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Stephen King: Schwarz (Der Dunkle Turm) 16. Juli 2008

Posted by frischmax in Literatur.
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Ist es Zufall, dass mir die Bücher von Stephen King gerade in der Zeit in die Hände fielen, als ich im Deutsch-Leistungskurs mit ganz anderer Literatur beschäftigt war? Vielleicht nicht. Wenn jede Unterrichtsstunde mit neuen, gewaltigen und intellektuell anspruchsvollen Sprachkunstwerken aufwartet, wenn der Kopf von stundenlanger Analyse und Interpretation langsam genug hat, genau dann tut es unglaublich gut, sich in die oftmals als trivial abgestempelten Geschichten eines Stephen King zu flüchten. Für einen (bayerischen) Elitekurs am Gymnasium ist das freilich völlig belanglos. Aber mit nachfolgender Rezension möchte ich nicht nur meinen persönlichen Respekt vor einem der produktivsten Autoren der Gegenwart kundtun, sondern auch auf einige Merkmale verweisen, die hinderlich sein können, wenn der Meister des Horrorgenres nur auf ebendieses und weitgehend niveaulose Massenunterhaltung reduziert wird.

„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“

Dieser unscheinbare Satz leitet ein unglaublich seitenstarkes Fantasyepos ein: Der Roman Schwarz steht am Anfang der siebenbändigen Saga um den „Dunklen Turm“, den der gerade erwähnte Revolvermann sucht. In dem kürzesten Band der Reihe – King stellte Schwarz bereits Ende der 70er Jahre und damit Jahrzehnte vor den letzten Teilen fertig – muss Roland Deschain, so der Name des einsamen Helden, jedoch erst Marten finden, jenen geheimnisvollen schwarzen Zauberer, der Rolands Jugend und seine Heimat zerstörte. Durch eine schier unendliche Wüste hindurch holt er auf seiner Jagd immer weiter auf. Doch Walter, wie der schwarze Mann auch heißt, stellt ihm viele Fallen. Das Dorf Tull, eine kleiner Außenposten der untergehenden Zivilisation, rottet der Revolvermann komplett aus, als die gegen ihn aufgehetzten Bewohner sich auf ihn stürzen wollen. Und auch der Junge Jake, der durch Marten aus einer anderen Welt in die des einsamen Helden befördert wurde, muss sein Leben lassen: Roland sucht den Dunklen Turm. Diesem Wunsch ordnet er alles unter und opfert Jake, als der Schwarze Mann dies als Gegenleistung und Prüfung für die Antworten fordert, die der Revolvermann braucht um seinen Turm zu finden.

Die Story an sich verläuft, man ahnt es beim Lesen dieser kurzen Zusammenfassung, sehr geradlinig. Das wird so mancher Kritiker dazu nutzen, um King Unfähigkeit und Einfallslosigkeit zu attestieren. Das ist vielleicht auch durchaus wahr; steht dieser Roman doch noch am Anfang der Karriere dieses Autors. Andererseits, und diesen Standpunkt vertrete ich, dient die Geradlinigkeit einfach dazu, den Zweck dieses Buches zu verdeutlichen und den Protagonisten sehr gut einzuführen: Schwarz ist der Auftakt, die 300 Seiten starke Einleitung (bei mehr als 4000 Seiten insgesamt ist das nicht mehr so viel; aber Quantität soll hier nicht der Maßstab sein) zur eigentlichen Geschichte: der Suche nach dem Dunklen Turm. Und Der Protagonist Roland Deschain verfolgt dieses Ziel äußerst konsequent; er geht über Leichen und keinen Schritt zurück. Insofern ist die Reise schnurstracks dem Schwarzen Mann hinterher, durch die Wüste, über die Berge bishin zum finalen Aufeinandertreffen nur stringent.

Jedoch: Rückblenden reichern die Geschichte natürlich an. So hat der recht schweigsame Held am Beginn der Erzählung bereits das Massaker von Tull hinter sich; erst langsam sickert die Erinnerung an dieses Ereignis aus Roland heraus, gleichsam dem Wasser, dass sie unbarmherzige Wüstensonne aus ihm herausdorrt. Auch im weiteren Verlauf, etwa als der Revolvermann mit Jake wieder einen Gesprächspartner findet, gibt er Stück für Stück Erinnerungen und Zusatzinformationen preis. All das unterstützt aber nur die erste Hälfte des Buches, indem die Wüste über allem steht. Die Zeit wird durch diese Bruchstücke aber auch durch die Beschreibungen und inneren Monologe ausgedehnt, die riesige Wüste wird so für den Leser erst wirklich erlebbar. Insgesamt muss aber eine Raffung der Zeit festgestellt werden, da Roland zwar Wochen unterwegs ist, aber nur die Schlüsselmomente geschildert werden.

Natürlich gibt der Roman wesentlich mehr her, der Einfachheit halber möchte ich auf einige beispielhafte sprachliche Merkmale hinweisen. Der Deutschunterricht richtet mehr oder weniger Schüler darauf ab, bestimmte Stilmittel zu erkennen, die dafür stundenlang wiederholt und auswendig gelernt werden. Und nicht selten geht es dann so zu wie bei Jagdhunden: Ob der gefundenen Beute wird alles andere vergessen und stehen und liegen gelassen – auch so manches Stilmittel, das vielleicht nicht im Lehrbuch steht, dafür aber umso gewichtiger ist. Bei Stephen King fällt auf, dass er unglaublich viel ausdrückt und den Leser lenkt, indem er das Schriftbild verändert. Auf derartige Mittel eines Autors wurde selbst im Deutschleistungskurs nicht wirklich eingegangen. Dabei lassen sich grandiose Dinge damit anstellen, wie ich bei King immer wieder feststelle: Kursivdruck und fett gedruckte Wörter und Buchstaben dienen hier immer wieder nicht nur dazu, Schlüsselstellen optisch hervorzuheben sondern auch Gedanken, Erinnerungen und oftmals die Gegner des Helden zu unterstreichen. Roland entsinnt sich oft verschiedenster Lehrsprüche, die ihm sein Ausbilder Cort einst mit auf den Weg gab.

„Wenn man nach nichts Ausschau hält, kann man auch nichts entdecken, du Wurm, hätte Cort gesagt. Sperr lieber deine gottgegebenen Glotzerchen auf.“

Aber auch Träume und die Rede nichtmenschlicher Wesen stechen so auch im Schriftbild hervor.

Wiederum bei King besonders auffallend und in normalen Analysen kaum beachtet: Die Sprache der Charaktere. Roland und die anderen Überlebenden der untergegangenen Westernkultur bedienen sich manchmal eines eigens geschaffenen Dialekts. Und gerade die verbissenen Gedankengänge von Roland sind bisweilen ziemlich ordinär. Ausdrücke, vulgäre und obszöne Gespräche (und Taten) sind neben der Beschreibung der Wüste und der Cowboystadt Tull die wichtigsten Anstöße für den Leser, im ganzen monumentalen Werk immer wieder an Westernfilme mit Clint Eastwood zu denken. Und dennoch: Die Zivilisation Rolands ist vollkommen unterschiedlich von unserer – existiert sie doch auch auf einer anderen Welt. Jake wiederum spricht eine moderne Gegenwartssprache, manchmal auch einen New-Yorker Dialekt – seine Verwirrung und die Andersartigkeit seiner Herkunftswelt werden deutlich. Weitgehend fröhlich und höflich – man könnte meinen: Verkehrte Welt – ist hingegen der Gegenspieler Marten, Walter oder einfach der Schwarze Mann. Er kleidet seine brutalen und schicksalhaften Eröffnungen Roland gegenüber in wohlbedachte, klare aber auch erhabene Worte, was seinen Überlegenheitsanspruch nur verdeutlicht, da der Revolvermann tatsächlich nur mit Revolvern wirklich gut umgehen kann. Abschließend möchte ich noch auf die Meisterfertigkeit Kings aufmerksam machen: Die Erfindung neuer Metaphern, Bilder und Vergleiche ist wohl seine Königsdisziplin. Hierin liegt auch im Dunklen Turm meistens das Moment des Horrors: Die größten Gefahren kleidet der Erzähler in teils widersprüchlich schöne Wörter – was den Effekt des Schauderns nur verstärkt. Ein unsichtbarer Dämon, dem Jake beinahe verfällt und den Roland besiegen muss erscheint so zunächst einmal als „ein Leib aus Wind, (…) Rosen und Geißblatt“; diese Ansammlung von Düften wird jedoch im nächsten Augenblick sehr gefährlich. Oder die Vorahnungen Rolands, Jake betreffend: Er träumt von einem „Heiligen aus Alabaster, dem ein Nagel durch die Stirn getrieben worden war“. Das Grauen kommt auf leisen Pfoten und packt einen inmitten der oft vermeintlich idyllischen Fantasystory umso heftiger.

Vor meinem Resümee möchte ich auch noch die Schwächen des Buches erwähnen: Die leere, unbarmherzige Wüste, die Roland durchwandert, wird manchmal wirklich ziemlich unbarmherzig – zum Leser. Der Roman hat einige Längen. Auch sind viele der Details, die immer wieder eingestreut werden, noch unklar und verwirren beziehungsweise langweilen daher mehr, als dass sie nützen. Allerdings fügt sich alles spätestens im siebten Band zu einem großen Bild zusammen. Nicht jeder Manns Sache und auch nicht immer zweckmäßig sind die vielen Schimpfwörter und die schlichtweg vulgären Stellen – dies ist aber wohl ein Mittel (oder Makel) des Autors. Je nachdem, welche Literatur man gewohnt ist: auch ich habe mich zu Beginn daran gestoßen. Aber im Gesamteindruck tritt diese Sache weit zurück.

Der Schwarze Turm und die Einleitung Schwarz; für mich grandiose Literatur. Ich kenne nicht viele Epen, die über so viele Seiten hinweg ihre Leser auf eine Reise mitnehmen. Und noch weniger, bei denen man unterwegs nicht irgendwo auf der Strecke bleibt. Wer sich gerne einmal fesseln lässt, den Alltag hinter sich lassen will und dafür auch die Strapazen einer teilweise brutalen, furchterregenden Suche auf sich nimmt – der Dunkle Turm erfüllt diese Aspekte voll und ganz. Und wenn King trivial ist – sei’s drum. Unterhaltung ist eben auch eine ernst zu nehmende Disziplin der Literatur, das vergisst so Mancher. Stephen King sieht diese Frage übrigens ziemlich gelassen:

Das Ergebnis – zu Freud oder Leid – liegt nun vor (…). Egal, was man letztlich davon halten wird, die Geschichte von Roland ist jetzt vollbracht. Ich hoffe, sie bereitet Freude. Ich habe mich königlich amüsiert.