Ziemlich einfach zu beeindrucken – Ein Sonntag auf der Games Convention 28. August 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien.Tags: Adresse, Datenhandel, Datenschutz, Games Convention, Merchandising
add a comment
Vor etwas mehr als vierzig Jahren brauchte es noch eine Hand voll Dollar um Clint Eastwood anzustacheln im gleichnamigen Film sein Leben auf Spiel zu setzen. Nun gut, die Zeiten des Italo-Western sind vorbei, und heute machen Menschen für Geld zwar nicht alles, aber dafür sogar für geringe Beträge so Einiges. Eine Steigerung dieser, ich nenne es: kostengünstigen Käuflichkeit, ist mir vergangenen Sonntag auf der Games Convention in Leipzig aufgefallen: Tausende Besucher aus der nicht nur für die Spielebranche interessanten Gruppe der 19- bis 39-jährigen gaben dort ihre Adressen preis – für eine Hand voll: Schlüsselbänder. Kugelschreiber. T-Shirts.
Ich denke, mir fiel diese streubombenartige Praxis vor allem deshalb auf, weil ja seit Wochen von illegalem Datenhandel die Rede ist. Komisch, dass dann scheinbar die 199.000 anderen Menschen keine Nachrichten schauen (okay, wenn gerade eine WoW-Raid ist kann man nicht einfach zur Tagesschau wechseln). Jedenfalls hatten zahlreiche Besucher auf der Leipziger Games Convention kein Problem damit, ihre Daten für Merchandise-Artikel auf postkartengroße Kärtchen zu schreiben, dabei gleich noch an Gewinnspielen anderer Firmen teilzunehmen und die Daten somit auch an Dritte weiterzugeben. Keine Spur von Misstrauen, keine Spur von Nachdenklichkeit.
Ein Szenenwechsel: In Halle Vier drängen sich Nerds, Geeks, Gamer, Fans, Freaks, Eltern und diverse
Gestalten um einen größeren Messestand. Er gehört der Firma Speedlink, die Zubehör für Konsolen und Computer vertreibt, hauptsächlich solches, dass man für Spiele benötigt: Lenkräder, Mäuse, Tastaturen. Auf der Bühne schreit ein Typ herum, die Menge jubelt und kreischt – Tokio Hotel lässt grüßen (nur das dort Mädchen den Lärm machen, hier sind es vor allem Anhänger des männlichen Geschlechts). Bei genauerem Hinhören erschließt sich der Slogan des Hardwareunternehmens: Speedlink! Speedlink! Lauter! Macht mit! Und die Menschen machen mit. Neben mir drängelt sich eine kleine dicke Frau nach vorne, mit glänzenden Augen und ausgestreckten Händen harrt sie der Dinge, die auf diese Liturgie folgen werden: Im selben Moment katapultieren der Anheizer und seine Helfer massenweise T-Shirts mit dem Firmennamen in die Menge – schreiend stürzen sich die Menschen darauf.
Was soll uns diese Szene sagen? Der Mensch ist doch näher am Tier als bisher angenommen? Lasst mir die armen Tiere mit diesen beleidigenden Vergleichen in Ruhe! Nein, diese Begebenheit zeigt eigentlich nur, wie einfach man ganze Massen von Menschen begeistern kann – und am Ende mehr bekommt als man aufwenden muss. Und so gibt es auf Europas größter Computer- und Videospielmesse an allen Ecken und Enden Goodies. Oft für nichts, gerade in den letzten Stunden der Messe ist es schwer, den herumfliegenden T-Shirts auszuweichen. Ebenso oft aber muss der entertainmentsüchtige Messebesucher aber doch etwas tun: dumme Quizfragen beantworten, sich verkleiden, lauthals schreien. Das macht Eindruck und beschert
wiederum weitere Zuschauer. Natürlich sind Schlüsselbänder aber nicht der wahre Grund dafür, dass der Jäger- und Sammlertrieb so krass hervortritt. Denn neben billigen Tricks offerieren die Spieleverlage ja tatsächlich auch Preise, die sich sehen lassen können: Grafikkarten, Computer, Softwarepakete. Das lässt das Herz eines Spielers wirklich höher schlagen, das will jeder abgreifen. Doch neben den wenigen Glücklichen, die wirklich etwas Brauchbares gewinnen, stehen Zehntausende, die letzten Endes für ein Schlüsselband ihre Adresse weitergegeben haben – und die kostet normalerweise Geld.
Dabei sein ist alles!? 18. August 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht, Weltweit.Tags: Leistung, Medaillen, Olympia, Peking, Sport
add a comment
Dieser Satz – den Pierre de Coubertin so vermutlich nie gesagt hat – wird immer wieder gerne zitiert. Bei der Fußball-Europameisterschaft etwa, bei vielen anderen Sportveranstaltungen und wohl in so ziemlich jedem Verein dürfte dieser Satz in der Vergangenheit unzählige Male gefallen sein. „Das Wichtigste bei den olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen“, der Satz den der Inititator der Olympischen Spiele der Neuzeit tatsächlich gesagt haben soll, ist vom Sinn her zwar beinahe gleichbedeutend – aber eben nur beinahe. Wenn ich, was nicht so häufig geschieht, doch einmal einige Berichte aus Peking lese oder sehe, sofällt mir immer wieder eine krasse Diskrepanz zwischen diesem abgenutzten Spruch und der Realität auf: „Dabei sein“, das ist nicht alles, sondern quasi nichts. Ich befasse mich zu wenig mit Olympia, als das ich jegliche Gewähr auf meine Vermutung geben könnte, aber ich halte sie dennoch für ziemlich richtig: Deutschland ist eines der teilnehmenden Länder, in denen die Athleten ohne Medaille am weitesten entfernt davon sind, für ihre Leistungen Anerkennung zu bekommen. Prämiert wird von den Deutschen (Medien) nur die Medaille, vorzugsweise die Goldene, und nicht die Leistung.
Nun gut, ich bin da vielleicht sehr eigen, wie ich es schon zur EM im Juni beschrieben habe. Ich kann mit Stolz und Gejubel ob irgendeines „Sieges“ nicht viel anfangen. Ich finde es schön, oder eben auch nicht. Aber mehr als eine Minute interessiert mich das nicht. Nun, die Reporter bei ARD und ZDF reden von dem „undankbaren“ 4. Platz oder gar noch weiter von Medaillen entfernten Platzierungen auch nicht viel länger als
ein paar Minuten. Denn: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Nur wer etwas leistet, wird belohnt. So weit die Theorie. In der Realität stellt sich die Situation sogar noch differenzierter dar: Nur die besten Leistungen werden belohnt. Denn eigentlich, so die Logik einiger Medien, Menschen und Marktwirtschaftsinitiativen, ist nur Bestleistung Leistung. Bestleistung entsteht nämlich durch Anstrengung, Perfektion, Konzentration – eine „gute Leistung“ ist also sozusagen unvollständig, ergo spielt da doch Faulheit mit! Capiche? Ganz einfach, oder?
Und so kommt es, dass Beckmann, Kerner und wie sie alle heißen beinahe täglich einerseits mit ihren blöden Rückfragen die Athleten belästigen (die stets mitklingende Frage „Du bist doch mit Silber/Bronze auch nicht zufrieden, oder?“), andererseits die Athleten selbst unter einem ungeheuren Erfolgsdruck stehen. Natürlich könnte ein Sportler hier über die Notwendigkeit von Druck schreiben, ich als Laie bezweifle aber ausdrücklich eben diese. Das in Deutschland Leistungen jenseits der Top Drei nicht oder kaum Aufmerksamkeit erregen geschweige denn Würdigung erfahren führt dann auch zu interessanten Rechnereien mit dem hierzulande so beliebten Medaillenspiegel: Zwar sind wir mit unseren Goldmedaillen immer wieder recht weit vorne. Doch ist die Gesamtzahl errungener Medaillen vergleichsweise gering – hier übertrumpft uns zur Erstellungszeit des Artikels beispielsweise Frankreich, das viel weniger Goldmedaillen hat. Und, ich wage eine weitere Vermutung: Würde man jeweils die fünft best platzierten Athleten einer Disziplin mitrechnen – der Medaillenspiegel sähe ganz anders aus.
Zurück zum Leistungsdruck. Bei Olympia fällt er zumindest mir extrem auf, es werden sich wohl noch einige mehr daran stoßen. Allerdings ist Olympia ein nur alle vier bzw. zwei Jahre wiederkehrendes Ereignis. Die Nichtanerkennung von Leistung ist jedoch allgegenwärtig: Ob bei jedweden Sportereignissen im Fußballverein von Hintertupfingen oder in der Schule: „Mit einer drei oder vier brauchst du nicht nach Hause kommen!“, so der mitsummende, nicht immer hörbare, Unterton. Solange wir es nicht auf die Reihe bekommen, Anstrengungen zu belohnen und nicht immer nur Ergebnisse, wird unser Land gerade auch in der Bildung nicht zu den Spitzenreitern gehören. „Dabei sein“ im Sinne einer ehrlichen, bemühten und hintergründigen Teilnahme an Unterricht, Sport oder eben Olympia – das sollte das Ziel sein. Auch wenn immer davon die Rede ist, Gold sei an der Börse eine sichere Anlagemöglichkeit: Edelmetalle verlieren von Zeit zu Zeit an Wert. Es wäre schön, wenn dies auch für Medaillen gelten würde.
Stephen King: Drei (Der Dunkle Turm) 16. August 2008
Posted by frischmax in Literatur.Tags: Der Dunkle Turm, Drei, Eddie Dean, Revolvermann, Roland, Stephen King
add a comment
„Drei. Das ist deine Schicksalszahl. Drei? Ja, drei ist mystisch. Drei ist der Mittelpunkt der Suche. „
Nach der Offenbarung des Schwarzen Mannes auf dem mystischen Golgatha an einem zeit- und leblosen Ort, nach den neuen Hinweisen auf den Turm, erwacht Roland Deschain an einer endlosen Küste. Er weiß noch nicht so recht, wie ihm geschehen ist, als auch schon fremdartige, hummerähnliche Wesen aus dem Meer steigen und den benommenen Revolvermann schwer verletzen. Damit nicht genug; seine Patronengurte und die Revolver sind nass – Roland kann sich nicht mehr auf das verlassen, was ihm bisher stets treue Dienste geleistet hat. Geschunden, verwundet und dem Tod näher als dem Leben stolpert er den Strand entlang, auf der Suche nach den Dreien. Und kurz bevor Roland beinahe alles aufgeben möchte, erscheint mit einem Mal eine Tür, „Der Gefangene“ steht auf ihr. Der sonst so misstrauische, stets vorsichtige Revolvermann überlegt nicht lange. Er braucht ein Heilmittel gegen das Gift, das durch die Wunden in ihn kam und neue Patronen – und den Gefangenen, so sagt es die Prophezeiung. Roland öffnet die Tür und findet sich im Kopf von Eddie Dean wieder, dem Gefangenen des Dämons. Eines Dämons namens Heroin.
„Drei“ eröffnet dem Leser eine völlig neue Perspektive auf Roland Deschain. War er in „Schwarz“ noch der einsame, kaltschnauzig-gnadenlose Ritter, der ohne Fragen zu stellen seinen Weg geht, so begegnen wir ihm nun als einem mit dem Tode ringenden Mann. Seine Passion, die Revolver, kann er aufgrund der Verletzungen nur noch eingeschränkt ausüben; und die nass gewordene Munition macht auch diese verhinderten Schüsse zu Zufallstreffern. Als Roland schließlich durch die Tür in den Kopf von Eddie Dean und das New York der 90er Jahre stolpert, muss er völlig neue Erfahrungen machen: Zum vielleicht ersten Mal überhaupt versetzt sich der Revolvermann in die Lage anderer, muss Kompromisse machen und gibt nicht immer den Ton an – und das gleich dreimal. So befreit er den heroinabhängigen Eddie von seinem „Affen“, zieht die an den Rollstuhl gefesselte Odetta Holmes in seine Welt und kämpft anschließend mit deren zweiter Persönlichkeit, Detta Walker. Jedes Mal trifft Roland auf völlig neue Umstände, auf andere Welten und Zeiten. Alleine kann er das nicht schaffen, er benötigt die Drei, auch für die Suche nach dem Turm.
Diese Wandlung von Roland, aber auch die Entführung des Lesers in das New York zwei verschiedener
Zeiten machen Drei zu einem sehr interessanten Buch. Einerseits entgeht King so der Gefahr, dass die Geradlinigkeit und Einfachheit des Charakters Roland zu langweilig werden, andererseits gelingt es ihm mit den verschiedenen Schauplätzen, Parallelen zwischen den Welten aufzuzeigen. So anders ist Eddies New York nämlich nicht, in vielen Dingen erinnert es Roland an seine Welt. Andere Begriffe bezeichnen dort letztlich dieselben Dinge. Und aus rein moralisch-menschlicher Sicht fallen Roland kaum Unterschiede auf. Auch andere Interpretationen sind möglich. King selbst beschreibt in den Vor- und Nachworten aller Bände des Turms immer wieder, wie wichtig dieses Werk für ihn ist. So schlägt der Dunkle Turm einen Bogen von einer frühen Schaffensperiode Kings zu einer Späten. Insofern ist es nur logisch, dass die zwei New Yorks der 50er Jahre und der 80/90er viele Reminiszenzen an reale Erscheinungen aufweisen. Musikgruppen, Kinofilme oder schlichtweg die Beschreibung der Stadt. Aber auch die Schizophrenie von Detta/Odetta kann tiefere Bedeutung erhalten, wenn sie als Veräußerung von Rolands Psyche verstanden wird. Denn der harte Revolvermann hat verschiedene Seiten, ist mit sich selbst nicht so im Reinen, wie er es vielleicht selbst glaubt. Und es verwundert so auch nicht, dass Roland Deschain schon beim Sprung in Odettas Kopf spürt, was für ein Problem hie auf ihn zukommt.
Auf der sprachlich-erzählerischen Ebene sind ebenfalls einige Details genauer zu betrachten. Wie bereits bei „Schwarz“ erwähnt, ist das Schriftbild bei King ein gern eingesetztes Mittel, um Emotionen oder Gedankengänge hervorzuheben. In „Drei“ werden zumeist Kerngedanken oder Schlüsselstellen (Rolands Traum, Rolands Gedankengespräche mit Eddie) kursiv gedruckt dargestellt, während akustische Steigerungen in Großbuchstaben versinnbildlicht werden. Weitgehend unspektakulär folgt die Erzählstruktur einer einleuchtenden Reihenfolge, nämlich von der Rückerinnerung an das Treffen mit dem Schwarzen Mann bis zum Ausblick auf die weiteren Abenteuer auf dem Weg zum Turm. Durchsetzt ist sie von den drei Türen, die jeweils einen mehr oder weniger strikten Handlungsblock in der Parallelwelt mit sich bringen. Ein wenig komplexer wird es, wenn Roland in den Gedanken seiner „Drei“ in deren Erinnerungen wühlt oder sich die anderen Charaktere an ihre eigene Vergangenheit erinnern.
Sprachlich fällt vor allem Detta Walker mit ihrer ausgeprägten Vulgärsprache auf. Fäkalausdrücke und unzählige Schimpfworte bilden hier die böse, gefährliche und verrückte Person, die in krassem Gegensatz zur höflich-gebildeten Sprache von Odetta Holmes steht – der Graben zwischen den beiden voneinander nicht wissenden Personen erscheint sehr groß. Des Weiteren dienen Neologismen Roland als Hilfsmittel, wenn er Objekte aus der modernen Welt Eddies nicht kennt oder dessen Sprache falsch versteht. Eddie Dean wiederum paraphrasiert oft, um dem Revolvermann etwas verständlicher zu machen.
Insgesamt ist auch „Drei“ ein in meinen Augen lesenswertes und fabelhaftes Werk. Allerdings sind auch hier einige weniger positive Merkmale anzuführen: Die an und für sich schnell zu erklärende Haupthandlung dehnt sich aufgrund der ausgiebigen Beschreibung der inneren Vorgänge der Personen auf über 500 Seiten aus, stellenweise sind erhebliche Längen zu spüren. Es stellt sich die Frage, ob der Leser die Gelähmtheit und Müdigkeit Rolands auf diese Art und Weise nachvollziehen können soll oder muss. Außerdem ist noch die Vielfalt an Schimpfwörtern zu nennen, die manchem Leser nicht gefallen wird. Detta Walker erscheint dadurch so überspitzt, dass sie eher zu einer Karikatur als zu der gefährliche Verrückten wird, die sie eigentlich sein soll. Jedoch überwiegen glücklicherweise die positiven Details. Eine phänomenal gut erzählte Stelle ist relativ am Anfang die Szene, als Roland in Eddies Kopf schlüpft während dieser gerade als Drogenkurier in einem Flugzeug sitzt. Die Beschreibung des Fliegers und der Situation aus Rolands Sicht und in dessen begrenzter Sprache, sowie die sich ergebenden Komplikationen für die zunächst unbeteiligten anderen Fluggäste erzeugt ein filmisches Erleben des Ganzen. Brutal aber nicht weniger mitreißend ist die Schießerei beim Drogenpaten, als Roland Eddie befreit. Diese Action-Elemente, die wiedererkennbare Welt des 20. Jahrhunderts und nicht zuletzt die spannende Handlung machen „Drei“ zu einem guten Buch, dass die Sucht nach dem „Dunklen Turm“ nicht nur bei den Protagonisten sondern auch bei den Lesern verstärkt.
Bildnachweis:
1 und 2
Wenn der schlechte Ruf vorauseilt 15. August 2008
Posted by frischmax in Alltag, Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: Interviewer, Klingenputzer, Marktforschung, Ruf, Vertreter, Voreingenommenheit
2 comments
Es dreht sich hierbei allerdings nicht um meinen eigenen, persönlichen Ruf. Vielmehr geht es um den Ruf, den eine ganze Branche bzw. deren Auftritte in der Öffentlichkeit, heutzutage genießen: Die Rede ist von jenen Menschen, die von Zeit zu Zeit an Haustüren klingeln und von den Bewohnern verschiedenes wollen: Geld für Abonnements, Geld für gute Zwecke, Geld für einen Staubsauger – meistens geht es wirklich um Geld für den Vertreter/Drücker und viel Ärger für den, der sich etwas aufschwatzen lässt. Mit der Abneigung, mit dem Hass auf diese Besucher sieht sich allerdings auch eine Branche konfrontiert, die das nur bedingt verdient hat: Marktforschung.
Man kann von Markt-, Sozial- und Wahlforschung halten, was man will. Und niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Dennoch ist es ziemlich krass, wie selbst zur Freundlichkeit verpflichtete und lediglich unverbindliche Fragen stellende Interviewer den ganzen Groll zu spüren bekommen, den viele „Nachbarn“ hierzulande gegen die Zeugen Jehovas, Vorwerk und andere Hausierer haben. Wie gesagt: Niemand muss jemandem Fremden an der Haustüre oder gar in der Wohnung Rede und Antwort stehen, jeder darf ausdrücklich das Wörtchen „Nein“ und vielleicht noch ein „Danke“ verwenden.
Ich schreibe über diese so ungeliebten Menschen, weil ich zurzeit dieselben Erfahrungen mache. Bereits vor
ein paar Jahren habe ich für ein kleines Marktforschungsunternehmen im Call-Center gearbeitet. Entgegen der schlechten Publicity durch die Negativbeispiele der Telefonverkäufer stellen die Interviewer der Marktforschung tatsächlich nur Fragen, verkaufen nichts und verlosen nichts- das dürfen sie nämlich nicht. Auch wird man bei namhaften Unternehmen wie der Gesellschaft für Konsumforschung (bei der ich nicht gearbeitet habe) selten pro Interview (oder, je nach Sichtweise, pro genervten Menschen) sondern nach Arbeitszeit bezahlt, also erfolgsunabhängig. Die Marktforscher wissen um die Schwierigkeiten, überhaupt jemanden zur Teilnahme an einer Umfrage zu bewegen, deshalb sind die wenigen Freiwilligen mit Samthandschuhen zu behandeln. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber die Summen, die in stundenlange Telefoniererei gesteckt wird, müssen von enormer Höhe sein. Und all das für größtenteils ergebnislose Kurzgespräche mit verärgerten Bürgern.
Abgesehen von diesem sicherlich hinterfragungswürdigen Kampf um Meinungen (der nicht nur telefonisch geführt wird), geht es mir hier aber um das Verhalten der Menschen, denen meine Höflichkeit und Mühe gilt, wenn ich als Interviewer unterwegs bin. Ich kenne das Prozedere beim Telefonieren, und so malte ich mir beim sogenannten Face-to-Face-Interview gute Chancen aus – ich bin von meiner Außenwirkung überzeugt und verfüge noch über genug Menschenkenntnis/Blauäugigkeit um auf die Sympathie wildfremder Menschen zu hoffen. Ich gehe also in gepflegter Alltagsmontur los „ins Feld“ – schließlich erinnert ein zu ordentlicher Anzug schnell an Vertreter oder andere negative Besucher. Mit Ausweis, Dokumenten über Datenschutz und Anonymität sowie dem Laptop mit dem Fragebogen soll das eigentlich alles professionell und seriös wirken – ich ging anfangs davon aus, diese Hilfsmittel würden die Zielpersonen überzeugen. Weit gefehlt, die Sache gestaltet sich sehr schwierig: wenn ich in der Gegend um meine derzeitige Startadresse jemanden aus dem Haus klingle (gute Gegend, mehr Villen als normale Häuser), mein Sprüchlein aufsage und freundlich um ein Interview bitte, bekomme ich allerhand zu hören. Zwar sind Schimpfwörter die Ausnahme, aber es ist schon interessant, wie viele Leute mich einfach wortlos stehen lassen und die Türe wieder schließen. Oder stellvertretend für die nicht anwesende Zielperson ablehnen. Oder mir sagen, was für ein Verbrecher ich doch sei.
Freilich, nach all den negativen Erlebnissen, die viele mit Klinkenputzern gemacht haben, kann man es nicht wirklich verübeln, dass Menschen gestresst und sauer reagieren. Andererseits kann man es doch: Mit meiner Aktentasche könnte ich – rein theoretisch – auch etwas Wichtiges dabei haben (über die Wichtigkeit von Meinungsforschung haben die meisten Bürger eine, nunja, geringschätzende Meinung), ein Schreiben vom Notar, von der Bank, was auch immer. Wie gesagt, die Situation ist nicht ganz einfach. Aber ich glaube schon, dass dieses von vornherein ablehnende Verhalten aufgrund Hörensagens oder eventueller schlechter Erinnerungen mehr aussagt: Ein schlechter Ruf, ein schwarzes Schaf, ein Gerücht – oft reicht das schon aus, um anderen Menschen (in diesem Fall eher Firmen, und der Schaden kann so groß nicht sein) Schaden zuzufügen oder sich selbst Chancen zu verbauen (wird bei diesem Beispiel ebenfalls nicht so gesehen werden).
Ich für meinen Teil ziehe daraus eine Lehre: Ich werde weiterhin bei jeder neuen Haustüre freundlich und höflich sein. Ich werde mich nicht von den paar schwarzen Schafen unter so vielen Menschen abschrecken lassen.
Wenn der Computer süchtig macht 13. August 2008
Posted by frischmax in Computerspiel, Gesellschaft, Medien, Technik.Tags: Abhängigkeit, Computer, Computerspiel, Medien, Sucht, World of Warcraft
add a comment
So lautete der Titel einer Reportage, die das Erste gestern Abend ausstrahlte. Anhand von drei verschiedenen Fällen dokumentieren die Autoren, dass Computerspiele Menschen so extrem fesseln können, dass deren gesamte reale Existenz nach und nach zerstört wird. Trotz der einseitigen Fixierung auf das Negativsymbol schlechthin für Spielsucht, World of Warcraft, gelingt es dem Film, die Objektivität zu wahren und mit einem ernsten aber nicht paranoiden Grundton auf die Gefahren hinzuweisen, die Computerspiele zumindest in einigen Fällen bergen.
Ich gebe es besser gleich zu Beginn dieses Artikels zu: Ich bin selbst leidenschaftlicher Computerspieler, und das schon seit mehr als zehn Jahren. Auf Objektivität kann ich mich also vermutlich nicht berufen, jedoch werde ich mich bemühen, möglichst viele Blickwinkel zu bedenken. Obschon ich die Dokumentation loben muss, möchte ich nämlich einige der Kernfragen, die dort zur Sprache kamen, näher betrachten und auch in Frage stellen.
Zum einen kann schon der Titel Missverständnisse hervorrufen, impliziert er doch, dass der Computer die Menschen süchtig macht. Dieser Sachverhalt ist so plakativ wie unwahr. Es mag sich als bloße Spitzfindigkeit ausnehmen, aber: Süchtig wird der Mensch, ob mit oder ohne Motiv. Der Computer oder auch nur ein Stück Software können aber kein Motiv haben – diese Überschrift verleitet aber dazu, die „Schuld“ (sofern es diese gibt) bei einem Objekt zu vermuten. Diese Möglichkeit ist jedoch sehr fragwürdig. Wie sogar im Film zu sehen war, sind es nämlich Vorgänge im Gehirn, die unser Verlangen nach etwas steigern oder senken. Im Falle der Spielsucht ist es also in erster Linie eine psychische Abhängigkeit; Mensch möchte sich gut fühlen und dieses Gefühl – Glück, Wohlbefinden – erzeugen gewisse Stoffe, die ausgeschüttet werden wenn Mensch Situationen so durchlebt, dass er sich siegreich, zufrieden, gut fühlen kann. Die Übertragung auf ein Spiel, ich nehme das Lieblingsbeispiel World of Warcraft, ist denkbar einfach: Belohnungen sind der rote Faden eines jeden Rollenspiels – für Nichts und wieder Nichts oder aus Spaß an der Freude spielen nur die Wenigsten. Vielmehr sind es kurz-, mittel- und langfristige Ziele, die Spieler antreiben, bei der Sache zu bleiben. Misserfolge frusten zunächst kaum, sind sie doch wenigstens am Anfang spärlich vorzufinden – und später ist es das eine große Erfolgserlebnis, das über die nun massiv auftretenden Niederlagen hinweghilft. Der Dämon „Sucht“ ist hier also gar nicht übernatürlich sondern ein außerordentlich normales, menschlich-biologisches Phänomen, das die Natur nicht ohne Grund ersonnen hat. Manchen Menschen sagt diese Erniedrigung, also die Einsicht, dass wir Menschen nur einen begrenzt
freien Willen haben, natürlich nicht zu – so liegt es Nahe, den Schuldigen an anderer Stelle zu vermuten.
Nun aber genug mit dieser Wortklauberei. Viel wichtiger in meinen Augen ist die Frage, warum es überhaupt Spielsüchtige gibt, oder warum so viele nicht süchtig werden. Ich bin ein Mensch, der sich selten die Freiheit nimmt, alles nur mit seiner eigenen Perspektive begründen zu wollen. Diese Art der Geringschätzung des Anderen war mir immer zuwider. Allerdings stelle ich mir gerade in diesem Fall – ich spiele und spielte ja selbst lange genug, ohne süchtig zu werden – schon die Frage, ob ich und die Millionen Menschen, die einen normalen Umgang mit all den Verführungen unserer Welt pflegen, irgendwie anders sind? Warum werde ich nicht abhängig? Zweifelsohne gibt es ja diese krassen Auswüchse, aus denen sich die Betroffenen nicht mehr befreien können; auch hier waren die Beispiele der Reportage anschaulich und dramatisch; und die Abhängigen waren allesamt aus gutem Hause – das Lied vom ohnehin kaputten Leben, das sich nun in eine wie auch immer geartete Sucht flüchtet, es stimmt so gar nicht – gerade Computer, Spiele dafür und Onlinespiele insbesondere sind nämlich absolute Luxusgüter, die so vielen Menschen nicht zur Verfügung stehen. Zwar sind auch Alkohol und Zigaretten gewissermaßen Genuss- und Luxusartikel; aber allemal einfacher und günstiger zu haben als ein PC. Dennoch, auch wenn einige der gezeigten Personen über ein intaktes Berufsleben, über Freunde und Hobbies verfügt haben: Ich komme nicht ganz dahinter, wie sie das alles für ein Spiel aufgeben konnten. Ich werde also doch einmal von mir ausgehen müssen:
In den frühen Kinderjahren hatte ich großen Spaß mit allerhand Spielzeugen. Auch das Fernsehprogramm war von Interesse, als ich mich als Frühaufsteher mit 6, 7 Jahren am Samstagmorgen still und leise beschäftigen musste, weil alles noch schlief. Irgendwann hatte ich dann auch meinen eigenes Gerät, wenn auch nur ausgewählte Programme. Ich zappte mich durch, und entschied mich manchmal dafür, viel Zeit mit der Glotze zu verbringen. Viel öfter, das kam mit der Zeit von selbst, ließ ich das Ding aber ausgeschaltet. Lego, Freunde und vor allem Bücher fand ich spannender. Irgendwann erzählten dann viele andere Kinder von ihren Nintendos und Gameboys – doch meine Eltern haben mir nie so ein Gerät gegeben. Dafür bekam ich bereits mit acht Jahren einen PC und einige Spiele, die schon damals alt waren. Hauptsächlich sollte und musste ich den Computer aber zum Lernen benutzen. Freilich kamen mit der Zeit und dem steigenden Taschengeld immer mehr Spiele hinzu – Anno 1602 oder diverse andere Simulationen fesselten mich ziemlich - aber meine Eltern zogen eben den Stecker, wenn ich mal gar nicht von der Kiste weg wollte. Außerdem war da noch die Schule, und meine Freunde wollte ich eigentlich auch sehen, und Lesen war nach wie vor mein größtes Hobby. Auch das Internet änderte daran wenig, zu Beginn war es mir schlichtweg zu langsam, und in Zeiten von DSL hatte ich selten Geld übrig, um die immensen Kosten von World of Warcraft zu tragen – meine Eltern hätten mir das ohnehin nie gezahlt. So habe ich erst sehr spät meinen lang gehegten Wunsch verwirklicht und dieses ach so tolle WoW ausprobiert. Es hat mir gefallen, ich habe es in zwei Monaten ziemlich ausgiebig gespielt, einen Charakter auf Level 53 gebracht – und wieder aufgehört. Denn, wie bei allen Spielen: Es ist immer nur Schema F – und das kennt man irgendwann. Und dann ist ein Spiel für mich einfach nicht interessant genug, dass ich dafür Stunden oder gar Tage opfere.
Für mich – und ich kann das nur aus meiner Sicht schildern – stellt sich das Problem als ziemlich einfach zu vermeiden dar: Alles in Maßen genießen. So kann man eigentlich nur schwer in die Zwangslage geraten, tatsächlich süchtig zu sein – und dann ist es wirklich ein großes Problem. Ein mittlerweile 40-jähriger ehemaliger Systemadministrator war das krasseste Beispiel der Doku: Ehemalig – wegen einem Spiel. Und Frau, Geld, Freunde – das ist auch alles weg. Ein Entzug war zwar erfolgreich – aber der Arbeitsplatz am Computer ist ein denkbar schlechter Ausgangspunkt, all das hinter sich zu lassen. Die Reportage hat ein offenes Ende.
Festzustellen ist: Computer(-spiele) können süchtig machen. Im Gegensatz zu Drogen ist dabei kein körperfremder Stoff erforderlich, der das Abhängigkeitsverhältnis verursacht – diese neuere Form der Sucht ist in der Psyche verankert. Allerdings ist auch genau das ein Grund dafür, dass eine Computersucht unbemerkt und schnell eintritt. Ich bin wahrlich kein Freund von neoliberalistischen Slogans, die mehr Eigenverantwortung fordern und damit den Abbau von Unterstützungseinrichtungen meinen. Aber die Computersucht scheint relativ einfach zu verhindern zu sein: Der gesunde Menschenverstand sollte bei den meisten Menschen ausreichen, um die Kiste dann und wann abzuschalten.
Kommunikationsprobleme 7. August 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: Ehrlichkeit, Fundraising, Kommunikation, Problem, Spenden
add a comment
Seit längerer Zeit war ich gestern einmal wieder zum Einkauf in der Innenstadt von Nürnberg. Ich wohne in der sehr vorteilhaften Lage einer Gemeinde vor den Toren der Stadt, inmitten des Speckgürtels – geringe Arbeitslosigkeit, schöne Einfamilienhäuser, verkehrsberuhigte Zone – Bekannte nennen meinen Ort gerne Wolkenkuckucksheim. Eine wie auch immer geartete Kommunikation oder Beziehung mit der Großstadt ist daher nicht unbedingt vonnöten, Einkaufsmöglichkeiten und Arbeitsplätze liegen ja größtenteils direkt vor der Haustüre.
Kommt ein verwöhnter Vorstadtmensch dann doch einmal in die vollkommen andere Stadtwelt, so ignoriert oder übersieht er häufig die dort anzutreffenden, weniger schönen Details. Das kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Jedoch, bei aller Müdigkeit oder Gedankenversunkenheit während des Weges mit Bus und U-Bahn durch die Problemviertel der Stadt, bisweilen durchscheinen manche Begebenheiten die Verblednung, durchbrechen die Misstöne die Geräuschkulisse schnatternder, mit Einkaufstüten bepackter Hausfrauen. So erging es mir gestern. Während der viertelstündigen Fahrt mit der U-Bahn in die Kaufwelt der Innenstadt, ich hatte keinen MP3-Player dabei, riss mich eine bestimmte Szene aus meinen Gedanken: Ein Vater, sehr sehr jung (wie in sozialen Brennpunkten beinahe üblich), brüllte seine kleine Tochter von vielleicht fünf Jahren an, sie solle sofort wieder neben ihm Platz nehmen (Ich verzichte auf eine genaue Wiedergabe der Worte). Das Kind war bis dahin damit beschäftigt gewesen, im Gang des Wagens auf und ab zu laufen. Folgsam und ohne murren nahm es also neben Papa Platz – um von diesem komplett ignoriert zu werden. Die ganze Fahrt über konnte ich beobachten, wie sie fragenden Blicke der Tochter von ohrem Vater weder bemerkt noch beantwortet wurden. Diese, ich nenne es: Kälte, ist vermutlich einer bestimmten Ursache geschuldet, ebenso das in meinen Ohren
völlig übertriebene Gebrüll des Erziehungsberechtigten: Der MP3-Player mit viel zu lauter Musik, dessen Kopfhörer die ganze Zeit über in den Ohren des Mannes steckten. Ich war einigermaßen fassungslos, muss ich gestehen. Natürlich kenne ich die Situation der geschilderten Personen nicht genauer, aber die Rückschlüsse durch diese eine Szene fallen ziemlich negativ aus – und stimmen traurig. Wundert es da noch, wenn Kinder heute aufmerksamkeitsheischendund hyperaktiv umherrennen? Ich habe einie Antworten auf diverse (sogenannte) Probleme der Gegenwart gefunden. Mangelhafte Kommunikation zwischen Eltern und Kind (nebenbei bemerkt: es heißt ja auch „das“ Kind – das ist beinahe bezeichnend. „Es“, also „das“ Kind, ist heutzutagezu oft ein wenig willkommenes Anhängsel) gehört dazu.
In der Innenstadt begann dann der Spießrutenlauf vorbei an den unzähligen Spendensammlern. Es ist meiner Suche nach geeigneten Nebenverdiensten vor einiger Zeit zuzuschreiben, dass ich weiß, für wen und warum diese Leute Spenden sammeln. Zwar stehen sie oft in T-Shirts von Greenpeace, Westen der Malteser oder mit anderen Erkennungsmerkmalen an ihren Ständen. Es fällt aber auf, dass genau an einem Tag zumeist unzälige verschiedene Organisationen gleichzeitig Spenden sammeln. So habe auch ich es gestern wieder erlebt; nur ist mir der genaue Umstand inzwischen bekannt: Es gibt spezialisierte Firmen die das „Fundraising“ inklusive bürokratischem Aufwand für das Rote Kreuz oder die Malteser oder die Johanniter oder Greenpeace oder viele andere übernehmen. Daran ist zunächst nichts weiter verwerflich, schließlich sollen die genannten Organisationen ja ihren Aufgaben nachkommen und nicht nur Geld sammeln. Verwerflich, zumindest aber fragwürdig ist dann aber folgendes:
Ich werde also von einer jungen Dame im Maltesershirt, vermutlich genau so alt wie selbst, angesprochen. Sie fragt mich unumwunden, ob ich denn in meinem Leben schon „Gutes tue“. Ich entgegne, dass ich bereits beim Roten Kreuz Mitglied bin, Blut Spende und von Zeit zu Zeit für bestimmte Projekte spende. Davon ist das Mädchen geradezu begeistert, und ich frage mich schon ob die akute Hitze und die pralle Sonne ihr zugesetzt haben mögen, als sie mir sagt: „Man kann ja nie genug Gutes tun, deswegen können sie ja auch noch zu den Maltesern…..!“ Wie auf Knopfdruck schalte ich meine Ohren auf durchzug, schaue mir den Mund der Frau an und warte ab bis sich dieser wieder schließt. Freundlich stelle ich ihr eine Frage: „Arbeiten sie denn auch für die Malteser?“ Ihr Mund bleibt offen, ihr Blick flackert. Es ist mir schon beinahe peinlich, eine Frage gestell zu haben die so weit entfern von aller Selbstlosgikeit liegt, als sie mir stotternd erklärt, dass sie für eine Agentur arbeitet, Geld für das Aufschwatzen von Mitgliedschaften bekommt und natürlich der größten Teil bei den Maltesern ankommt. Daraufhin teile ich ihr mit, dass ich kein Interesse an einer Spende oder Mitgliedschaft habe und wünsche noch einen angenehmen Tag.
Erst auf dem Heimweg fiel mir ein, dass ich sie hätte fragen sollen, ob sie selbst denn bei einer der Organisationen Mitglied ist, für die sie Spenden sammelt.
Auch hier sehe ich ein gewaltiges Problem in der Kommunikation von Menschen. Denn dieses Gespräch war ja gar keines, es war nicht mehr als eine einstudierte (eingetrichterte) Situation, wie sie Fundraiser auf Seminaren üben, nur mit dem Ziel, eine Spende zu bekommen. Die gesamte Unterhaltung, weder ihre Fragen noch meine Fragen, hat jemals zu einer Form von Kommunikation geführt. Alles ging komplett am jeweiligen Gegenüber vorbei. Warum? Der Grund ist denkbar einfach: Kommunikation erfordert Interesse, ehrliches Interesse. Und Kommunikation erfordert Ehrlichkeit.
Die war zumindest auf einder Seite absolut nicht gegeben.
Bildnachweis: 1) www.wendelstein.de 3) www.wesser.de
Meine Generation 2. August 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: 1987, Alltag, Desinteresse, Generation, Jugend, Perspektive, Unpolitisch, Visionen
3 comments
Meine Generation ist schon eine besondere. Natürlich kann ich nur in begrenztem Ausmaß über eine ganze Generation sprechen; der Begriff an sich ist schwammig genug und so viele Bekanntschaften habe ich in meinem jungen Leben noch nicht gemacht, als dass ich meine ganze Generation kennen könnte. Folgende Betrachtung beschränkt sich also auf meine persönlichen Erfahrungen und einige gesamtgesellschaftlich zugeschriebene Attribute.
Geboren 1987/88 als Post-Tschernobyl-Babies, noch in der Zeit des (schmelzwasserwarmen) kalten Krieges. Genau in eine solche Zeit des Umbruchs, gesellschaftlich wie historisch, hineingeboren zu werden war mir vergönnt. Der Ansatz, diese Generation müsste eine besonders geprägte sein, liegt nicht so fern. Allerdings löst er sich mit dem Verweis auf das Alter (als die Mauer hinfällig wurde war ich gerade einmal drei Jahre alt) in Luft auf. Und überhaupt verschwindet, das will ich meinem Jahrgang durchaus konstatieren, in unserem Leben vieles sehr schnell wieder von der Bildfläche. Der Kalte Krieg konnte uns nicht lange interessieren, ebenso wenig war die Wiedervereinigung je ein aktuelles Thema. Die aktiv mitverfolgte Zeitgeschichte setzt bei den meisten meiner Freunde gegen 1997 ein, erstes prägendes Ereignis war allerdings für viele erst der 11. September 2001. Wichtige Ereignisse wie der 2. Golfkrieg, die Staatsneu- bzw. Wiedergründungen nach dem Verfall der UdSSR, Kosovokrieg und vieles mehr sind im besten Fall Geschichte, Historie – oder auch beinahe unbekannte Begebenheiten.
Nur wenige politische Entwicklungen sind auch Jahre danach noch präsent – und das auch nur, weil sie durch Medien und ältere Mitmenschen transportiert werden. Der Sturz des World-Trade-Centers nach den Terroranschlägen wird jedes Jahr mantrahaft beklagt, und so erinnere auch ich mich immer wieder an die Schockstarre nach diesem Datum. Der Beginn der Invasion in Afghanistan jedoch, der nur wenig später stattfand, ist ziemlich verblasst. Auch der dritte Irakkrieg, der nun schon seit fünf Jahren Schlagzeilen liefert ist nichts mehr, das übermäßige Beachtung findet – es ist Alltag.
Ganz ähnlich verhält es sich aber auch in Bereichen, die gerade die Jugendkultur vermeintlich länger
prägen als alles andere: Technologie zum Beispiel. Ich kann mich noch an die paar Jahre erinnern, in denen ich Benjamin Blümchen aus dem Kassettenrekorder sprechen hörte. wenig später war die CD „in“ und kurz darauf auch schon normal. Und plötzlich hatte ich dann schon den ersten MP3-Player in der Hand. Oder das Beispiel Fernsehen: Bilder und Sendungen aus den frühen 90er Jahren muten seltsam veraltet an, die Farben irgendwie unscharf, das Bild schlecht – dabei ist das so lange auch noch nicht her.
Wollte man meine Generation ausdrücklich negativ sehen, man könnte dieses Phänomen der Schnellebigkeit, des Vergessens oder des mutwilligen Wegwerfens und Verdrängens verschiedenster Dinge in die Vergangenheit – Deckel drauf und fertig – als Argumentationsmittelpunikt heranziehen. Und ich komme nicht umhin, bei mir selbst wie auch bei guten Freunden ein gewisses Desinteresse an allem, ein „In-den-Tag-hineinleben“ zu diagnostizieren. Und das kann man nur schwer gutheißen. Mit zehn oder weniger Lenzen kann es noch entschudligt werden, dass der Kindergarten oder die Grundschule Tag für Tag besucht werden, dass ein Kind gezwungenermaßen nur in der Gegenwart lebt und sich maximal auf die nächste Woche freut, wenn es in den Zoo gehen soll. Doch dieses Muster konnte ich auch noch in der gymnasialen Oberstufe beobachten. DIe Planungen reichten bis zur nächsten Klausur, bis zum Abitur – aber einen Plan für das Leben – was will ich werden? – eine Perspektive fehlte doch sehr häufig.
Lähmung – ein Wort das mir dazu einfällt. Diese Bewegungslosigkeit, das Auf-der-Stelle-Verharren – all das passt zu meiner Generation. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber ich vermute das nie zuvor so wenige junge Menschen politisch engagiert waren, sich für etwas eingesetzt haben das möglicherweise erst viel später eintritt. Ich könnte kotzen, wenn ich daran denke das all die rauchenden, saufenden und handyspielenden Kameraden von vor ein paar Jahren sich heute ständig über die schlimmen Kids von heute auslassen – wie soll es denn auch anders sein, wenn die Vorbilder fehlen? Und waren wir nicht genau so? Vielleicht gar, weil auch uns die Vorbilder und Visionen (noch immer) fehlen?





