Nicht gerade berauschend… 29. Juni 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft.Tags: Alkohol, Bayern, Deutschland, Gesellschaft, Jugendliche, Kirchweih, Rausch, Suff, Volksfest, Wodka
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…finde ich besoffene Jugendliche bzw. Kinder. Einerseits sind die Folgen für den gemeinen Passanten ergo meine Wenigkeit unter Umständen nicht prickelnd. Wer will schon andauernd angepöbelt werden, Körperflüssigkeiten (und hoffentlich bleibt es bei Flüssigkeiten!) ausweichen und über Alkoholleichen stolpern!? Andererseits sind die Folgen für den Betrunkenen auch nicht angenehm. Wenn er das zweifelhafte Glück im Unglück erfährt, den Black-Out durch zu viel Alkohol, weiß er wenigstens nichts mehr von all den Peinlichkeiten.
Nicht gerade ehrlich ist der Umgang mit Alkohol in der Gesellschaft. Da wird in regelmäßigen Abständen nach mehr Erziehung, strengeren Gesetzen und Strafen gerufen – und gleichzeitig werben immer noch sehr junge Mädchen mit dem Bier in der Hand für Veranstaltungen aller Art. Eine Flasche Cola würde ebenfalls vermitteln, wie trendy die nächstbeste Party ist – aber natürlich würde sie den Bierbrauereien nicht weiterhelfen. Ein anderes, viel gewichtigeres Problem ist aber dieses zweifelhafte Verhältnis zu Alkohol, das viele Erwachsene an den Tag legen: Besonders auf dem Land ist ein “normaler” Rausch, gerade wenn er nur durch Bier entsteht, nichts verwerfliches. Ganz sanft werden den Kids die Leviten gelesen, mit einem Augenzwinkern wird auf die möglichen Folgen verwiesen. Aber ein bisschen Spaß muss und darf sein, klar. Es ist eben kein Wunder, dass gerade in ländlichen Gebieten die Saufarty in Zelten und Sporthallen nach wie vor populär sind – vielleicht nicht für 50-Cent, aber dann eben für einen Euro.
In meiner Region ist gerade Kirchweihsaison. Jedes Wochenende in einem anderen Kuhkaff, mal mit Autoscooter und mal nur im Zelt oder Biergarten. Wie so oft in den letzten Jahren gab es auch dieses Jahr einige Ausschreitungen; von Maßkrügen zertrümmerte Schädel beispielsweiße oder randalierende 14-jährige, sturzbetrunkene Mädchen. Models, die genau so jung aussehen, werben in den Zeitungen und auf Plakaten für billiges Bier und in der zweiten Zeile für die Bands, die auftreten. Mich wunderm diese Probleme nicht, ist es doch in vielen Familien okay, auch mit 14 mal ein Bier zu trinken – den mit 14 wird man konfirmiert und ist in der Kirchengemeinde vollwertiges Mitglied. So erleben nicht wenige Jugendliche kurz nach dem ersten Abendmahl auch den ersten Vollrausch – freilich nicht durch Hostien und Wein, sondern durch das russische Dreigestirn: Jelzin, Gorbatschow und Puschkin – alles Wodkamarken.
(aus dem Mitteilungsblatt Wendelstein)
Früher, da war alles besser. Wirklich? Ich glaube, dass sich gerade auf dem Land auch früher Jugendliche besoffen haben. Das wurde manchmal wohl geduldet, gibt und gab es doch Väter, die durchaus mit Stolz verfolgen, was der Nachwuchs alles in sich schütten kann. Freilich gab und gibt es dafür ein paar hinter die Löffel, aber mit dem Zusatz, dass es bis zum 16 oder 18. Geburtstag ja nicht mehr so lange hin ist. Ich habe solche Geschichten oft genug mitverfolgen können. Und wenn die Eltern ihren Sprösslingen den Alkohol für die Party auch noch bis ins Haus tragen – da wundert mich wirklich nichts mehr.
Manchmal komme ich mir echt komisch vor. Ich rede über den Umgang Alkohol, wie es nur noch uncoole Sittenwächter mit akuter Moralinüberproduktion tun – behaupten jedenfalls manche. Ich bin jetzt 20, ich hatte meinen ersten Rausch mit 15 1/2, und das nach einem Bier und einem halben Glas Wein. Und ich hatte keine Nachteile dadurch, dass ich mit 12 noch keinen Kotankt zu Alkohol suchte. Ich bin gestolpert, habe gelallt und habe mich irgendwann schlafen gelegt – weil es für mich die Hölle
ist, wenn ich mich nicht mehr klar verständigen kann und ich nicht so wirken kann, wie ich es möchte. Außerdem rede ich gerne und mit einer schweren Zunge geht das nicht so schnell. Vielleicht sind das die Gründe dafür, dass ich mich noch nie richtig besoffen habe. Wozu auch? Ein bisschen angetrunken sein, okay, enthemmt und macht lustig. Aber das sollte nicht zu häufig passieren. Ich verstehe nicht, wie manche Leute zu dem Schluss kommen, ohne Alkohol funktioniere keine Party. Und dann gibt es diese Gruppe, die entweder zu viel und “gar nix” trinkt – das ist dann für mich auch kein normaler Bezug zu Alkohol.
Ich glaube, es wird immer Leute geben, die nicht wissen, wann sie genug haben. Die sich besaufen wollen, die das brauchen. Das ist schade und traurig, lässt sich aber nicht ganz verhindern. Ein großer Schritt wäre es jedoch, Alkohol auch und gerade in Bayern von der Liste der Grundnahrungsmittel zu streichen. Auf Volksfesten und Kirchweihen eben nicht Nachsicht walten zu lassen sondern sich an die Gesetzeslage zu halten. Wir haben nämlich Richtlinien vom Staat – nur werden die ja auch schon nicht eingehalten. Den sichersten Schutz, so meine Erfahrung, bietet ohnehin nur der eigene Verstand. Wen man “nein” sagen kann, lebt man nämlich auch ganz gut.
Informationen:

Da meiner Bitte um Korrektur offenbar nicht nachgekommen werden konnte, hier der Beitrag noch einmal in korrigierter Fassung. Das “Original” kann dann geloescht werden. Danke.
“Früher, da war alles besser. Wirklich? Ich glaube, dass sich gerade auf dem Land auch früher Jugendliche besoffen haben.”
Das kann ich Dir sogar garantieren. Allerdings wuerde ich das “gerade auf dem Land” durch “in der Stadt und auf dem Land” oder “landesweit” ersetzen. Dagegen helfen uebrigens weder Gesetze, noch “jugendgerechte Freizeiteinrichtungen” – also z.B. Jugendzentren oder – veranstaltungen ohne Alkoholausschank.
Ich kann mich gut erinnern, dass “zu meiner Zeit” es ueblich war, anlaesslich des woechentlich stattfindenden Diskoabends im kirchlichen Gemeindehaus, den am Aeltesten aussehenden und nach Moeglichkeit in der doerflichen Gesellschaft am wenigsten bekannten Kollegen mit der gesamten Barschaft unserer Clique zum einzigen Kiosk meines Heimatkaffs zu schicken um irgendwelchen ueblen Billigfusel zu erstehen. Moeglichst billig, moeglichst viel und moeglichst hochprozentig, denn das Zeug musste sich schnell verkonsumieren lassen und ebenso schnell knallen – schliesslich dauerte das woechentliche Vergnuegen ja maximal vier Stunden und man musste sich ausserhalb der Raeumlichkeiten seinen Rausch verschaffen bzw. verschafft haben. Damals war ich uebrigens noch nicht konfirmiert, sondern kurz davor, duerfte als so etwa 13, 14 Jahre alt gewesen sein.
Lange waehrte diese Phase allerdings nicht, denn bald tauchten andere Rauschmittel auf und sich zu besaufen galt “in unseren Kreisen” nicht laenger als “gesellschaftsfaehig.
Spaeter – inzwischen in einer deutschen Großstadt beheimatet und laengst der Raeusche ueberdruessig – beobachtete ich das gleiche bei der nachwachsenden Generation. Es gab diverse Angebote der Juegendaemter unter dem Schlagwort “alkoholfreie Freizeit”, die mitunter sogar erstaunlich gut besucht waren (meistens, wenn irgendeine Vorortkapelle auftrat o. ae.). Die Kids deckten sich an der naechsten Frittenbude mit Flachmaennern ein, gaben sich in Rekordzeit die Kante und wankten dann sturzbesoffen durch die Gegend – die Juegend”pflege” traf natuerlich keine Schuld – die verkauften ja nur Limo und Cola.
Grosses Gezeter speziell aus der konservativen Ecke gab es, als einige Jugendfreizeitheime in einem Stadtbezirk begannen neben Cola, Sprite und Apfelsaft auch Bier anzubieten. Immerhin sie hatten damit einen gewissen Erfolg. Natuerlich haben die Kids weiterhin gesoffen und sich auch besoffen – aber erstens langsamer und zweitens weniger exzessiv – ausserdem liess sich das Geschehen in gewissen Grenzen steuern – wenn die Sauferei zu sehr auszuarten drohte, dann war eben fuer einige Zeit “das Bier alle” und irgendwer (angeblich) unterwegs um neues zu beschaffen.
In anderen Bezirken hingegen hielt man am Konzept “alkoholfreie Freizeit” eisern fest. Was am Ende dabei herausgekommen ist, kann man noch heute nachlesen, z.B. in einem Buch mit dem Titel “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”.