jump to navigation

Revisionismus und Relativismus!? 29. September 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Geschichte.
Tags: , , , , ,
trackback

Es ist schon erstaunlich: Die Zeit des Nationalsozialismus ist nun wirklich etwas länger her, die Zeit der Aufarbeitung umfasst ebenfalls einige Jahrzehnte. Während ich aber meiner Generation (in Teilen) durchaus zutraue, das Kapitel des Nationalsozialismus nüchtern und ehrlich zu betrachten, erschaudere ich angesichts der Aussagen, die manch älteres Semester auch heute noch machen kann – gerade weil es eigentlich Mittel und Wege genug gibt, sich von der Wahrheit zu überzeugen. Ein Paradebeispiel für Uneinsichtigkeit und Starrsinn (freundlich ausgedrückt) ist Erika Steinbach. Geboren im „Siedlungsraum“ für die geplante arische Rasse, in Westpreußen, nimmt sie sich seit 1998 als Präsidentin des Bundes der (deutschen) Vertriebenen ungefragt der Anliegen aller Vertriebenen (Deutschen) an. Früher hautptsächlich, heute eher indirekt, ist die Vereinigung auch das politische Sprachrohr der Vertriebenen, setzte sich noch in den 80ern gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ein und macht heute immer dann von sich Reden, wenn in „Wie-du-mir-so-ich-dir“-Manier zurückgeschlagen werden soll.

Erika Steinbach (auf deren Homepage ihre Tätigkeit füt den BDV sehr gut versteckt ist) selbst äußert sich ebenfalls zur Frage, wer das größere Opfer sei – das scheint für manche Leute enorm wichtig zu sein. Die Deutschen sind nicht nur nach Steinbach anscheinend das Über-Opfer, also Opfer der NS-Zeit, Opfer der Verblendung (natürlich nur einiger weniger), Opfer des Krieges und natürlich Opfer der Vertreibung durch weniger wichtige Opfer (ich bin so frei, dass mal so direkt zu interpretieren). So behauptete sie unlängst, es hätte gar einen Völkermord an Deutschen gegeben. Freilich, es sind viele Deutsche ermordet worden nach dem Krieg. Und Mord und Totschlag sind immer falsch. Es ist schlimm, dass es so viele Opfer gegeben hat. Aber wenn solche Wahrheiten ausgesprochen werden, dann doch bitte auch bei der Wahrheit bleiben: Es spielt eben schon eine Rolle, wer die Gewaltspirale in Gang gesetzt hat, wer Aggressor war. Und auch andere Mythen sollten aus dem Weg geräumt werden, ehe man den Angegriffenen mit der Aufzählung der eigenen Gefallenen kommt, und dann auch noch Verständnis oder gar Entgegenkommen erwartet: Relativismus ist hier fehl am Platz.

[...]

Also lässt sich die Gewalt des deutschen Aggressors mit der Gewalt der Partisanen im Zweiten Weltkrieg nicht vergleichen?

Hätten sich die Kommandanten der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee nach Kriegsende vor Gerichten verantworten müssen, wären sehr wahrscheinlich einige von ihnen wegen Kriegsverbrechen verurteilt worden.

Allerdings führt ein umfassender Relativismus, wie ihn beispielsweise Erika Steinbach betreibt, nicht weiter. Es gibt nicht nur graduelle Unterschiede, sondern es spielt auch eine ganz wesentliche Rolle, wer die Gewaltspirale in Gang gesetzt hat. Denn sobald sie einmal in Gang gesetzt ist, entwickelt sie erfahrungsgemäß schnell ihre Eigendynamik. Steinbachs Behauptung, dass alle wehrfähigen deutschen Männer nur unter Zwang in der Waffen-SS gedient hätten, ist ein Mythos. Das gab es zwar, aber genügend Deutsche haben die völkische Idee über alles gestellt, waren an Kriegsverbrechen und der »Arisierung« jüdischen Vermögens beteiligt. Nach Kriegsende hätte Jugoslawien die Verantwortlichen einem Gerichtsverfahren unterwerfen sollen, anstatt kollektive Vergeltung zu üben.

Dass Menschen, denen Leid zugefügt wurde, für Rache und Vergeltung anfällig sind, ist traurig, aber ein Faktum. Und deshalb ist es wichtig, dass wir die gruppenpsychologischen Entwicklungen der Gewalteskalation aufdecken. Wehret den Anfängen gilt in diesem Fall ebenso wie in vielen anderen Situationen.

[...]

Interview zwischen Doris Akrap (Jungle World) und Holm Sundhaussen (Professor für Südosteuropäische Geschichte in Berlin), vollständiges Interview auf Jungle-World nachlesbar.

Und freilich, in anderen Nationen gibt es das gleiche Problem: In Jugoslawien waren die Morde an Deutschen ungter Tito absolut tabu, es wurde nicht darüber gesprochen. Das war falsch. Aber falsche Taten, egal wie sie begeht oder begangen hat, sind kein Grund, die Falschheit aufzurechnen. Revisionismus und Relativismus bringen keinen weiter.

Es gibt nämlich diese anderen Ansätze: Ein europäisches Zentrum gegen Vertreibungen – eine solche Einrichtung kommt schon dem Namen nach dem Kern der Sache näher, als die Deutsche Heulerei: Vertreibung ist ein europäisches Thema, und nur europaweit kann es so aufgearbeitet werden, dass es seiner Dimension auch gerecht wird. 

 

Kommentare»

No comments yet — be the first.