Jetzt wird hart durchgegriffen 8. Juli 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien.Tags: Jugendkriminalität, Justiz, München, Strafe, U-Bahn Schläger
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Als im Dezember 2007 ein Rentner in einem Münchener U-Bahnhof zwei Jugendliche aufforderte, das Rauchverbot einzuhalten, prügelten diese auf ihn ein. Was Roland Koch ohne Scham für seine zweifelhafte Kampagne zur Abschiebung krimineller Ausländer nutzte, diente heute als Exempel in Sachen verschärftes Jugendstrafrecht: Zwölf Jahre Gefängnis erwarten den 21-jährigen, acht Jahre Jugendstrafe den bei der Tat noch 17-jährigen Täter – wenn die vom Verteidiger angekündigte Revision keinen Erfolg hat. Die “Kaltblütigkeit” und ein am selben Abend abgesetzter Handyspruch, wonach man gleich einen Deutschen töten wolle, haben das Münchener Landgericht anscheinend dazu bewegt, der von der Staatsanwaltschaft geforderten harten Bestrafung zu folgen. “Versuchter Mord” und nicht “Körperverletzung” ist der Tatbestand, von dem dabei ausgegangen wird. Und schon werden (wieder) Stimmen laut, die eine generelle Überarbeitung des Jugendstrafrechts fordern. Aber sind härtere Strafen wirklich ein Lösungsweg?
Zunächst einmal: Die Tat in München war brutal und grausam, eine harte Strafe ist sicherlich berechtigt. Aber ich bin schon ein wenig erschrocken, als das “heute-journal” gerade ziemlich einseitig forderte, dass Jugendliche am besten sofort ins Heim oder in den Jugendknast wandern sollten. Klaus Kleber fragte, ob solche bisher ungewöhnlich harte Strafen nicht öfter und auch früher angebracht wären, im Beitrag hieß es die Ableistung von gemeinnütziger Arbeit, pädagogische Belehrungen und Anti-Aggressionskurse hätten ja sowieso nichts gebracht (siehe hier). Besorgte Richter und Staatsanwälte kamen zu Wort, Straftäter die davon Berichten, dass sie nur Gefängnis noch abschrecken kann. Die Aussage eines Verteidigers schlug dann dem Fass zumindest für mich den Boden aus: Durch die schwachen Urteile hätte die Gesellschaft eben länger unter den Straftätern zu leiden. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Woher kommen die Straftäter denn? Vom Mond? Aus der Türkei? Manchmal sieht es ganz danach aus, als
wolle man uns Glauben machen, dass die Straftäter uns irgendwie ohne Vorgeschichte bedrohen würden. Sozusagen ein Feind von Außerhalb, gegen den man praktisch nur rückwirkend etwas unternehmen kann. Böses Foul, sage ich dazu. Denn auch wen der Trend zur Zeit gegen die ganze als “links” und manchmal “antiautoritär” bezeichnete Philosophie läuft: Dass Straftäter, egal wie alt – aber natürlich gerade jugendliche Täter – aus der Gesellschaft stammen in der sie die Verbrechen begehen, dass ist eben keine Spinnerei sondern Fakt. Wer das auch heute noch beiseite schieben will und mit Strafen ankommt, die letzten Endes wieder nur an Symptomen die Krankheit kurieren sollen, dem diagnostiziere ich Realitätsverlust.
Und, nebenbei bemerkt, was haben denn harte Strafen gebracht? In den USA wird schon länger hart durchgegriffen, mit zweifelhaftem Erfolg: Folter, Unterdrückung und andere “Mittel”, wie sie etwa in Bootcamps praktiziert werden, führen anscheinend zwar zu kurzen positiven Veränderungen. Irgendwie will der Insasse ja vermutlich den Verhältnissen entkommen. Jedoch sind nach einer Statistik des US-Justizministeriums 55 Prozent, laut einer anderen Statistik 89 Prozent der vermeintlich umerzogenen Straftäter rückfällig. Ich bin kein Experte, aber mich wundert diese hohe Quote nicht. Schließlich sitzen in diesen Camps nicht nur Schwerverbrecher sondern auch vergleichsweise harmlose Kinder und Jugendliche: In manchen Bundesstaaten reicht ein Diebstahl aus, um oftmals auf Wunsch der Eltern den Schützling ins Lager zu schicken. Die Justiz differenziert allem Anschein nach nicht genau genug zwischen den verschiedenen Fällen.
Freilich sind die Probleme gerade mit Intensivtätern enorm. Und ich bin durchaus der Meinung, dass bestimmte Gruppen von jugendlichen Straftätern Konsequenzen spüren müssen. Genau das ist ja auch “ein Problem”: Dieser Abschaum ist ja auch noch in sich total unterschiedlich! Möglicherweise, und das wäre für manche Bürokraten wohl der Worst Case, bedarf es bei jeder Straftat einer individuellen Betrachtung und Maßnahme, möglicherweise kann man nicht allgemein geltende Standards setzen! Vielleicht, und das wollen viele nicht wahr haben, muss man sich tatäschlich der Ursache annehmen, damit sich etwas ändert. Bis sich diese Einsicht durchsetzt, wird es noch eine Weile dauern. Ich halte es solange mit folgendem Spruch:
Die Jugend ist nicht gut nicht schlecht. Sie ist wie die Zeit, in der sie lebt!” – Gregor Dorfmeister, “Die Brücke”

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