Aktive Sterbehilfe als Chance 29. November 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht.Tags: ärtzlich assistierter Suizid, Belgien, Euthanasie, Niederlande, Sterbehilfe, Suizid, Tod
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58 Prozent der Deutschen befürworten die Möglichkeit, das Leben schwerkranker Menschen auf deren Wunsch hin zu beenden. Das ergab die letzte repräsentative Umfrage der Allensbacher Meinungsforscher zu diesem Thema. Bei einer Einschränkung des Begriffs auf den durch einen Arzt assistierten Suizid stimmen laut TNS Forschung sogar 69 Prozent der Legalisierung aktiver Sterbehilfe zu. Trotz der großen Zustimmung, die beide Definitionen erhalten: Gerade die möglichen Folgen eines zu weit gefassten Begriffs sind es, die die Gegner der aktiven Sterbehilfe beschäftigen. Deshalb ist es umso wichtiger klarzustellen, was damit eigentlich gemeint ist. Die meisten Befürworter halten sich dabei an das niederländische Beispiel: Aktive Sterbehilfe gibt es dort als angewandten Begriff nicht, das Gesetz über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung umfasst vielmehr alle legalen Formen der Lebensbeendigung. Darunter fällt auch der ärztlich assistierte Suizid, der auch in Deutschland legalisiert werden sollte.
Bisher macht sich ein Arzt, der einen Patienten auf dessen Wunsch hin durch Verabreichung eines tödlich dosierten Medikaments tötet, der „Tötung auf Verlangen“ schuldig. Das ist ein Straftatbestand (im Gegensatz zur Beihilfe zur Selbsttötung), und auch in den Niederlanden ist es das weiterhin. Jedoch sind Ärzte dort, wenn sie sich an genaue Vorgaben halten, von einer Strafe ausgenommen. Genau diese Regelung kann der durchaus berechtigten Sorge, bei einer Legalisierung würden auch Morde unter die aktive Sterbehilfe fallen, entgegenwirken. Gerade die kirchlich-religiöse Seite befürchtet außerdem einen Dammbruch für klassische christlich-europäische Werte, „die Unantastbarkeit der Würde des Lebens“ ginge verloren, mahnte der evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU im Jahr 2002. Doch auch diese Angst ist, betrachtet man die praktische Umsetzung des ärztlich assistierten Suizids in Belgien und den Niederlanden, unbegründet: Nur schwer kranke Menschen, die aus individueller wie fachlicher Sicht keine Hoffnung auf eine Besserung mehr haben, können überhaupt Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Die aktive Sterbehilfe wiederum richtet sich nur an die kleinere Gruppe derer, für die auch palliative Methoden keine Leidensminderung mehr darstellen. Wenn Menschen nach ausgiebiger Beratung und Information durch Ärzte – auch das schreibt der niederländische Gesetzestext vor – den Entschluss fassen, ihr Leben beenden lassen zu wollen, so ist das völlig legitim. Für einen humanen Tod besteht dort dann die letzte Alternative in Form des assistierten Suizids – jedoch nur, wenn ein ausdrücklicher Wille und das Urteil eines zweiten Arztes vorliegen. Ist der Sterbefall gemeldet muss eine Kontrollkommission das sorgfältige Handeln des Arztes bestätigen, nur dann wird von juristischen Schritten abgesehen. Diese Vorgaben sind so aufwändig wie notwendig, nur so werden die Quellen für Fehler und Möglichkeiten des Missbrauchs auf ein Minimum reduziert. Übrigens führt die Komplexität des Verfahrens dazu, dass die Sterbehilfe nur in etwa einem Drittel der Fälle überhaupt in Anspruch genommen werden kann. Insgesamt ist die Zahl der Sterbefälle durch aktive direkte Sterbehilfe seit In-Kraft-treten des Gesetztes 2001 rückläufig: Gegenüber 3500 Menschen im Jahr 2001, ließen 2005 nur noch 2325 Patienten ihr Leben durch einen Arzt beenden. Als Gewissheit ist diese Möglichkeit aber weiterhin wichtig, wissen sie doch um die Möglichkeit, einem unerträglichen Leidensweg entkommen zu können. Mit dem Leidensweg befassen sich auch die Gegenstimmen aus der Hospizbewegung. Wie die Förderer der Palliativmedizin verweisen sie auf die umfassenden Möglichkeiten der modernen Schmerztherapie. Mit Blick auf Roger Kuschs Sterbemaschine und Firmen wie Dignitas verweisen sie auf die Leidenslinderung, die einen natürlichen Tod ohne oder mit wenig Schmerzen in Opposition zur aktiven Sterbehilfe rückt. Allerdings ist genau diese Opposition ein Fehlschluss. Im Gegenteil: Aktive Sterbehilfe und die Schmerztherapie ergänzen sich sozusagen. Die Statistik nennt Krebskranke als größte Gruppe derjenigen, die aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Gerade bei Krebskrankheiten ist aber die Palliativmedizin oft sehr früh im Krankheitsverkauf gefordert. Während aber für die größte Gruppe von Patienten der Tod im Krankheitsverlauf durch die Schmerztherapie möglich wird, gibt es auch Patienten, denen mit Medikamenten das sterbe und seelische Leiden nicht mehr erträglich gemacht werden kann. So ist es nur logisch, dass das Belgische Gesetz den Ausbau der Palliativmedizin mit zur Voraussetzung für die Freigabe der aktiven Sterbehilfe erklärt hat. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Leiden zu mindern, so dass Patienten den Tod als Option vielleicht nicht mehr wählen müsse. Nur bei den allerschwersten Fälle soll und kann der ärztlich assistierte Suizid die letzte Möglichkeit des humanen Sterbens sein. Denn das ist ein Recht, dass nicht für jeden offensichtlich ist. Angesichts des „Rechts auf ein würdevolles Leben“ sollte man aber entweder den Sterbeprozess mit einbeziehen, oder aber ausdrücklich daneben stellen. Verwunderlich ist indes, dass auch hier wieder irrationale weltanschauliche Gründe gegen den ärztlich assistierten Suizid angeführt werden. Da wird Sterbenskranken unterschwellig Feigheit angekreidet, wird auf das Leiden Christi verwiesen und das das Leiden zum Leben gehöre. Die holländische Bischofskonferenz hält das in die Hand nehmen des eigenen Leidens für nicht vereinbar mit der Macht Gottes über das menschliche Leben. Aber auch weniger gläubige Menschen sehen im selbst verfügten Tod zuweilen Egoismus oder Verantwortungslosigkeit gegenüber den Mitmenschen. Verantwortungslos sind diese Standpunkte, nicht aber Menschen, die sich nach reiflicher Überlegung für den Tod entscheiden. Auch die Entscheidung für den Tod, die heutzutage eine beinahe täglich aufkommende Thematik ist, wird in Frage gestellt. Manche Gegner sehen die Aktualität des freiwilligen Tods in unserer Gesellschaft begründet. Der Individualismus der Moderne oder gar der Egoismus der Patienten müssen herhalten, um aktive Sterbehilfe zu verdammen. Es gehört schon einiges dazu, einem schwer Kranken zu erklären, er ziehe sich quasi vorzeitig aus der Affäre. Deshalb möchte ich auf diese Unterstellungen nicht weiter eingehen. Indes, mit unserer Gesellschaft und Zeit hat die Aktualität von Sterbehilfe nur bedingt zu tun. Freilich, wir werden immer älter und wollen immer länger jung bleiben, gleichzeitig treten mit zunehmendem Alter Krankheiten auf, die es früher nicht so häufig gab. Trotzdem haben den Begriff Euthanasie bereits die Griechen erfunden. Ein grundsätzliches Interesse an einem würdevollen Lebensende bestand also schon damals. Allerdings zeigt die Praxis in Sparta, für minderwertig erachtete Säuglinge zu töten oder auszusetzen, das die Missbrauchsgefahr schon damals groß war. Mit dem Eid des Hippokrates kam sozusagen die Leidensminderung hinzu, die den „guten Tod“ durch Ärzte aber verbot. Und im Hinblick auf den Schwerpunkt der Medizin, Leben zu erhalten, ist das vollkommen richtig. Erst die Nationalsozialisten missbrauchten Euthanasie in so einer abscheulichen Art und Weise, das der Begriff noch für lange Zeit negativ besetzt sein wird. Allerdings ist der „ärztlich assistiere Suizid“ aufgrund der engeren Definition ohnehin besser geeignet.
Festzuhalten ist: Gegnern wie Befürwortern geht es (hoffentlich) um das Wohl der Patienten. Und genau deswegen ist eine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe auf Dauer unumgänglich. Die meisten Gegenargumente rühren von Ängsten und Befürchtungen, die einzig und allein genaue Vorgaben und Kontrollinstanzen unnötig machen können. Eine Kommerzialisierung des Sterbens, die Tötung auch heilbar kranker aus ökonomischen Gründen, das Beseitigen von Verwandten unter dem Deckmantel der aktiven Sterbehilfe sind so weitestgehend ausgeschlossen. Und auch die Hospizbewegung muss sich eigentlich keine Sorgen machen. Im Gegenteil: In den Niederlanden gibt es mehr Patienten, die sich palliativ behandeln lassen, als je zuvor. Offensichtlich gibt die Gewissheit, dem Leiden gegebenenfalls ein selbst bestimmtes Ende geben zu können, den Kranken Kraft. Diese Erfahrungen gibt es auch in Belgien und dem US-Bundesstaat Oregon, die ebenfalls Gesetze haben, die den ärztlich assistierten Suizid straffrei handhaben können. Das selbstbestimmte Sterben hat eben nicht automatisch die berühmte „slipery slope“ zur Folge, und die genannten Beispiele zeigen, dass sich ärztliches Handeln für das Leben und für das Sterben nicht ausschließen müssen, sondern sich ergänzen können.
Das Neue Deutsche Kino 7. Oktober 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Kino.Tags: Baader-Meinhof-Komplex, Bernd Eichinger, Der Schuh des Manitu, Deutschland, Fernsehen, Film, Kino, RAF
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Erstmals seit längerer Zeit durfte ich gestern Abend wieder einen grandiosen Kinofilm sehen: „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Ein insgesamt absolut stimmiger Film, der trotz der Einordnung ins Genre „Actionthriller“ noch einige Tiefen vorweisen kann. Nach „Der Untergang“ wollte ich ja eigentlich nie wieder einen Eichinger-Film besuchen. Doch diese (angeblich) teuerste deutsche Filmproduktion war den Eintritt wert und lehrt mich: Deutsches Kino kann teuer und qualitativ hochwertig sein. Ich traue mich gar nicht zu schreiben, der Film hätte Hollywood-Niveau. Denn es gibt zu viele schlechte Hollywoodfilme, und der „Baader-Meinhof-Komplex“ ist nicht nur aufgrund der Story ein sehr deutscher Film. Überhaupt möchte ich lieber von einem „neuen“ deutschen Film sprechen. Wenn man so will, war der „Schuh des Manitu“ von 2001 der Beginn einer ganzen Reihe von teuren, gut gemachten und manchmal hochwertigen Filmen. Und auch die Zukunft lässt auf gute Produktionen aus der Republik hoffen. Großes Kino made in Germany!
Freilich, über Komödien lässt sich auch gut streiten. Ich selbst wollte damals um keinen Preis in Bully Herbigs Winnetou-Persiflage und nahm stattdessen mit „Shrek“ vorlieb (der, im Übrigen, sein Geld wert war). Erst im Fernsehen sah ich mir die Komödie dann an – und musste akzeptieren, dass es auch lustige Filme aus Deutschland gibt. Denn leider bedeutete Komödie in Verbindung mit „deutsch“ bis dato für mich immer „Manta, Manta“ oder „Voll normaal“ – und das sind abgrundblöde Streifen, für die ich mich schon bei bloßer Erwähnung in Grund und Boden Schämen will. Der Schuh des Manitu war jedoch, im Gegensatz zu Michael Herbigs Nachfolgewerk Traumschiff Surprise, ein durchaus wertvoller und tatsächlich lustiger Film. Aber
auch im ernsten beziehungsweise spannungsgeladenen Bereich konnten deutsche Produktionen punkten. Ebenfalls 2001 erschien „Das Experiment“, der noch heute Maßstäbe setzt. Ein Kammerspiel auf begrenztem Raum, mit einer unglaublichen Intensität und Härte. Häufiger jedoch sind die unschwierigen Filme (wenn auch manchmal mit anspruchsvollem Hintergrund): „Goodbye, Lenin“ befeuerte die Ostalgiewelle und (ver-)klärte ungezwungen über die DDR auf. „Das Wunder von Bern“ lockte Millionen ins Kino und wiederholte sich 2006 sozusagen als Sommermärchen, ebenfalls mit einem Millionenpublikum. Dann natürlich „Der Untergang“, ein gut gemacher Film mit einigen zweifelhaften Darstellungen Hitlers, die schauspielerisch nichtsdestotrotz großartig waren. Und, einmal mehr, Komödien: „Der Wixxer“, „Traumschiff Surprise“, die unseligen „7 Zwerge“-Filmchen, „Sophie Scholl“, „Das Leben der Anderen“, „Die Wolke“, und viele mehr. Davon natürlich nicht alle auf einem hohen Niveau, aber immer wieder waren gute Beiträge dabei.
Und jetzt also die erste Generation der RAF im Kino. Famos gespielt, toll gemacht, wenn auch mit einigen Kleinigkeiten, die mir auffielen. Die Massenszenen zu Beginn, beim Besuch des Schahs von Persien, wirken schon sehr gestellt. DIe Schreie der Statisten etwas zu laut, die Kamere ein wenig zu flott. Immer wieder im Film sieht man seltsame Verzerrungseffekte, etwa beim Durchblättern von Büchern oder Akten. Toll, dass auch in deutschen Filmen animiert wird, aber doch nicht an solchen Stellen!? Die seltsamen Fluglinien der Explosionsopfer…, aber lassen wir das. Insgesamt ein herausragender Film. Charakterzeichnung, Schauspielleistung: atemberaubend. Und ich kann wirklich nicht sagen, dass irgendetwas falsch dargestellt oder in ein bestimmte Richtung gedreht worden wäre. Gut, der Herr Aust kommt als Filmfigur sehr….neutral weg, aber wirklich wichtig ist seine Rolle ja auch wieder nicht. Ein toller Film, über den ich mich immer noch freuen kann.
Hoffen wir, dass es so weiter geht. Weitere größere Produktionen kündigen sich an, eine davon: Krabat. Und trotz der vielen positiven Beispiele habe ich da große Bedenken, vielleicht auch Vorurteile. Aber „deutsch“ + „Fantasy“ hört sich für mich komisch an – kann ein Deutscher Film Fantasy gebührend inszenieren? Ich bin mir nicht sicher. Und dann wären da doch die vielen möglichen Adaptionen von Stoffen eines Frank Schätzings oder Dan Browns – wenn diese Stoffe „made by ProSieben/RTL/Sat1″ ins Fernsehen kommen, muss ich immer an das güldne Hollywood denken.
Revisionismus und Relativismus!? 29. September 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Geschichte.Tags: Aussiedler, Bund der Vertriebenen, Erika Steinbach, Nationalsozialismus, Preußen, Vertreibung
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Es ist schon erstaunlich: Die Zeit des Nationalsozialismus ist nun wirklich etwas länger her, die Zeit der Aufarbeitung umfasst ebenfalls einige Jahrzehnte. Während ich aber meiner Generation (in Teilen) durchaus zutraue, das Kapitel des Nationalsozialismus nüchtern und ehrlich zu betrachten, erschaudere ich angesichts der Aussagen, die manch älteres Semester auch heute noch machen kann – gerade weil es eigentlich Mittel und Wege genug gibt, sich von der Wahrheit zu überzeugen. Ein Paradebeispiel für Uneinsichtigkeit und Starrsinn (freundlich ausgedrückt) ist Erika Steinbach. Geboren im „Siedlungsraum“ für die geplante arische Rasse, in Westpreußen, nimmt sie sich seit 1998 als Präsidentin des Bundes der (deutschen) Vertriebenen ungefragt der Anliegen aller Vertriebenen (Deutschen) an. Früher hautptsächlich, heute eher indirekt, ist die Vereinigung auch das politische Sprachrohr der Vertriebenen, setzte sich noch in den 80ern gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ein und macht heute immer dann von sich Reden, wenn in „Wie-du-mir-so-ich-dir“-Manier zurückgeschlagen werden soll.
Erika Steinbach (auf deren Homepage ihre Tätigkeit füt den BDV sehr gut versteckt ist) selbst äußert sich ebenfalls zur Frage, wer das größere Opfer sei – das scheint für manche Leute enorm wichtig zu sein. Die Deutschen sind nicht nur nach Steinbach anscheinend das Über-Opfer, also Opfer der NS-Zeit, Opfer der Verblendung (natürlich nur einiger weniger), Opfer des Krieges und natürlich Opfer der Vertreibung durch weniger wichtige Opfer (ich bin so frei, dass mal so direkt zu interpretieren). So behauptete sie unlängst, es hätte gar einen Völkermord an Deutschen gegeben. Freilich, es sind viele Deutsche ermordet worden nach dem Krieg. Und Mord und Totschlag sind immer falsch. Es ist schlimm, dass es so viele Opfer gegeben hat. Aber wenn solche Wahrheiten ausgesprochen werden, dann doch bitte auch bei der Wahrheit bleiben: Es spielt eben schon eine Rolle, wer die Gewaltspirale in Gang gesetzt hat, wer Aggressor war. Und auch andere Mythen sollten aus dem Weg geräumt werden, ehe man den Angegriffenen mit der Aufzählung der eigenen Gefallenen kommt, und dann auch noch Verständnis oder gar Entgegenkommen erwartet: Relativismus ist hier fehl am Platz.
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Also lässt sich die Gewalt des deutschen Aggressors mit der Gewalt der Partisanen im Zweiten Weltkrieg nicht vergleichen?
Hätten sich die Kommandanten der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee nach Kriegsende vor Gerichten verantworten müssen, wären sehr wahrscheinlich einige von ihnen wegen Kriegsverbrechen verurteilt worden.
Allerdings führt ein umfassender Relativismus, wie ihn beispielsweise Erika Steinbach betreibt, nicht weiter. Es gibt nicht nur graduelle Unterschiede, sondern es spielt auch eine ganz wesentliche Rolle, wer die Gewaltspirale in Gang gesetzt hat. Denn sobald sie einmal in Gang gesetzt ist, entwickelt sie erfahrungsgemäß schnell ihre Eigendynamik. Steinbachs Behauptung, dass alle wehrfähigen deutschen Männer nur unter Zwang in der Waffen-SS gedient hätten, ist ein Mythos. Das gab es zwar, aber genügend Deutsche haben die völkische Idee über alles gestellt, waren an Kriegsverbrechen und der »Arisierung« jüdischen Vermögens beteiligt. Nach Kriegsende hätte Jugoslawien die Verantwortlichen einem Gerichtsverfahren unterwerfen sollen, anstatt kollektive Vergeltung zu üben.
Dass Menschen, denen Leid zugefügt wurde, für Rache und Vergeltung anfällig sind, ist traurig, aber ein Faktum. Und deshalb ist es wichtig, dass wir die gruppenpsychologischen Entwicklungen der Gewalteskalation aufdecken. Wehret den Anfängen gilt in diesem Fall ebenso wie in vielen anderen Situationen.
[...]
Interview zwischen Doris Akrap (Jungle World) und Holm Sundhaussen (Professor für Südosteuropäische Geschichte in Berlin), vollständiges Interview auf Jungle-World nachlesbar.
Und freilich, in anderen Nationen gibt es das gleiche Problem: In Jugoslawien waren die Morde an Deutschen ungter Tito absolut tabu, es wurde nicht darüber gesprochen. Das war falsch. Aber falsche Taten, egal wie sie begeht oder begangen hat, sind kein Grund, die Falschheit aufzurechnen. Revisionismus und Relativismus bringen keinen weiter.
Es gibt nämlich diese anderen Ansätze: Ein europäisches Zentrum gegen Vertreibungen – eine solche Einrichtung kommt schon dem Namen nach dem Kern der Sache näher, als die Deutsche Heulerei: Vertreibung ist ein europäisches Thema, und nur europaweit kann es so aufgearbeitet werden, dass es seiner Dimension auch gerecht wird.
Was ist eigentlich Spießertum? 24. September 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: Biedermeier, Deutschland, Dorf, Idylle, Spießer, Verein, Vereinsmeier
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Diese Frage war eigentlich seit der Pubertät, als auch Ich um keinen Preis als „spiessig“ gelten wollte, nicht mehr relevant. Vor einigen Tagen bin ich mir aber bewusst geworden, dass ich manche Vorraussetzungen für diese streitbare Bezeichnung erfülle: Zwar war und bin ich kein typischer Vereinsmeier. Eigentlich bin ich in keinem Verein aktiv, und schon gar nicht nicht beim Schützen- oder Trachtenverein. Nein, ich betrachte vielmehr die Verlagerung meiner abendlichen Aktivitäten von der Stadt in mein Dorf. Ganz unbewusst, fast automatisch, geht man als Vor-Vorstadt-Mensch eben in die Stadt – sei es in die Schule, zum Einkaufen zur Arbeit. Doch vor kurzem war ich – zum ersten Mal – in meinem eigenen Ort weg. Ich habe gesehen, dass es tatsächlich Bars gibt, die dem Stadtstandard entsprechen, war aber auch in Kneipen, die ich schon von Außen als abstoßend empfand. Dabei durfte ich viele nette Menschen kennen lernen, die aber viel stärker mit ihrem ländlichen Wohnort verwurzelt sind, für die Bier und Weißwurstfrühstück nicht nur Tradition sondern regelmäßige Pflicht sind. Bin ich etwa unversehens in der spießigen Realität der Landidylle gelandet?
Es war wirklich ein schöner Abend, trotz und weil viel getrunken wurde. Aber wie ein Bekannter treffend und ohne zu Lallen formulierte: „Man kennt seine Heimat erst, wenn man sie mit den Augen eines Besoffenen gesehen hat“….was für ein Menetekel! Stunden später wankten wir dann bei Eiseskälte durchs Dorf und fuhren anschließend ohne Licht mit dem Rad weiter…eine durchaus interessante Erfahrung, jedoch hadere ich noch mit meinem Gewissen bei der Einordnung; „Hochnotpeinlich“ und „Erfahrung“ stehen als Kategorien zur Auswahl.
Ist das schon spiessig? Immerhin ist der alkoholisierte Zustand in Bayern und Franken für gewöhnlich kein Zeichen von Kontrollverlust, sondern gilt eher als Symbol der Heimatverbundenheit. Wer Tracht trägt, im Schützenverein ist und im Kirchenchor singt, darf auch ‘mal ‘ne Maß zu viel trinken, so ein selten gesagtes aber umso öfter gemeintes Motto. Okay, eine Tracht habe ich nicht. Und in Vereinen bin ich auch nicht wirklich. Aber ich gebe es freiheraus zu: „Heimatverbundenheit“ im Weitesten Sinne verspüre ich immer öfter. Viele Bekannte schmieden Karrierepläne, „in Berlin/München werde ich dann….und dann meine Yacht…..“, so die Träume. DIe hatte ich auch, lange Zeit sogar. Aber irgendwie stellt sich langsam aber sicher ein Gefühl ein, dass ich als Vernunft bezeichnen will, oder besser: Realismus. Denn eigentlich will ich viel lieber hier leben und arbeiten, meine Familie gründen, alt werden und so weiter. Meine Heimatregion ist wunderschön, es gibt Arbeit, genug Kindergartenplätze, nahezu keine Probleme, kurzum: Wolkenkuckucksheim, Bayern wie im Bilderbuch. Und ich finde das gut so.
Auch wenn ich das ständige intrigieren, Funktionen-besetzen und Feste-organisieren der Vereine nach wie vor nicht wirklich leiden kann. Ich finde es längst nicht mehr so ätzend. Dorfleben, Dorfgemeinschaft ist in vielen Fällen Wunschdenken. Aber verkehrt ist das sicher nicht. Und unter den Selbstdarstellern, falschen Gerüchten und bösen Spielchen finden sich immer wieder liebenswerte Menschen, die einfach nur ihren Spaß haben wollen. Deswegen, und nicht aus falschem Traditionsbewusstsein oder aus Profilierungssucht, bin ich beim örtlichen Männerchor und bei der Theatergruppe. Es ist einfach eine gute Sache.
Profilierungssucht konstatiere ich indes jenen Menschen, die um jeden Preis „nicht spießig“ sein wollen. Denn, wie Ödön von Horváth einmal sagte:
[Ein Spießer ist ein] …hypochondrischen Egoist, der danach trachtet, sich überall feige anzupassen und jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet.Und Egoisten sind die Menschen, die das Dorfleben interessanter machen, im Prinzip ja nicht.
Einblicke in die nächsten Generationen 17. September 2008
Posted by frischmax in Alltag, Deutschland, Gesellschaft.Tags: ADS, Alltag, Generation, Jugend, Pädagogik
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In den letzten sechs Wochen habe ich als Betreuer beim kommunalen Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche gearbeitet (daher auch die wenigen Artikel
). Die Gemeinde organisiert Tagesfahrten in Freizeitpakrs, Schnupperkurse bei den Sportvereinen und einige andere Aktivitäten für die „Daheimgebliebenen“ – also entweder für Kinder, die aus finanziellen Gründen die ganzen Sommerferien über zu Hause bleiben und für jene, die schon dreimal im Urlaub waren und nun doch einmal einige Tage im eigenen Ort verbringen sollen. Neben dem ausgesprochen guten Verdienst haben mich aber auch andere Faktoren dazu bewogen, diesen Job zu machen: Im Hinblick auf mein Lehramtsstudium ab Oktober ist die Beschäftigung mit Kindern auch außerhalb des Bildungssektors nicht verkehrt. Abgesehen davon lernt man fern aller Pädagogik wohl das meiste über den richtigen Umgang mit Kindern.
Ein weiterer Faktor, den ich erst jetzt so richtig erkenne, ist der Einblick in die kommenden Generationen. Verhaltensauffälligkeiten, familiäre Probleme, die finanzielle Situation, die Bildungsmisere – eben all das, was in einschlägigen Reportagen so über Kids und Jugendliche verbreitet wird. Ich kann jetzt sagen: In meiner Region sieht es eigentlich nicht so schlimm aus. Freilich, ich habe einige Fälle beobachten können, die wohl eine ADS/ADHS-Störung haben. Ich habe nervende Jungs und zickende Mädchen betreut, ich habe zugesehen, wie Achtjährige so viele verschiedene Medikamente gegen Allergien nehmen, wie ich in meinen ganzen zwanzig Lebensjahren noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Ich habe dreizehnjährigen Mädchen die Kippen abgenommen, einem ziemlich Nintendosüchtigen Kind seine tragbare Konsole. Klar, oft ist das erschreckend. Aber: Man kann es „behandeln“ oder besser: Ich, eine nicht ausgebildete Honorarkraft, konnte eigentlich jeden Fall irgendwie zufriedenstellend handhaben.
Die oberste Regel, die ich aus diesne Erfahrungen mitnehme, ist: Geduld. Es ist verblüffend, was für
eine geringe Toleranz gerade Pädagogen manchmal gegenüber Kindergeschrei haben. Oder vielleicht bin ich einfach nur so ruhig und unaufgeregt? Natürlich muss man bei vierzig aufgedrehten Kindern im Bus mal für Ruhe sorgen. Aber Kinder sind eben Kinder – und die sollen, dürfen, müssen eben auch mal laut sein. Also beobachte ich, denke über die Gründe nach – also ob die Lautstärke berechtigt ist oder nicht (so doof sich das anhört) – und schreite dann und wann ein – ohne selbst zu schreien. Manchmal werde ich lauter, aber alles muss genau dosiert sein. Und siehe da: Es klappt. Ich verbinde die Rüge mit einer kurzen Erläuterung, wiederhole das drei-, viermal. Und dann wird es ruhiger. Nicht mucksmäuschenstill, aber das muss ja auch nicht sein. Und ich habe ja immer noch meine Ohropax dabei.
Die zweite Regel die ich mir unbedingt merken möchte, ist: Beobachte und behalte im Hinterkopf, was du siehst. Gerade als Lehrer ist es meiner Ansicht nach unglaublich wichtig, dass die Hintergründe der einzelnen Schüler nicht unbedacht bleiben. Nur dann kann man angemessen reagieren. Einen Jungen, der bei vielen Programmpunkten nervend ins Auge fiel, konnte ich erst richtig einordnen, als zufällig die Familiensituation klar wurde: Scheidungskind, er lebt bei seiner Mutter, eventuell Sorgerechtsstreit mit dem Vater, in jedem Fall aber: Die Mutter äußert sich permanent abwertend gegenüber dem Vater – und so sind auch die männlichen Betreuer für den Sohn keine Autorität oder gar Ansprechpartner.
Eine andere Situation: Wieder ein Junge, ein bisschen arg zappelig und ständig in Bewegung. Deshalb musste ich mich mit ihm ein bisschen mehr auseinandersetzen als mit den anderen Kindern. Und obwohl ich ihn meistens ermahnt habe, schlug er seiner Mutter in meiner Anwesenheit vor: Kann der bei uns einziehen? Haben wir noch ein Zimmer frei? Alle haben gelacht, aber im Hinterkopf bleibt mir: Der Junge wurde jedes Mal von seiner Mutter abgeholt – vom Vater fehlte jede Spur. Wohl keine männliche Bezugsperson im Haus, deshalb dieser Klammereffekt mir gegenüber.
Man lernt unglaublich viel in sechs Wochen, in denen man täglich mit Kindern zu tun hat. Und Eigentlich war dieser Job auch keine Arbeit – ich hätte locker sechs Wochen dran hängen können. Denn diese kommenden Generationen – trotz der permanent attestierten Verkorkstheit – ist nicht schwerer zu handhaben als andere. Man muss sich nur darauf einstellen und individuell entscheiden können. Lehrbuchpädagogik und festgefahrene Prinzipien sind auf so viele Einzelpersonen nicht anwendbar. Hoffentlich werde ich mich daran erinnern, wenn ich in den nächsten Jahren im Elfenbeinturm der Uni mit allerhand Konzepten und Musterlösungen konfrontiert werde.
Ziemlich einfach zu beeindrucken – Ein Sonntag auf der Games Convention 28. August 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien.Tags: Adresse, Datenhandel, Datenschutz, Games Convention, Merchandising
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Vor etwas mehr als vierzig Jahren brauchte es noch eine Hand voll Dollar um Clint Eastwood anzustacheln im gleichnamigen Film sein Leben auf Spiel zu setzen. Nun gut, die Zeiten des Italo-Western sind vorbei, und heute machen Menschen für Geld zwar nicht alles, aber dafür sogar für geringe Beträge so Einiges. Eine Steigerung dieser, ich nenne es: kostengünstigen Käuflichkeit, ist mir vergangenen Sonntag auf der Games Convention in Leipzig aufgefallen: Tausende Besucher aus der nicht nur für die Spielebranche interessanten Gruppe der 19- bis 39-jährigen gaben dort ihre Adressen preis – für eine Hand voll: Schlüsselbänder. Kugelschreiber. T-Shirts.
Ich denke, mir fiel diese streubombenartige Praxis vor allem deshalb auf, weil ja seit Wochen von illegalem Datenhandel die Rede ist. Komisch, dass dann scheinbar die 199.000 anderen Menschen keine Nachrichten schauen (okay, wenn gerade eine WoW-Raid ist kann man nicht einfach zur Tagesschau wechseln). Jedenfalls hatten zahlreiche Besucher auf der Leipziger Games Convention kein Problem damit, ihre Daten für Merchandise-Artikel auf postkartengroße Kärtchen zu schreiben, dabei gleich noch an Gewinnspielen anderer Firmen teilzunehmen und die Daten somit auch an Dritte weiterzugeben. Keine Spur von Misstrauen, keine Spur von Nachdenklichkeit.
Ein Szenenwechsel: In Halle Vier drängen sich Nerds, Geeks, Gamer, Fans, Freaks, Eltern und diverse
Gestalten um einen größeren Messestand. Er gehört der Firma Speedlink, die Zubehör für Konsolen und Computer vertreibt, hauptsächlich solches, dass man für Spiele benötigt: Lenkräder, Mäuse, Tastaturen. Auf der Bühne schreit ein Typ herum, die Menge jubelt und kreischt – Tokio Hotel lässt grüßen (nur das dort Mädchen den Lärm machen, hier sind es vor allem Anhänger des männlichen Geschlechts). Bei genauerem Hinhören erschließt sich der Slogan des Hardwareunternehmens: Speedlink! Speedlink! Lauter! Macht mit! Und die Menschen machen mit. Neben mir drängelt sich eine kleine dicke Frau nach vorne, mit glänzenden Augen und ausgestreckten Händen harrt sie der Dinge, die auf diese Liturgie folgen werden: Im selben Moment katapultieren der Anheizer und seine Helfer massenweise T-Shirts mit dem Firmennamen in die Menge – schreiend stürzen sich die Menschen darauf.
Was soll uns diese Szene sagen? Der Mensch ist doch näher am Tier als bisher angenommen? Lasst mir die armen Tiere mit diesen beleidigenden Vergleichen in Ruhe! Nein, diese Begebenheit zeigt eigentlich nur, wie einfach man ganze Massen von Menschen begeistern kann – und am Ende mehr bekommt als man aufwenden muss. Und so gibt es auf Europas größter Computer- und Videospielmesse an allen Ecken und Enden Goodies. Oft für nichts, gerade in den letzten Stunden der Messe ist es schwer, den herumfliegenden T-Shirts auszuweichen. Ebenso oft aber muss der entertainmentsüchtige Messebesucher aber doch etwas tun: dumme Quizfragen beantworten, sich verkleiden, lauthals schreien. Das macht Eindruck und beschert
wiederum weitere Zuschauer. Natürlich sind Schlüsselbänder aber nicht der wahre Grund dafür, dass der Jäger- und Sammlertrieb so krass hervortritt. Denn neben billigen Tricks offerieren die Spieleverlage ja tatsächlich auch Preise, die sich sehen lassen können: Grafikkarten, Computer, Softwarepakete. Das lässt das Herz eines Spielers wirklich höher schlagen, das will jeder abgreifen. Doch neben den wenigen Glücklichen, die wirklich etwas Brauchbares gewinnen, stehen Zehntausende, die letzten Endes für ein Schlüsselband ihre Adresse weitergegeben haben – und die kostet normalerweise Geld.
Dabei sein ist alles!? 18. August 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht, Weltweit.Tags: Leistung, Medaillen, Olympia, Peking, Sport
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Dieser Satz – den Pierre de Coubertin so vermutlich nie gesagt hat – wird immer wieder gerne zitiert. Bei der Fußball-Europameisterschaft etwa, bei vielen anderen Sportveranstaltungen und wohl in so ziemlich jedem Verein dürfte dieser Satz in der Vergangenheit unzählige Male gefallen sein. „Das Wichtigste bei den olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen“, der Satz den der Inititator der Olympischen Spiele der Neuzeit tatsächlich gesagt haben soll, ist vom Sinn her zwar beinahe gleichbedeutend – aber eben nur beinahe. Wenn ich, was nicht so häufig geschieht, doch einmal einige Berichte aus Peking lese oder sehe, sofällt mir immer wieder eine krasse Diskrepanz zwischen diesem abgenutzten Spruch und der Realität auf: „Dabei sein“, das ist nicht alles, sondern quasi nichts. Ich befasse mich zu wenig mit Olympia, als das ich jegliche Gewähr auf meine Vermutung geben könnte, aber ich halte sie dennoch für ziemlich richtig: Deutschland ist eines der teilnehmenden Länder, in denen die Athleten ohne Medaille am weitesten entfernt davon sind, für ihre Leistungen Anerkennung zu bekommen. Prämiert wird von den Deutschen (Medien) nur die Medaille, vorzugsweise die Goldene, und nicht die Leistung.
Nun gut, ich bin da vielleicht sehr eigen, wie ich es schon zur EM im Juni beschrieben habe. Ich kann mit Stolz und Gejubel ob irgendeines „Sieges“ nicht viel anfangen. Ich finde es schön, oder eben auch nicht. Aber mehr als eine Minute interessiert mich das nicht. Nun, die Reporter bei ARD und ZDF reden von dem „undankbaren“ 4. Platz oder gar noch weiter von Medaillen entfernten Platzierungen auch nicht viel länger als
ein paar Minuten. Denn: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Nur wer etwas leistet, wird belohnt. So weit die Theorie. In der Realität stellt sich die Situation sogar noch differenzierter dar: Nur die besten Leistungen werden belohnt. Denn eigentlich, so die Logik einiger Medien, Menschen und Marktwirtschaftsinitiativen, ist nur Bestleistung Leistung. Bestleistung entsteht nämlich durch Anstrengung, Perfektion, Konzentration – eine „gute Leistung“ ist also sozusagen unvollständig, ergo spielt da doch Faulheit mit! Capiche? Ganz einfach, oder?
Und so kommt es, dass Beckmann, Kerner und wie sie alle heißen beinahe täglich einerseits mit ihren blöden Rückfragen die Athleten belästigen (die stets mitklingende Frage „Du bist doch mit Silber/Bronze auch nicht zufrieden, oder?“), andererseits die Athleten selbst unter einem ungeheuren Erfolgsdruck stehen. Natürlich könnte ein Sportler hier über die Notwendigkeit von Druck schreiben, ich als Laie bezweifle aber ausdrücklich eben diese. Das in Deutschland Leistungen jenseits der Top Drei nicht oder kaum Aufmerksamkeit erregen geschweige denn Würdigung erfahren führt dann auch zu interessanten Rechnereien mit dem hierzulande so beliebten Medaillenspiegel: Zwar sind wir mit unseren Goldmedaillen immer wieder recht weit vorne. Doch ist die Gesamtzahl errungener Medaillen vergleichsweise gering – hier übertrumpft uns zur Erstellungszeit des Artikels beispielsweise Frankreich, das viel weniger Goldmedaillen hat. Und, ich wage eine weitere Vermutung: Würde man jeweils die fünft best platzierten Athleten einer Disziplin mitrechnen – der Medaillenspiegel sähe ganz anders aus.
Zurück zum Leistungsdruck. Bei Olympia fällt er zumindest mir extrem auf, es werden sich wohl noch einige mehr daran stoßen. Allerdings ist Olympia ein nur alle vier bzw. zwei Jahre wiederkehrendes Ereignis. Die Nichtanerkennung von Leistung ist jedoch allgegenwärtig: Ob bei jedweden Sportereignissen im Fußballverein von Hintertupfingen oder in der Schule: „Mit einer drei oder vier brauchst du nicht nach Hause kommen!“, so der mitsummende, nicht immer hörbare, Unterton. Solange wir es nicht auf die Reihe bekommen, Anstrengungen zu belohnen und nicht immer nur Ergebnisse, wird unser Land gerade auch in der Bildung nicht zu den Spitzenreitern gehören. „Dabei sein“ im Sinne einer ehrlichen, bemühten und hintergründigen Teilnahme an Unterricht, Sport oder eben Olympia – das sollte das Ziel sein. Auch wenn immer davon die Rede ist, Gold sei an der Börse eine sichere Anlagemöglichkeit: Edelmetalle verlieren von Zeit zu Zeit an Wert. Es wäre schön, wenn dies auch für Medaillen gelten würde.
Wenn der schlechte Ruf vorauseilt 15. August 2008
Posted by frischmax in Alltag, Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: Interviewer, Klingenputzer, Marktforschung, Ruf, Vertreter, Voreingenommenheit
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Es dreht sich hierbei allerdings nicht um meinen eigenen, persönlichen Ruf. Vielmehr geht es um den Ruf, den eine ganze Branche bzw. deren Auftritte in der Öffentlichkeit, heutzutage genießen: Die Rede ist von jenen Menschen, die von Zeit zu Zeit an Haustüren klingeln und von den Bewohnern verschiedenes wollen: Geld für Abonnements, Geld für gute Zwecke, Geld für einen Staubsauger – meistens geht es wirklich um Geld für den Vertreter/Drücker und viel Ärger für den, der sich etwas aufschwatzen lässt. Mit der Abneigung, mit dem Hass auf diese Besucher sieht sich allerdings auch eine Branche konfrontiert, die das nur bedingt verdient hat: Marktforschung.
Man kann von Markt-, Sozial- und Wahlforschung halten, was man will. Und niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Dennoch ist es ziemlich krass, wie selbst zur Freundlichkeit verpflichtete und lediglich unverbindliche Fragen stellende Interviewer den ganzen Groll zu spüren bekommen, den viele „Nachbarn“ hierzulande gegen die Zeugen Jehovas, Vorwerk und andere Hausierer haben. Wie gesagt: Niemand muss jemandem Fremden an der Haustüre oder gar in der Wohnung Rede und Antwort stehen, jeder darf ausdrücklich das Wörtchen „Nein“ und vielleicht noch ein „Danke“ verwenden.
Ich schreibe über diese so ungeliebten Menschen, weil ich zurzeit dieselben Erfahrungen mache. Bereits vor
ein paar Jahren habe ich für ein kleines Marktforschungsunternehmen im Call-Center gearbeitet. Entgegen der schlechten Publicity durch die Negativbeispiele der Telefonverkäufer stellen die Interviewer der Marktforschung tatsächlich nur Fragen, verkaufen nichts und verlosen nichts- das dürfen sie nämlich nicht. Auch wird man bei namhaften Unternehmen wie der Gesellschaft für Konsumforschung (bei der ich nicht gearbeitet habe) selten pro Interview (oder, je nach Sichtweise, pro genervten Menschen) sondern nach Arbeitszeit bezahlt, also erfolgsunabhängig. Die Marktforscher wissen um die Schwierigkeiten, überhaupt jemanden zur Teilnahme an einer Umfrage zu bewegen, deshalb sind die wenigen Freiwilligen mit Samthandschuhen zu behandeln. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber die Summen, die in stundenlange Telefoniererei gesteckt wird, müssen von enormer Höhe sein. Und all das für größtenteils ergebnislose Kurzgespräche mit verärgerten Bürgern.
Abgesehen von diesem sicherlich hinterfragungswürdigen Kampf um Meinungen (der nicht nur telefonisch geführt wird), geht es mir hier aber um das Verhalten der Menschen, denen meine Höflichkeit und Mühe gilt, wenn ich als Interviewer unterwegs bin. Ich kenne das Prozedere beim Telefonieren, und so malte ich mir beim sogenannten Face-to-Face-Interview gute Chancen aus – ich bin von meiner Außenwirkung überzeugt und verfüge noch über genug Menschenkenntnis/Blauäugigkeit um auf die Sympathie wildfremder Menschen zu hoffen. Ich gehe also in gepflegter Alltagsmontur los „ins Feld“ – schließlich erinnert ein zu ordentlicher Anzug schnell an Vertreter oder andere negative Besucher. Mit Ausweis, Dokumenten über Datenschutz und Anonymität sowie dem Laptop mit dem Fragebogen soll das eigentlich alles professionell und seriös wirken – ich ging anfangs davon aus, diese Hilfsmittel würden die Zielpersonen überzeugen. Weit gefehlt, die Sache gestaltet sich sehr schwierig: wenn ich in der Gegend um meine derzeitige Startadresse jemanden aus dem Haus klingle (gute Gegend, mehr Villen als normale Häuser), mein Sprüchlein aufsage und freundlich um ein Interview bitte, bekomme ich allerhand zu hören. Zwar sind Schimpfwörter die Ausnahme, aber es ist schon interessant, wie viele Leute mich einfach wortlos stehen lassen und die Türe wieder schließen. Oder stellvertretend für die nicht anwesende Zielperson ablehnen. Oder mir sagen, was für ein Verbrecher ich doch sei.
Freilich, nach all den negativen Erlebnissen, die viele mit Klinkenputzern gemacht haben, kann man es nicht wirklich verübeln, dass Menschen gestresst und sauer reagieren. Andererseits kann man es doch: Mit meiner Aktentasche könnte ich – rein theoretisch – auch etwas Wichtiges dabei haben (über die Wichtigkeit von Meinungsforschung haben die meisten Bürger eine, nunja, geringschätzende Meinung), ein Schreiben vom Notar, von der Bank, was auch immer. Wie gesagt, die Situation ist nicht ganz einfach. Aber ich glaube schon, dass dieses von vornherein ablehnende Verhalten aufgrund Hörensagens oder eventueller schlechter Erinnerungen mehr aussagt: Ein schlechter Ruf, ein schwarzes Schaf, ein Gerücht – oft reicht das schon aus, um anderen Menschen (in diesem Fall eher Firmen, und der Schaden kann so groß nicht sein) Schaden zuzufügen oder sich selbst Chancen zu verbauen (wird bei diesem Beispiel ebenfalls nicht so gesehen werden).
Ich für meinen Teil ziehe daraus eine Lehre: Ich werde weiterhin bei jeder neuen Haustüre freundlich und höflich sein. Ich werde mich nicht von den paar schwarzen Schafen unter so vielen Menschen abschrecken lassen.

Aber ich kann diese Haltung nicht wirklich verübeln, stellen sich doch so viele Genossen immer wieder die Frage: Warum wählen die uns nicht? Verzweifelt jammerten also auch die sozialdemokratischen Wahlkampf-Buttons und Plakate: „Dieses Mal fremdgehen: SPD wählen!“ und „Ich bin ein unanständiger Bayer!“ (bezogen auf CSU-Äußerungen, nur wer schwarz wähle sei ein echter und vor allem vernünftiger Bayer). Wie gesagt: Diese Sprüche klangen sehr jämmerlich – bei jeder anderen Partei wären sie als gewitzte Kampagne herüber gekommen. Da fällt mir ein: Zerfleiche ich als Genosse meine Partei hier nicht schon wieder? Hach, die SPD ist schon ein besonderes Phänomen.
