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Mein Problem mit dem Nichtglauben 27. Juni 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Weltanschauung.
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Viele Menschen finden erstaunlich schnell eine Bezeichnung für ihr Weltbild, für ihren Glauben. Christlich nennen sich die Meisten in meinem Bekannten- und Freundeskreis, bei fast allen bedeutet der Begriff auch mehr oder weniger das Gleiche: „Standardchristen“ heutzutage sind friedfertig, weltoffen, tolerant und irgendwo ein bisschen gläubig, da es ja irgendetwas geben muss, dass vor dem Urknall war. So in etwa sieht das moderne Flickwerk aus Religion und Wissenschaft aus. Ich selbst handle sicherlich auch christlich – nur bezeichne ich mich nicht so. In den Urkunden steht „evangelisch“, in der Realität bin ich ziemlich ungläubig. Ich glaube nicht an eine höhere Macht, die bewusst eingereift oder eingegriffen hat. Ausschließen kann ich das nicht, aber die Existenz kann mir auch niemand beweisen. Eigentlich müsste ich also „konfessionslos“ oder besser „ohne Glaubensbekenntnis“ in die Papiere eintragen lassen und wo andere sich „christlich“ benehmen, müsste ich agnostisch bzw. atheistisch handeln.

So einfach ist es aber dann doch nicht. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Ich kann im Team arbeiten, ich kann gut mit anderen Menschen. Ich kann aber auch sehr gut mein eigenes Süppchen kochen, alleine. Das soll sagen: Ich lasse mich nicht gerne mit anderen in einen Topf werfen, um im Bild zu bleiben. Ich will für mich und andere immer klare Trennlinien anzeigen zwischen der Masse und dem Individuum. So ist es mit den vorhin genannten Begriffen auch. Als Christ wollte ich nicht mit den ganzen Christen in einen Topf geworfen werden, die darunter etwas völlig anderes verstehen als ich. Und als Ungläubiger möchte ich keinesfalls mit den Atheisten und Agnostikern über einen Kamm geschert werden.

Da gibt es nämlich Strömungen und Haltungen, die ich absolut nicht teile. Genauso wie manche evangelikal-fundamentalistische Christen einen „Clash of Religions“ anzetteln wollen, gibt es nämlich auch zweifelhafte Stimmen aus dem vermeintlich so objektiv urteilenden Lager der Atheisten: da wollen doch manche tatsächlich Religionen abschaffen. Andere treten Gläubigen mit Spott und Hohn gegenüber, diskriminieren religiöse Menschen aufgrund ihres Glaubens. Diese Attitüde kann ich gar nicht ab, ehrlich. Als offen Nichtgläubiger muss man sich oft anhören, ob man denn überhaupt so etwa wie eine Moral habe. Diese Frage ist natürlich schwachsinnig – Moral, Werte und Ethik sind und waren nie ausschließlich an Religionen gebunden. Genauso dumm ist es aber, den Anhängern vermeintlich überholter Weltanschauungen jegliche Vernunft abzusprechen – und manchmal gar das Recht, nach ihrem Weltbild zu leben.

Atheisten kritisieren oft das missionarische Gehabe der Weltreligionen, die Dogmen, die Denkverbote und Fehlleistungen der Vergangenheit. Das ist durchaus berechtigt, ich prangere das oft genug an. Man darf aber nicht die gleichen Fehler wiederholen und sich selbst im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen. Zwar ist Atheismus per se prinzipiell auch solchen Strukturen unterworfen, wie sie Religionen aufweisen. Denn wörtlich übersetzt ist Atheismus nur das Gegenteil von Theismus, also in manchen Interpretationen die dogmatische Vertretung des Nicht-Gottglaubens gegenüber den Anhängern des radikalen Gottglaubens. Doch diese Haltung wäre wenig fortschrittlich und wird den Prinzipien eines Atheismus nicht gerecht, den ich vertreten will.

Leider scheinen aber die Verbände der Freidenker und Konfessionslosen in Deutschland von solchen Stimmen, wie ich sie gerade dargestellt habe, dominiert zu werden. Meist geschieht diese radikale Ablehnung jedweden Glaubens und die Herabwürdigung der Anhänger von Religionen unter dem Vorwand, man müsse bei der Kritik heftig vorgehen um kleine Veränderungen zu provozieren. Offiziell will ja keiner die Religionen abschaffen – inoffiziell wird jedoch zumindest die Verbannung des Glaubens aus dem Öffentlichen Raum gefordert. Michael Schmidt-Salomon, der Vorstandssprecher der atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung, tritt in Talkshows häufig wie ein Kardinal Meisner der Atheisten auf und wirft mit Vorwürfen gegen Kirche, Glauben und Gläubige nur so um sich und hebt „den Atheismus“ auf eine Stufe, die dieser meiner Meinung nach nicht innehaben sollte: Atheismus als Wissenschaftsreligion, als fundamentale Wahrheit, an die jeder vernunftbegabte Mensch einfach glauben muss. Auf die Frage, ob er ein Religionshasser sei, antwortete M. S. Salomon:

Die große Aufgabe der Aufklärung besteht darin, das Eine von dem Anderen zu trennen. Dies kann, so meine Überzeugung, nur dann gelingen, wenn Kritiker von „Außen“ ihre Position so klar wie möglich formulieren. Dies nämlich schafft erst die notwendigen Freiräume für innerreligiöse Reformprozesse. Pointiert formuliert: Ohne Marx, Nietzsche, Freud, Russell gäbe es auch keinen Schweitzer, Küng, Drewermann und auch keine Dorothee Sölle. Die Tragik des Islam besteht darin, dass es solche „Kritik von Außen“ bislang nicht in ausreichendem Maße gegeben hat. Deshalb stehen die Vertreter des „Euro-Islam“ momentan auch noch auf so verlorenem Posten. [1]

Auch hier ist eine gewisse Hybris zu erkennen: So wie sich Vertreter des Christentums und des Islams gerne herausnehmen, die jeweils andere Religion völlig zu Recht missionieren zu müssen, sich im Besitz eines göttlichen Auftrags wähnen, denken scheinbar manche Atheisten ganz ähnlich und sehen sich als Retter der Religionen – natürlich erst mal nur durch Reformen.

Und Reformen sich unbedingt nötigt, das steht außer Frage. Aber ich als toleranter und aufgeklärter Mensch glaube daran, dass jeder Mensch sich seine Weltanschauung aussuchen darf, solange er sie begründen kann, sie ihm nutzt und anderen nicht schadet. Ich glaube nicht an einen Gott, weil ich nach sorgfältiger Abwägung der Argumente zu diesem Schluss gekommen bin. Dieser „Glaube“ ist meine Privatsache, ich zwinge ihm niemanden auf. Und wenn Gläubige anderer Anschauungen mich nicht missionieren wollen und friedlich bleiben – ist das für mich kein Problem und geht mich als Privatsache des Anderen nichts an.

Privatsache – das bedeutet aber auch, und hier teile ich in manchen Bereichen die Bestrebungen eines Schmidt-Salomon, den Öffentlichen Raum freizuhalten vom Einfluss der Religionen oder immerhin jeder Glaubensgemeinschaft gleich viel Einfluss zuzugestehen. Das ist ein schwieriger Balanceakt. Er  wäre aber wünschenswert, da nur dann eine Koexistenz der Weltanschauungen überhaupt eine Chance bekommt. Und gerade die vermeintlich so vernunftbegabten, klugen Atheisten trauen sich nicht an diese Aufgabe, sondern wollen lieber eine dogmatische Lösung? Hm, irgendwie sind die also auch nicht weiter als die unfehlbaren Besitzer der absoluten Wahrheit, ganz gleich ob sie sie im Namen Jesu, Mohammeds oder Gottes verbreiten wollen.

Quelle:

[1] http://www.schmidt-salomon.de/homepage.htm

Kommentare»

1. Hartmut Slomski - 1. August 2008

Natürlich sollte jedliche Weltanschauung Privatsache sein! Doch dem widerspricht ja bereits der Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen!
Vor allem sollte niemand in irgendetwas hineingepreßt werden. Doch wie sieht es damit aus, wenn der Staat für die Kirchen Steuern eintreibt, somit jeder Arbeitgeber anhand der Lohnsteuerkarte ersehen kann, welcher Arbeitnehmer Kirchernmitglied ist? Wenn daraufhin so mancher Arbeitnehmer nur deshalb in der Kirche verbleibt, weil er anderenfalls um den Verlust seines Arbeitsplatzes fürchtet? Und dies natürlich mit recht, wenn er nach langer Jobsuche einen Arbeitsplatz bei der Kirche oder einer kirchlichen Institution, z.B. Caritas oder Diakonie, gefunden hat! Und wie sieht das damit aus, wenn ehemalige DDR-Bürger, die nie Mitglied einer Kirche waren, nur deshalb dazu gezwungen werden, in einer einzutreten, um einen Job zu bekommen, da, vor allem im Westen in vielen Bereichen fast alle Arbeitgeber in einer Verbindung zur Kirche stehen.? Und dies ist doch z.B. im pädagogischen oder im medizinischen Bereich meistens der Fall!
Und niemand sollte das Recht haben einem anderen aufgrund seiner eigenen Weltanschauung einen irreversiblen Schaden zuzufügen! Doch genau dies geschieht doch z.B. bei Juden und Moslems durch die Beschneidung Neugeborener! Dies betrachte ich z.B. als eine schwere Körperverletzung!