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Wettlauf in Sachen Ethik 22. Dezember 2008

Posted by frischmax in Alltag, Gesellschaft, Nachgedacht.
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Sterbehilfe ist zwar seit Jahren ein ergiebiges Thema für hitzige Debatten. Dass aber just in dem Moment, da ich mich auftragsgemäß damit beschäftige, wieder eine ganz große Geschichte daraus wird, hätte ich auch nicht gedacht. Deshalb an dieser Stelle ein Nachtrag zum Thema und zur aktuellen Berichterstattung.

Da lässt sich also in Großbritannien ein unheilbar kranker Mann beim Selbstmord helfen. Das ist in Großbritannien strafbar, meines Wissens ist die rechtliche Lage dort sogar strenger als beispielsweise in Deutschland. Dignitas stellte also einmal mehr das Gift zur Verfügung, der Wille des Patienten äußerte sich dann im Einnehmen desselben sowie durch das selbstständige Ausschalten des Beatmungsgeräts.
Ich heiße die grundsätzliche Möglichkeit, sich selbst zu töten –  auch durch die indirekte Hilfestellung in Form der Bereitstellung der Utensilien – gut. Ich halte die ständigen Verweise auf die mögliche Verwirrtheit des Sterbewilligen größtenteils für ungerechte Stimmungsmache der Palliativinitiativen (denn diese treten genau mit diesem Argument ziemlich oft vor die Kameras – so viel zum Voyeurismus). Es gibt mit Sicherheit Menschen, die voreillige Entschlüsse fassen oder sich etwas einreden lassen. Aber das kann und darf doch nicht der Grund sein, auch klar denkende Sterbenskranke kurzerhand für Nicht-Zurechnungsfähig zu erklären!

Indes ist die „Methode Dignitas“ sehr wohl zu kritisieren. Sterbetourismus und nicht zuletzt der Umstand, dass dabei (hohe) Summen fließen, zum Beispiel 5900 Euro (Welt) – Das ist nicht das, was ich mir unter „menschenwürdigem Sterben“ vorstelle. An diesem Punkt gebe ich vielen Gegnern der passiven wie aktiven Sterbehilfe Recht: Ein Unternehmen, das mit dem Tod Geschäfte macht – hier hört die Freiheit auf. Denn gerade die Freiheit des Menschen – und für mich gehört dazu auch das selbstbestimmte Sterben – erfordert auch Maßnahmen, diese zu schützen. 

Für mich folgt daraus, dass Sterbehilfe gesetzlich geregelt werden muss. Und zwar alle vertretbaren Formen. Und die Möglichkeit, daran zu verdienen, sollte mit als erstes Übel verhindert werden. Es wäre wünschenswert, wenn sich Verfechter einer ausgedehnten palliativen Versorgung und die Befürworter der aktiven Sterbehilfe hier entgegen kommen könnten. Wenn alle Beteiligten sich tatsächlich um das Leid der Menschen und einen humanen Sterbeprozess verdient machen möchten, sollte es zunächst darum gehen, die Möglichkeiten dafür zu schaffen und jeglichem Missbrauch vorzubeugen. Auch Menschen, die nach einem langen Leidensweg einfach sterben möchten, verdienen eine Lobby. Denn diese Situation gibt es auch – auch nach noch so guter Betreuung und Versorgung.

Einblicke in die nächsten Generationen 17. September 2008

Posted by frischmax in Alltag, Deutschland, Gesellschaft.
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In den letzten sechs Wochen habe ich als Betreuer beim kommunalen Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche gearbeitet (daher auch die wenigen Artikel ;-)   ). Die Gemeinde organisiert Tagesfahrten in Freizeitpakrs, Schnupperkurse bei den Sportvereinen und einige andere Aktivitäten für die „Daheimgebliebenen“ – also entweder für Kinder, die aus finanziellen Gründen die ganzen Sommerferien über zu Hause bleiben und für jene, die schon dreimal im Urlaub waren und nun doch einmal einige Tage im eigenen Ort verbringen sollen. Neben dem ausgesprochen guten Verdienst haben mich aber auch andere Faktoren dazu bewogen, diesen Job zu machen: Im Hinblick auf mein Lehramtsstudium ab Oktober ist die Beschäftigung mit Kindern auch außerhalb des Bildungssektors nicht verkehrt. Abgesehen davon lernt man fern aller Pädagogik wohl das meiste über den richtigen Umgang mit Kindern.

Ein weiterer Faktor, den ich erst jetzt so richtig erkenne, ist der Einblick in die kommenden Generationen. Verhaltensauffälligkeiten, familiäre Probleme, die finanzielle Situation, die Bildungsmisere – eben all das, was in einschlägigen Reportagen so über Kids und Jugendliche verbreitet wird. Ich kann jetzt sagen: In meiner Region sieht es eigentlich nicht so schlimm aus. Freilich, ich habe einige Fälle beobachten können, die wohl eine ADS/ADHS-Störung haben. Ich habe nervende Jungs und zickende Mädchen betreut, ich habe zugesehen, wie Achtjährige so viele verschiedene Medikamente gegen Allergien nehmen, wie ich in meinen ganzen zwanzig Lebensjahren noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Ich habe dreizehnjährigen Mädchen die Kippen abgenommen, einem ziemlich Nintendosüchtigen Kind seine tragbare Konsole. Klar, oft ist das erschreckend. Aber: Man kann es „behandeln“ oder besser: Ich, eine nicht ausgebildete Honorarkraft, konnte eigentlich jeden Fall irgendwie zufriedenstellend handhaben.

Die oberste Regel, die ich aus diesne Erfahrungen mitnehme, ist: Geduld. Es ist verblüffend, was für eine geringe Toleranz gerade Pädagogen manchmal gegenüber Kindergeschrei haben. Oder vielleicht bin ich einfach nur so ruhig und unaufgeregt? Natürlich muss man bei vierzig aufgedrehten Kindern im Bus mal für Ruhe sorgen. Aber Kinder sind eben Kinder – und die sollen, dürfen, müssen eben auch mal laut sein. Also beobachte ich, denke über die Gründe nach – also ob die Lautstärke berechtigt ist oder nicht (so doof sich das anhört) – und schreite dann und wann ein – ohne selbst zu schreien. Manchmal werde ich lauter, aber alles muss genau dosiert sein. Und siehe da: Es klappt. Ich verbinde die Rüge mit einer kurzen Erläuterung, wiederhole das drei-, viermal. Und dann wird es ruhiger. Nicht mucksmäuschenstill, aber das muss ja auch nicht sein. Und ich habe ja immer noch meine Ohropax dabei.

Die zweite Regel die ich mir unbedingt merken möchte, ist: Beobachte und behalte im Hinterkopf, was du siehst. Gerade als Lehrer ist es meiner Ansicht nach unglaublich wichtig, dass die Hintergründe der einzelnen Schüler nicht unbedacht bleiben. Nur dann kann man angemessen reagieren. Einen Jungen, der bei vielen Programmpunkten nervend ins Auge fiel, konnte ich erst richtig einordnen, als zufällig die Familiensituation klar wurde: Scheidungskind, er lebt bei seiner Mutter, eventuell Sorgerechtsstreit mit dem Vater, in jedem Fall aber: Die Mutter äußert sich permanent abwertend gegenüber dem Vater – und so sind auch die männlichen Betreuer für den Sohn keine Autorität oder gar Ansprechpartner.

Eine andere Situation: Wieder ein Junge, ein bisschen arg zappelig und ständig in Bewegung. Deshalb musste ich mich mit ihm ein bisschen mehr auseinandersetzen als mit den anderen Kindern. Und obwohl ich ihn meistens ermahnt habe, schlug er seiner Mutter in meiner Anwesenheit vor: Kann der bei uns einziehen? Haben wir noch ein Zimmer frei? Alle haben gelacht, aber im Hinterkopf bleibt mir: Der Junge wurde jedes Mal von seiner Mutter abgeholt – vom Vater fehlte jede Spur. Wohl keine männliche Bezugsperson im Haus, deshalb dieser Klammereffekt mir gegenüber.

Man lernt unglaublich viel in sechs Wochen, in denen man täglich mit Kindern zu tun hat. Und Eigentlich war dieser Job auch keine Arbeit – ich hätte locker sechs Wochen dran hängen können. Denn diese kommenden Generationen – trotz der permanent attestierten Verkorkstheit – ist nicht schwerer zu handhaben als andere. Man muss sich nur darauf einstellen und individuell entscheiden können. Lehrbuchpädagogik und festgefahrene Prinzipien sind auf so viele Einzelpersonen nicht anwendbar. Hoffentlich werde ich mich daran erinnern, wenn ich in den nächsten Jahren im Elfenbeinturm der Uni mit allerhand Konzepten und Musterlösungen konfrontiert werde.

Wenn der schlechte Ruf vorauseilt 15. August 2008

Posted by frischmax in Alltag, Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.
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Es dreht sich hierbei allerdings nicht um meinen eigenen, persönlichen Ruf. Vielmehr geht es um den Ruf, den eine ganze Branche bzw. deren Auftritte in der Öffentlichkeit, heutzutage genießen: Die Rede ist von jenen Menschen, die von Zeit zu Zeit an Haustüren klingeln und von den Bewohnern verschiedenes wollen: Geld für Abonnements, Geld für gute Zwecke, Geld für einen Staubsauger – meistens geht es wirklich um Geld für den Vertreter/Drücker und viel Ärger für den, der sich etwas aufschwatzen lässt. Mit der Abneigung, mit dem Hass auf diese Besucher sieht sich allerdings auch eine Branche konfrontiert, die das nur bedingt verdient hat: Marktforschung.

Man kann von Markt-, Sozial- und Wahlforschung halten, was man will. Und niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Dennoch ist es ziemlich krass, wie selbst zur Freundlichkeit verpflichtete und lediglich unverbindliche Fragen stellende Interviewer den ganzen Groll zu spüren bekommen, den viele „Nachbarn“ hierzulande gegen die Zeugen Jehovas, Vorwerk und andere Hausierer haben. Wie gesagt: Niemand muss jemandem Fremden an der Haustüre oder gar in der Wohnung Rede und Antwort stehen, jeder darf ausdrücklich das Wörtchen „Nein“ und vielleicht noch ein „Danke“ verwenden.

Ich schreibe über diese so ungeliebten Menschen, weil ich zurzeit dieselben Erfahrungen mache. Bereits vor ein paar Jahren habe ich für ein kleines Marktforschungsunternehmen im Call-Center gearbeitet. Entgegen der schlechten Publicity durch die Negativbeispiele der Telefonverkäufer stellen die Interviewer der Marktforschung tatsächlich nur Fragen, verkaufen nichts und verlosen nichts- das dürfen sie nämlich nicht. Auch wird man bei namhaften Unternehmen wie der Gesellschaft für Konsumforschung (bei der ich nicht gearbeitet habe) selten pro Interview (oder, je nach Sichtweise, pro genervten Menschen) sondern nach Arbeitszeit bezahlt, also erfolgsunabhängig.  Die Marktforscher wissen um die Schwierigkeiten, überhaupt jemanden zur Teilnahme an einer Umfrage zu bewegen, deshalb sind die wenigen Freiwilligen mit Samthandschuhen zu behandeln. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber die Summen, die in stundenlange Telefoniererei gesteckt wird, müssen von enormer Höhe sein. Und all das für größtenteils ergebnislose Kurzgespräche mit verärgerten Bürgern.

Abgesehen von diesem sicherlich hinterfragungswürdigen Kampf um Meinungen (der nicht nur telefonisch geführt wird), geht es mir hier aber um das Verhalten der Menschen, denen meine Höflichkeit und Mühe gilt, wenn ich als Interviewer unterwegs bin. Ich kenne das Prozedere beim Telefonieren, und so malte ich mir beim sogenannten Face-to-Face-Interview gute Chancen aus – ich bin von meiner Außenwirkung überzeugt und verfüge noch über genug Menschenkenntnis/Blauäugigkeit um auf die Sympathie wildfremder Menschen zu hoffen. Ich gehe also in gepflegter Alltagsmontur los „ins Feld“ – schließlich erinnert ein zu ordentlicher Anzug schnell an Vertreter oder andere negative Besucher. Mit Ausweis, Dokumenten über Datenschutz und Anonymität sowie dem Laptop mit dem Fragebogen soll das eigentlich alles professionell und seriös wirken – ich ging anfangs davon aus, diese Hilfsmittel würden die Zielpersonen überzeugen. Weit gefehlt, die Sache gestaltet sich sehr schwierig: wenn ich in der Gegend um meine derzeitige Startadresse jemanden aus dem Haus klingle (gute Gegend, mehr Villen als normale Häuser), mein Sprüchlein aufsage und freundlich um ein Interview bitte, bekomme ich allerhand zu hören. Zwar sind Schimpfwörter die Ausnahme, aber es ist schon interessant, wie viele Leute mich einfach wortlos stehen lassen und die Türe wieder schließen. Oder stellvertretend für die nicht anwesende Zielperson ablehnen. Oder mir sagen, was für ein Verbrecher ich doch sei.

Freilich, nach all den negativen Erlebnissen, die viele mit Klinkenputzern gemacht haben, kann man es nicht wirklich verübeln, dass Menschen gestresst und sauer reagieren. Andererseits kann man es doch: Mit meiner Aktentasche könnte ich – rein theoretisch – auch etwas Wichtiges dabei haben (über die Wichtigkeit von Meinungsforschung haben die meisten Bürger eine, nunja, geringschätzende Meinung), ein Schreiben vom Notar, von der Bank, was auch immer. Wie gesagt, die Situation ist nicht ganz einfach. Aber ich glaube schon, dass dieses von vornherein ablehnende Verhalten aufgrund Hörensagens oder eventueller schlechter Erinnerungen mehr aussagt: Ein schlechter Ruf, ein schwarzes Schaf, ein Gerücht  – oft reicht das schon aus, um anderen Menschen (in diesem Fall eher Firmen, und der Schaden kann so groß nicht sein) Schaden zuzufügen oder sich selbst Chancen zu verbauen (wird bei diesem Beispiel ebenfalls nicht so gesehen werden).

Ich für meinen Teil ziehe daraus eine Lehre: Ich werde weiterhin bei jeder neuen Haustüre freundlich und höflich sein. Ich werde mich nicht von den paar schwarzen Schafen unter so vielen Menschen abschrecken lassen.

Ein geregelter Tagesablauf 23. Juli 2008

Posted by frischmax in Alltag.
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Jaja, das kam jetzt doch überraschend. Bedingt durch den Zivildienst, den ich unmittelbar nach dem Abitur im letzten Jahr angetreten hatte und der damit im Mai in diesen Jahres (endlich) vorbei war, hatte ich ziemlich viel Freizeit in letzter Zeit. Um genau zu sein: In den letzten Monaten. Die paar Gelegenheitsjobs haben da auch nichts dran geändert; alles in allem konnte ich getrost in den Tag, ach was, in die Wochen hinein leben.

Mit der freien Wahl der Schlafens-, Essens- oder Akivitätszeit ist es aber vorerst vorbei. Das ist gut so, wurde mir doch schon nach den ersten zwei Wochen in Freiheit schnell langweilig. War früher mit den Schulferien auch nicht anders. Aber man gewöhnt sich dann ja doch an die Langeweile. Ich habe mich also eigentlich auch darauf gefreut, dass im August und spätestens im Oktober mit dem Studium wieder ein sinnstiftendes Element in die gähnende Leere treten würde. Trotzdem kamen die ganzen Vorbereitungen dafür, die sinniger Weise ja vorher und damit bereits im Juni/Juli erledigt werden müssen, jetzt fast ein bisschen zu schnell.

Und so habe ich jetzt

  • einen Job als Betreuer beim örtlichen Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche
  • einen Job als Interviewer bei einem Marktforschungsunternehmen
  • ein Zimmer in einer WG in meinem Studienort
  • ein Vorpraktikum für mein Studium
  • noch ein bisschen Geld

So schnell ging das jetzt, so schnell stehe ich jetzt in dem Leben, dass ich in meiner Schulzeit immer nicht erwarten konnte. Ich werde zwar ständig mit irritierten Blicken bedacht, wenn ich meinen bereits studierenden Freunden vorschwärme, was ich mir von meinem Studium erhoffe – aber ich freue mich tatsächlich wie ein Irrer, dass es endlich losgehen kann.

Freilich ist noch nicht alles geklärt. Wie ich mein Studentenleben und noch mehr meinen bisher gepflegten Lebensstandard finanzieren soll, ist noch nicht ganz raus. Bafög, Kindergeld und durch meine zwei jüngeren Geschwister hoffentlich die Befreiiung von den Studiengebühren wären schonmal ein Anfang. Des Weiteren werde ich mich um ein Stipendium bewerben – versuchen kann man es ja mal. Ich bin zwar kein schulischer Überflieger gewesen. Aber, wer weiß, in meinem Wunschstudium könnten die Noten ja auch was werden. Und außerdem zählt nicht nur diese Leistung, sondern auch Engagement auf anderen Gebieten, und da habe ich durchaus was vorzuweisen.

Soviel zu meinem Privatleben. Interessantere Artikel als diesen möchte ich aber heute oder morgen auch noch reinstellen, keine Sorge. Zeit für das Anschauen schlechter Filme ist mir nämlich schon noch geblieben.

Berge und Mehr 13. Juli 2008

Posted by frischmax in Alltag, Nachgedacht.
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Unter den Gründen für das mehrtägige Nichtbloggen ist immerhin ein, wie ich finde, höchst akzeptabler: Ich habe mein erstes Gipfelkreuz in diesem Jahr bezwungen. Gestern ging es um 7:30 Uhr los in Richtung bayerische Voralpen und nach einem kleinen Frühstück im Auto ging es um kurz nach zehn Uhr auch schon steil bergauf in Richtung Schinder. Der Berg heißt wirklich so, eigentlich sind es sogar zwei: Der Österreichische und der Bayerische Schinder. In jedem Fall war es bis zum Kar, das die beiden trennt, eine ziemliche Schinderei, die schon eher an eine Bergtour als an eine Wanderung erinnert; für Letzteres sind die Voralpen ja eher bekannt. Kaum war der Gipfel kurzzeitg sichtbar, da zogen auch schon Wolken auf. Und so wurde die abschließende Kletterei dank klitschnasser Felsen und schmieriger Drahtversicherungen ganz schön anstrengend. Bis zum Gipfel war es nicht mehr weit, allerdings lag dieser nun im milchig-trüben Weiß der Wolken. Die schöne Aussicht, die ich mir im Tal noch als Antriebsfeder für die kommenden Anstrenungen ausgemalt hatte, entpuppte sich als gnadenlose Fehleinschätzung, als wir um 12:30 Uhr das Ziel erreichten.  Sichtweiten von unter zehn Metern sind im Gebirge allein aus Sicherheitsgründen schon nicht besonders toll, und wenn man gerade noch die Entfernung zum Abgrund einschätzen kann, ansonsten aber weder Tal noch Himmel sieht, ist das schon ein wenig enttäuschend. Immerhin leisteten uns zwei Bergdohlen beim Gipfelkreuz Gesellschaft – oder raubten uns unsere Brotzeit, wenn man es anders betrachtet. Nach dem Eintrag ins Gipfelbuch – wir waren die Zweiten an diesem Tag – ging es durch das weiße Nichts bergab. Doch umso weiter ich wieder sehen konnte, desto trüber schien das Wetter unter der Wolkendecke zu werden: Kurze Zeit später verwandelten Schauer und ein Gewitter den Abstieg in eine wahre Rutschpartie. Mit einer Einkehr in eine kleine Almhütte, in der uns Alm-Öhi und seine Frau höchstpersönlich Obdach gewährten, entgingen wir den größten Tropfen. Gegen 15:30 Uhr waren wir wieder beim Ausgangspunkt angelangt.

Es ist schon komisch. Ich bin an und für sich jeder übermäßigen körperlichen Anstrengung mehr als abgeneigt. Weder war ich als Kind in irgend einem Sportverein noch lege ich heute wert auf Fußball und Co. Das liegt zum einen sicherlich an meinen beiden linken Händen; die sind für handwerkliche und eben sportliche Aktivitäten nur bedingt geeignet. Bälle fangen oder werfen konnte ich nie besonders gut. Zum anderen frage ich bei Mannschaftssportarten sehr gerne mal nach dem Sinn des Ganzen, was die Mitspieler meistens nicht gerade zum Lachen bringt. Ganz anders verhält es sich aber mit dem Bergsteigen, Wandern und Klettern. Wenn ich Berge sehe, dann erwacht tatsächlich so eine Art Begeisterung in mir, was mich jedes Mal verwirrt. Was soll an durchgeschwitzter Kleidung schon so toll sein? Die erste halbe Stunde möchte ich dann auch am liebsten umdrehen, ab ins Auto und weg. Da ich vor allem am Anfang der Bergsaison total aus dem Training bin weil ich sonst ja keinen Sport treibe, denke ich in jeder dieser ersten Minuten nur an den Schmerz und an den baldigen Tod durch Erschöpfung, der mich praktisch jeden Moment ereilen müsste. Aber nach dieser Phase erwacht der Kampfgeist und der Spaß an der Sache. Irgendwann spüre ich meinen Körper gar nicht mehr, sehe eigentlich auch nicht aktiv den Weg, Das bedeutet: Total selbstversunken laufe ich stur dem Weg nach, aber eben ohne daran einen Gedanken zu verschwenden. Wenn es in endlosen Serpentinen oder Schotterfeldern steil bergauf geht, bin ich mit meinen Gedanken Überall nur nicht bei dem, was der Körper da gerade leisten muss. Das gefällt mir. Hat irgendwie etwas von Meditation. Das würde ich, genauso wie in den Sportverein gehen, nie freiwillig machen. Aber beim Bergsteigen und Wandern kommt das ganz von alleine, völlig zwanglos. Und Irgendwann stehe ich dann, nach ausführlichen Debatten mit mir selbst über Gott und die Welt, auf dem Gipfel. Das ist das Großartige: das man so neben sich stehen kann, dass man alles um sich herum vergisst und plötzlich fast wie von selbst alle Schwierigkeiten hinter sich gelassen hat. Da stört mich auch das weiße Nichts der Wolkenberge nicht, im Gegenteil: es inspiriert zu ganz neuen Gedanken während die fantastische Aussicht mich meistens auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Das Bergsteigen ist für mich also weniger Sport als eine Art reinigender Prozess. Das hat fast etwas buddhistisches, aber nach so einer Tour voller körperlicher Strapazen, wenn alle Glieder schmerzen und man nur noch ins Bett möchte, fühle ich mich zumindest im Kopf richtig…neu. Und bin bereit für mehr.