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Ein gewollter Mythos 15. Juli 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Kino, Medien, Nachgedacht.
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Im Februar 2009 soll er nun vorrausichtlich in den deutschen Kinos anlaufen: Valkyrie, die Hollywood-Fassung des Mythos um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Schon während der Dreharbeiten 2007 gab es verschiedenste Proteste gegen das Projekt und vor allem gegen den Schauspieler Tom Cruise, der dem letzten deutschen Helden die passende Figur und ein massentaugliches Antlitz leihen wird. Ein Scientology-Mann im Bendlerblock, jenem Ort der die so gebeutelte Nation immer wieder in der ach so ehrlichen Betroffenheit ob der Vergangenheit innehalten lässt? Nein, das darf nicht sein. Ein Verfechter einer autoritären und möglicherweise faschistischen Ideologie als Stauffenberg? Das passt doch nicht, schließlich war Stauffenberg….der war doch…..dagegen!

Jaja, natürlich haben die Deutschen mit dem NS-Regime einen unverzeihlich großen Fehler begangen, keine Frage. Aber: Wir hatten doch auch Stauffenberg! Welt, schau’ her: Der war doch immerhin einer von den Guten! – Das geht mir durch den Kopf wenn ich an das Verhältnis meines Landes zu einem Widerständler denke. Und das geht mir durch den Kopf wenn ich Trailer oder Nachrichten von der Filmproduktion sehe. Hat all dieses Getue überhaupt etwas mit dem realen Stauffenberg zu tun?

Der junge Mann wuchs im deutschen Kaiserreich auf, verbrachte seine Jugend in der Weimarer Republik und machte Karriere im Dritten Reich bevor er jenes Attentat auf Htiler beging, auf das in Deutschland, so scheint es mir, beinahe ehrfurchtsvoll verwiesen wird, wenn über das NS-Regime geredet wird. Mit 20 wandte er sich den “Neupfadfindern” zu, einer Bewegung die sich zunächst vom preußisch-kaiserlichen Militärgehabe abwandte, das in vielen anderen Jugendverbänden herrschte. Dennoch deutet ein Gelöbnis dieses Bundes schon auf die späteren Tätigkeiten des Claus Schenk Graf von Stauffenberg hin:

„Wir Pfadfinder wollen jung und fröhlich sein und mit Reinheit und innerer Wahrhaftigkeit unser Leben führen.
Wir wollen mit Rat und Tat bereit sein, wo immer es gilt, eine gute und gerechte Sache zu fördern.
Wir wollen unseren Führern, denen wir Vertrauen schenken, Gefolgschaft leisten.“

Gefolgschaft, Vertrauen, Pflichtbewusstsein – alles typisch deutsche Tugenden, und für einen jungenAdeligen natürlich umso wichtiger. Die brachte er auch dem Literaten Stefan George entgegen, der mit seiner Idee von einem (rein geistigen) Deutschen Reich auch den Nationalsozialisten gefiel – im Gegensatz zu manchen seiner Anhäger wandte sich George aber vom Dritten Reich ab. Nach dem Abitur machte Stauffenberg dann Karriere bei der Reichswehr und sprach sich 1932 gegen einen Reichspräsidenten Hindeburg und für Adolf Hitler aus; dessen Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 gefiel ihm ausdrücklich. Als Offizier war Claus Philip Maria bald an der Ausbildung der SA beteiligt. Auch in der Reichswehr machte er sich einen Namen, lehnte er doch schon damals existierende Umsturzpläne ab und hieß als Mitglied des Oberkommandos die Vereinheitlichung des Oberbefehlshabers von Heer und Wehrmacht in Adolf Hitlers Person gut. Man mag es geschmacklos finden, aber ich finde es durchaus interessant, dass der Umschwung in Stauffenbergs Haltung erst eintrat, als er schwer verwundet worden war. Festgemacht wird das Umdenken aber offiziell an der Reichspogromnacht. Die Verbrechen an den Juden und die seiner Ansicht nach schlechte militärische Führung führten dann letzten Endes zur Operation Walküre, und die ist es ja, die uns Deutsche interessiert: Wir waren nicht alle Nazis!, dass soll dieser Mann immer wieder bestätigen.

Filme wie Valkyrie und Lobhudeleien jährlich zum 20. Juli, Featuretten in den Medien – es fehlen nur noch Merchandising-Produkte. Aber vielleicht kommen ja das Spiel zum Film, die Action-Figur und das Brettspiel demnächst schon auf den Markt? Es ist beinahe ekelerregend, wie sehr die Person Stauffenberg glorifiziert wird. Da versteigt sich der Herausgeber einer renommierten deutschen Tageszeitung zu Äußerungen, die sogar den Darsteller dieser historischen Figur zu einem modernen Heilsbringer hochstilisieren. Hat unser Land wirklich ein so großes Identitätsproblem? Anscheinend schon, wenn wir auch Jahrzehnte nach den Geschehnissen noch immer nicht ungezwungen und emotionslos darüber reden können.

Die wahren Motive Stauffenbergs und der anderen Beteiligten werden sich wohl nicht mehr absolut klären lassen. Aber es gibt viele  (fundierte) Argumente, die für die Heldenfigur sprechen und eben auch viele, die eher einen Pragmatiker zeichnen. Verdammung und Seeligsprechung sind die beiden Seiten der Medaille, die Deutschland den “Freunden vom 20. Juli” umhängen will, freilich sehen viele Menschen nur die glänzende, schöne Seite. Insofern ist der Mythos Stauffenberg symptomatisch für unser Verhältnis zum Nationalsozialismus. Genauso wie manche Menschen immer noch auf ihre nur aus normalen Soldaten bestehende Wehrmacht beharren, genauso wie viele “nichts gewusst” haben wollen (und immer noch nicht wissen wollen) – genauso spinnen wir uns auch seit jahrzehnten eine märchenhafte, romantische Geschichte vom edlen, pflichtbewussten Ritter zusammen, der irgendwann die grausamen Pläne seines Herrn durchschaut hat und sich versucht hat zu wehren. Versucht hat – hier ist der springende Punkt: Haben die Deutschen nicht tief in ihrem (unsichtbaren und nicht belegbaren) Innersten doch einen Funken Widerstand getragen? Aber gewiss doch, wird “Valkyrie” den Zuschauern zuflüstern. Und somit sind wir auch mehr als 75 Jahre danach noch nicht über die ganz und gar reale Vergangenheit des Dritten Reiches hinweg.

Kommentare»

1. Ich habe “Walküre” mit Tom Cruise noch nicht gesehen oder Warum deutsche Feuilletonisten einen Film Tod schreiben? « Medien-Monopoly - 29. September 2008

[...] sich soviele Journalisten in ihren Betrachtungen auf einen noch unfertigen Film? Zum einen ist die historische Brisanz zu nennen. Vor allem im deutschen Blätterwald wurde viel über Cruise als Claus Schenk Graf von [...]