Polyphone Karnivoren 26. Juni 2008
Posted by frischmax in Kino.Tags: Film, Horrorfilm, Pflanzen, Ruinen, The Ruins
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Was der geneigte Cineast nicht alles erleben kann, wenn er sich einen Horrorfilm anschaut, von dessen Schwachsinnigkeit er eigentlich schon im Vorhinein überzeugt ist. Im Prinzip hat es so mit meinem Interesse für Horrorfilme auch angefangen: sich sattsehen an auf Zelluloid bzw. DVD gebannten Geschmacklosigkeiten. Ich glaube, der erste solche Film war Poltergeist, den ich mit 13 oder so heimlich geschaut habe – für einige Jahre war das dann auch der Einzige. Zu viel Angst. Ich kann mich aber daran erinnern, dass ich mit 16 in den Genuß von einem der unzähligen „Hellraiser“-Teile kam – und ihn zwar ziemlich brutal und ekelhaft fand, aber doch einige tiefenpsychologisch wie storytechnisch interessante Besonderheiten finden konnte. Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr. Seit damals habe ich also unter dem Vorwand, mich über schlechte Filme amüsieren zu wollen, einige mehr oder weniger üble Machwerke über den Bildschirm flimmern sehen. Mit der Zeit ist mir dann aufgefallen, das es ab und an wirklich „gute“ Filme in diesem Genre gibt, wobei „gut“ hier entweder von der Handlung oder den Interpretationsmöglichkeiten ausgehend verliehen wird. Ebenfalls „gut“ sind für mich dann aber auch jene Filmchen, die durch unfreiweillige Situationskomik bestechen. Oder durch zwar kranke aber außergewöhnliche Ideen, z.b. fleischfressende, klingeltönende Pflanzen. Zu einer wahren Perle in diesem Subgenre möchte ich paar Worte verlieren:
„Ruinen“ läuft seit heute in den deutschen Kinosälen. Der Trailer verspricht dem Zuschauer alte
Mayatempel, die von ahnungslosen amerikanischen Touristen belästigt werden und sich folglich mit irgendeinem bösartigen, furchterregenden und blutigen Parasiten wehren, der die Charaktere befällt. So weit so gut, Plots von Horrorfilmen lassen sich meistens schnell erzählen. Der Film beginnt mit einer standarisierten Einführung der Personen in der sicheren Hotelanlage; man erfährt Namen und Studienfächer, was für den Film nicht wirklich wichtig ist. Obwohl, es sind deutsche Namen – also vielleicht diesmal keine Amis als Opfer? Ode will man auf dem deutsche Markt punkten? Egal. Da man im Urlaub mehr erleben will als Sex on the Beach beschafft man sich, was auch sonst, geheime Karten mit noch geheimeren Ruinen, die sonst nirgends verzeichnet sind. Auf dem Weg dorthin erleuchten Dialoge wie „Es gibt gar keinen richtigen Weg!“ das Dunkel des mexikanischen Dschungels. Ein paar botanische Besonderheiten, die leider nicht weiter erläutert werden – jedenfalls wären diese Pflanzen interessanter als die Dialoge – und eine mysteriöse Erscheinung von dreckigen Kindern später stehen die Studenten vor einer uralten Mayapyramide und laufen munter in das hüfthohe Gestrüpp, dass die Steine überwuchert. Wie aus dem Nichts tauchen einige Ureinwohner auf, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben als den Tempel zu bewachen, und töten den unwichtigsten weil nicht eingeführten Charakter weil dieser, so schaltet der Horrofilmkenner sofort, durch das Berühren der Pflanzen verflucht ist. Leider sind die Charaktere nicht so schlau und verstehen kein Mexikanisch, was die Situation noch erschwert. Also laufen sie immer weiter auf den höchsten Punkt des Tempels und streifen dabei alle die Pflanze.
Weil kein Ausweg in Sicht ist, das Satellitentelefon nicht geht und ein dunkler Gang das einzig erkundbare ist, stürzt der zweitunwichtigste Darsteller n denselben hinab und bricht sich nicht ein sondern zwei Beine. Die Rettungsaktion mit einem kaputten Seil hat das erste weibliche Opfer zur Folge: Bein angeknackst. Es muss also noch jemand runter – die zweite weibliche Person. Zusammen richten sie den armen Kerl moch mehr zu, weil sie keinen ersten Hilfe-Kurs belegt haben und ihm vermutlich das Kreuz brechen, als sie ihn am Kopf und an den Füßen packen. Immerhin können sie ihn ans Tageslicht ziehen, wo er seinem Tod entgegenblickt. Moment mal, hatte er nicht ein Telefon? Ach Mist, das liegt ja noch unten. Also flugs wieder rein – was so einfach nicht ist, denn die Pflanze scheint mit einem Mal lebendig geworden zu sein und ahmt – die Evolution die Drehbuchautoren bringen manchmal echt wahre Wunder zu Stande – den Klingelton nach. So finden die beiden Damen das Telefon erst spät und werden dabei immer wieder von der plötzlich auch noch hungrigen Blume angegriffen.
Der Rest ist denkbar einfach und wird im Film in ungefähr 25 Minuten abhandelt: Die Pflanze ist ziemlich gemein und kletter sogar in die Zelte, und da bevorzugt in die schlafenden Menschen. Einige Goreszenen müssen freilich noch her; so beschließt man ob der gähnenden Langeweile, die sich breit macht, dem Schwerverletzten die Beinchen abzumachen. Da das Taschenmesser zu klein ist, muss man diese erst mit Steinen brechen. Entgegen der Vermutung, der so geschundene wäre Querschnittsgelähmt und würde unterhalb des Beckens nichts mehr spüren, ist dem nicht so. Schließlich beendet die Kletterpflanze, die nun nicht mehr nur Klingeltöne sondern auch Schreie nachahmt, das Leid. Die Verbliebenen reiben sich gegenseitig mit Schuldzuweisungen auf, außerdem verteilt das Gewächs auch seltsame Parasiten, die das kleine Grüppchen zum Wahnsinn treiben.
Alles in allem: Kein guter Horrorfilm im Sinne einer akzeptablen Story oder guter Leistungen oder psychologischer Interpretationsmöglichkeiten. Aber: Diese Pflanze, das fand ich mal interessant. Beziehungsweise lustig. Warum heißt der Film eigentlich Ruinen? Ich finde „Polyphone Karnivoren (= mehrstimmige fleischfressende Pflanze)“ wäre mal ein richtig innovativer Titel.
Quelle: Bild 2 und 3 von www.filmstarts.deDem Jubeltaumel trotzen 26. Juni 2008
Posted by frischmax in Deutschland.Tags: Deutschland, EM, Euphorie, Fußball, Jubel, Taumel, Türkei
2 comments
Ich bin zwar nicht gläubig, möchte aber dennoch beichten: Ich habe das Spiel gestern Abend gesehen. Ich ließ den Fernseher einfach laufen und schaute beim Surfen und Zocken gelegentlich hin. Und immer dann, wenn irgendjemand in meinem kleinen Ort meinte, Raketen zünden zu müssen, Böller zu werfen oder laut zu Hupen. Entweder gibt es hier doch mehr Fußballfans als ich dachte oder es war ob des kollektiven Fernsehschauens so still, dass ich die paar Huper umso lauter hören konnte. Sei’s drum. Ich habe mich gefreut, dass die DFB-Auswahl weiter ist. Noch mehr habe ich mich allerdings darüber gefreut, dass die Medien das stetig expandierende Sommerloch nicht mit Krawallen seitens türkischer Fans füllen können – die gab es nicht. Wohl aber übten sich einige Deutsche in dem, was sie wohl unter „sportlicher Rivalität“ verstehen. Und so kannte der Jubel in Berlin und auf den unzähligen Fanmeilen keine Grenzen.
Keine Ahnung, ob ich Probleme mit meinen Emotionen habe oder irgendwie anders bin als Millionen Deutsche. Aber ich habe einfach nicht das Bedürfnis, bei Toren zu schreien. Ich brauche keine Deutschlandflagge, weder im Gesicht noch am Fenster. Ich weiß auch so, in welchem Land ich mich befinde. Deutschland – das ist für mich sicher in gewisser Weise Heimat. Ich mag vieles an diesem Land, manches kann ich aber auch nicht ausstehen. Ginge es darum, Bilanz zu ziehen, käme ich in der Summe wohl auf Null oder ein leichtes Minus. Ehrlich gesagt ist es mir aber egal. Es ist mir nicht wirklich wichtig, ob ein Sportler für Deutschland irgendwo gewinnt. Denn für mich ist das immer der Sieg des Teilnehmers oder der Mannschaft. Schön für ihn/sie, aber mich tangiert das nicht. Diese Haltung, die ich mir selbst auch nicht recht erklären kann und eigentlich gar nicht hinterfragen möchte, treibt regelmäßig Menschen in meinem Bekanntenkreis zur Weißglut. Aber das ist mir dann meistens genauso egal wie Sieg und Niederlage der Deutschen Nationalmannschaft.
Natürlich ist Freude berechtigt, wenn im Fußball eine Mannschaft gewinnt, die man unterstützt. Jedoch, bei allen Glücksgefühlen: Wen bejubelt ihr Fans denn eigentlich? Deutschland? Warum denn Deutschland? Spielt da nicht eine Fußballmannschaft, die weder „von Deutschland“ geschickt wurde noch dieses Land repräsentieren kann und soll? Umso unverständlicher, dass auch die staatliche Vertreterin Frau Merkel die Nationalelf bejubelt, die ja eigentlich eine DFB-Elf ist. Alles kleine Details, über die es sich nachzudenken lohnt. Deshalb empfehle ich an dieser Stelle zwei Artikel, die der scheinbar kollektiven Euphorie trotzen:
Ad Sinistram: Fußball, Schach oder Halma? – Egal, Hauptsache national!
Oeffinger Freidenker: Zum Fußball-Patriotismus
