte, im Sport, in der Staatengemeinschaft. Auch heute sind Siege bei internationalen Events wohl ein Symbol dafür, dass man noch etwas wert ist, noch etwas kann. Insofern sind diese Siege wohl auch nicht verwerflich. Solange es sportlich bleibt.
Nicht nur im Sport, auch in anderen Disiplinen spielen kulturelle Eigenheiten der verschiedenen Teilnehmer eine große Rolle, Machen nicht Musiker, die auf Deutsch singen, in den letzten Jahren Furore? Haben wir nicht seit einiger Zeit eine “Neueste Deutsche Welle” ? Diese Erfolge haben glücklicherweise jenen Stimmen den Wind aus den Segeln genommen , die sich für eine Quote für deutschsprachige Titel im Radio stark machen. Der Erfolg zeigt: Man muss die eigene Kultur oder Sprache nicht zwangsweise übervorteilen, um sie retten zu können. Vielmehr muss man sie gar nicht retten: Genug Menschen setzen sich ganz zwanglos dafür ein, dass andere ich für uns interessieren. Und nur so, nicht nur “Deutsche hören Deutsch” findet ein Wettbewerb der kulturellen Identitäten statt, der letzlich allen Vorteile bringt. Freilich nicht jedem zu jeder Zeit – aber jeder wird an die Reihe kommen.
Schlussendlich können gerade wir Deutsche uns zur Zeit nicht als Gallier fühlen. Wie passt ein Asterix-Komplex in das Bild, dass wir und das Ausland von uns haben? Wir drehen Filme über unsere Vergangenheit, wir verkaufen die dunkelsten Kapitel der Geschichte mit hohem Gewinn ins Ausland, wir sind sportlich erfolgreich. Deutsche Technik – weltweit im Einsatz. Exportweltmeister. Deutsche an allen Ecken und Enden der Welt im Urlaub. Und so weiter. Da soll noch mal jemand behaupten, die Globalisierung würde uns bedrohen.

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