Ein Überfluss an Attraktionen 28. Juni 2008
Posted by frischmax in Kunst.Tags: Attraktion, New York, New York Waterfalls, Tourismus, Wasserfall
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Es gibt Städte, die suchen ständig neue Mittel und Wege, bekannter zu werden. Sie machen auf sich aufmerksam, um noch mehr Touristen anzulocken, was durch die Berichterstattung über den Ansturm wiederum Publicity erzeugt und durch zahlendes Publikum Geld in die Kassen der jeweiligen Kommune spült. Nun, es gibt sicherlich Städte, die unbedingt einen richtigen Blickfang brauchen, damit das mit dem Tourismus klappt: Dortmund, Wilhelmshaven oder Hoyerswerda beispielsweise (willkürliche Auswahl). Andere sind zwar bekannt für Berühmtheiten oder Gebäude, haben aber das Entscheidende nicht, dass Berlin, München oder Hamburg zu Touristenmagneten macht.
Worauf ich hinauswill: Es gibt genug Städte, denen das gewisse Etwas fehlt. Die hätten es nötig, sich mit einer Aktion so aufzupeppen, dass wenigstens kurzzeitig über sie berichtet wird. Nürnberg glänzte 2006 einige Wochen lang mit einem Stuhlturm – allerdings weniger durch das Kunstwerk als durch die Debatten über dessen Hässlichkeit – insofern wurden eher die Schildbürger bekannt als der Ort des Kunstwerks. Aber, wie heißt es so schön in der Welt der Medien: Auch schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Oder: Auch sinnlose Aktionen erregen Aufmerksamkeit. Und so gibt es immer wieder Kunstaktionen, die mittelgroßen deutsche Städten das Gefühl geben, zumindest in der Region eine Metropole mit allem drum und dran zu sein. Seht her, auch wir haben (hässliche) Skulpturen! Und wie gesagt: Für manche Städte ist das tatsächlich ein Quantensprung in der Selbstvermarktung.
Eine Stadt aber, sie liegt an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika, hat derartiges mit Sicherheit nicht nötig: New York. Der „Big Apple“ ist per se eine Attraktion. Die Leute kommen von überall her, auch ich würde bei der erstbesten Gelegenheit hinfliegen, um diese Stadt zu bewundern. Erst nach dem modernen Mythos vom 15-Millionen-Moloch kommen die beinahe sekundären Sehenswürdigkeiten: Manhattan mit seinem Hochhausgewirr, der Central Park, die unzähligen Museen, der Broadway, die Freiheitsstatue und so weiter. Wegen solchen Besonderheiten kommen Menschen auch in diese Stadt. Aber, und das scheint für die Verantwortlichen außer Frage zu stehen: Kommen Millionen Menschen wegen künstlichen Wasserfällen nach New York?
„The New York Waterfalls“ ist ein Projekt des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson, bei dem an vier eher unscheinbaren Stellen bis zu 35 Meter hohe Wasserfälle in den East River stürzen. Beispielsweise an einem Pfeiler der Brooklyn Bridge oder auf Governors Island. Natürlich ist das Ganze mit erheblichem technischen Aufwand verbunden: Starke Pumpen bringen das Wasser auf die riesigen Gerüste, die trotz der 150.000 Liter Wasser, die pro Minute herabstürzen, ziemlich stark hervorstechen. Wirklich natürlich oder wenigstens echt wirkt das Spektakel nicht – trotz der 15 Millionen Dollar, die es gekostet hat. Die nehmen sich gegen die 55 Millionen, die die Stadt New York als Mehreinnahme durch die Wasserfalltouristen erwartet, natürlich als sichere Investition aus.
Vermutlich werden die künstlichen Wasserfälle sogar mehr Einnahmen erzeugen, als geschätzt. Wenn wir schonmal hier sind, nehmen wir Die auch noch mit, werden sich viele Besucher denken. Allerdings werden wohl die Wenigsten mal kurz wegen hässlicher Gerüste, den die sieht man irgendwie besser als das Wasser, nach NY fliegen. Wozu braucht so eine Stadt so ein Kunstwerk? „Es ist ein Teil der Stadt“, soll Olafur Eliasson bei der Eröffnung gesagt haben. Ja, das ist es – bis es im Oktober abgebaut wird. Aber es wirkt, so aus der Ferne betrachtet, mehr wie ein Anhängsel, ein künstlicher Auswuchs als wie organisches, gewachsenes Gewebe der Stadt. Vielleicht, weil New York keine Kunstwerke braucht, die Öffentlichkeit erzeugen? Denn Der Big Apple ist sozusagen ein perpetuum mobile in Sachen Selbstvermarktung.
Vielleicht sehen sie ja besser aus, wenn sie angestrahlt werden. Vielleicht verschwinden dann die Gerüste wirklich hinter Wasser, dass aus der Luft zu fließen scheint. Ansonsten werden, wenn das Wasser zwischen 22:00 und 7:00 nicht fließt, die Gerüste für sich sprechen: die Stadt verändert sich, es wird gebaut und ständig entsteht neues. Und im Oktober wird man sehen: nichts ist für die Ewigkeit – in New York wird auch vieles wieder abgerissen. Aber: New York ist New York ist Magisch – ob mit oder ohne Wasserfall.
