Gar nicht mal so finster: Das Mittelalter 23. Dezember 2008
Posted by frischmax in Geschichte.add a comment
Nur zu gerne wird auch heute noch das „finstere Mittelalter“ immer dann erwähnt, wenn ein Zustand oder Verhalten als rückständig bezeichnet werden soll. „Wie im Mittelalter“ hört man deshalb in so vielen verschiedenen Zusammenhängen, dass diese Pauschalisierungen so logischerweise nicht stimmen können. Denn: Wann die „mediae tempestae“ beginnen, wann sie enden und was genau sie eigentlich inhaltlich meinen, ist keine abstrakte Definition, sondern eine vom Standpunkt des Betrachters abhängige Datierung, die dabei von Konitnuität oder dem totalen Bruch ausgehen kann. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass die sprichwörtliche Finsternis dieser Zeit ebenfalls ein subjektives Empfinden ist. Zunächst aber ein kurzer Abriss über die Möglichkeiten bei der Eingrenzung des Raums „Mittelalter“.
Generell und in der Schule begnügt man sich mit der bequemen Zeitspanne von 500 nach Christus bis 1500. Und tatsächlich kreist man mit dieser Periodisierung den weitaus größten Teil dessen ein, was in Europa als „Mittelalter“ bekannt ist. Je nach Kategorisierungsgrundlage kann diese Epoche aber auch viel früher beginnen: Christliche Geschichtsschreiber sehen bereits 324 eine neue Zeit anbrechen, als Konstantin die Alleinherrschaft errichtet. Da das später so mittelalterliche Zentraleuropa damals aber noch sehr römisch war (jedenfalls südlich und westlich des Limes), dienen auch 529 (Gründungsjahr des ersten abendländischen Klosters in Montecassino) oder 590 als „Start“, das erste Amtsjahr des Prototyps eines Papstes, Gregor des Großen. Möchte man die neue Stellung der Germanen hervorheben, sind andere Daten zu nennen: Um 375 lösten die Hunnen mit ihrem Vordringen die Kettenreaktion der Völkerwanderung mit aus, die den endgültigen Untergang Roms (und auch dieses Schlagwort ist streitbar) begünstigte. 486 besiegte der Merowinger Chlodwig, der als gemeinsamer Stammvater der Franzosen und Deutschen gesehen werden kann, den römischen Herrscher in Gallien, Syagrius, und machte damit einen entscheidenen Schritt zum „Frankenreich“. Schließlich könnte noch das Jahr 568 das Mittelalter beginnen lassen: das letzte Reich der Völkerwanderungszeit, das Langobardenreich, entstand. Eine weitere Kategorie stellt das römische Reich dar, dass es trotz des so oft beklagten Untergangs noch eine ganze Weile lang weiterexistierte. Zweifelsohne ein einschneidendes Ereignis war die Teilung des Reichs um 395. 476 schließlich war Westrom „am Ende“, die Franken sollten bald den Ton angeben. Wie hier zumeist verschiedenste Brüche für den Anfang des Mittelalters herhalten, so sind es auch beim Ende besondere Schritte: Etwa die Erfindung des Buchdrucks, die Entdeckung Amerikas 1492 oder die Reformation. Freilich gilt auch hier: Nahtlose Übergänge gab es nicht. Einzelne Fokussierungen wie der Blick auf die Verfassungsgeschichte können das Mittelalter schon mal bis 1806 andauern lassen, oder auch nur bis ins 14. Jahrhundert (die Pest beendete die Agrarentwicklung).
Zeitlich gesehen ist der Begriff „Mittelalter“ nun also einigermaßen eingegrenzt. Irgendwo im ausklingenden römischen Zeitalter entsteht ein neues Gebilde, teils neu, teils auf alten Strukturen. Und danach? Kam etwas neues, anderes. Mittelalter ist hier durchaus wörtlich zu nehmen: Das Zeitalter dazwischen. Interessanterweise sahen das die meisten Menschen im Mittelalter aber ganz anders: Der Endzeitgedanke war stark verbreitet, nicht zuletzt durch die Kirche. Das Frankreich und später das heilige römische Reich deutscher Nation sahen sich als Fortsetzung des römischen Reichs – und das war nach einer Vorstellung die letzte der „vier Weltmonarchien“, nach denen die Welt untergehen sollte. Aber auch die Schöpfung in sechs Tagen diente als Vorbild für die Allegorie der Sechs Weltalter – das MA war für viele Geistliche das Letzte. In der Mitte sah man das Mittelalter daher erst Rückblickend. Im 15. Jahrhundert und mit der Zeit des Humanismus hofften Gelehrte auf ein anbrechendes, besseres Zeitalter nach der finsteren Zeit des Mittelalters. Der Melanchthon-Schüler Illyricus war es dann auch, der in den „Magdeburger Zenturien“, einem anti-kirchlichen Geschichtswerk, den Begriff des „medium aevum“ benutzte, um die Rückständigkeit von Ablasshandel und anderen Maßnahmen anzuprangern. Als Teil der Trias Altertum – Mittelalter – Neuzeit in der Historik führte ihn aber erst der Geschichtswissenschaftler Christoph Cellarius ein.
Allein an der Vielschichtigkeit und Problematik des Epochenbegriffs lässt sich erahnen, dass „das Mittelalter“ nur schwer zu fassen ist – und schon gar nicht mit Aussagen wie „finster“. Auf einige Nuancen möchte ich daher in den nächsten Einträgen eingehen.
Revisionismus und Relativismus!? 29. September 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Geschichte.Tags: Aussiedler, Bund der Vertriebenen, Erika Steinbach, Nationalsozialismus, Preußen, Vertreibung
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Es ist schon erstaunlich: Die Zeit des Nationalsozialismus ist nun wirklich etwas länger her, die Zeit der Aufarbeitung umfasst ebenfalls einige Jahrzehnte. Während ich aber meiner Generation (in Teilen) durchaus zutraue, das Kapitel des Nationalsozialismus nüchtern und ehrlich zu betrachten, erschaudere ich angesichts der Aussagen, die manch älteres Semester auch heute noch machen kann – gerade weil es eigentlich Mittel und Wege genug gibt, sich von der Wahrheit zu überzeugen. Ein Paradebeispiel für Uneinsichtigkeit und Starrsinn (freundlich ausgedrückt) ist Erika Steinbach. Geboren im „Siedlungsraum“ für die geplante arische Rasse, in Westpreußen, nimmt sie sich seit 1998 als Präsidentin des Bundes der (deutschen) Vertriebenen ungefragt der Anliegen aller Vertriebenen (Deutschen) an. Früher hautptsächlich, heute eher indirekt, ist die Vereinigung auch das politische Sprachrohr der Vertriebenen, setzte sich noch in den 80ern gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ein und macht heute immer dann von sich Reden, wenn in „Wie-du-mir-so-ich-dir“-Manier zurückgeschlagen werden soll.
Erika Steinbach (auf deren Homepage ihre Tätigkeit füt den BDV sehr gut versteckt ist) selbst äußert sich ebenfalls zur Frage, wer das größere Opfer sei – das scheint für manche Leute enorm wichtig zu sein. Die Deutschen sind nicht nur nach Steinbach anscheinend das Über-Opfer, also Opfer der NS-Zeit, Opfer der Verblendung (natürlich nur einiger weniger), Opfer des Krieges und natürlich Opfer der Vertreibung durch weniger wichtige Opfer (ich bin so frei, dass mal so direkt zu interpretieren). So behauptete sie unlängst, es hätte gar einen Völkermord an Deutschen gegeben. Freilich, es sind viele Deutsche ermordet worden nach dem Krieg. Und Mord und Totschlag sind immer falsch. Es ist schlimm, dass es so viele Opfer gegeben hat. Aber wenn solche Wahrheiten ausgesprochen werden, dann doch bitte auch bei der Wahrheit bleiben: Es spielt eben schon eine Rolle, wer die Gewaltspirale in Gang gesetzt hat, wer Aggressor war. Und auch andere Mythen sollten aus dem Weg geräumt werden, ehe man den Angegriffenen mit der Aufzählung der eigenen Gefallenen kommt, und dann auch noch Verständnis oder gar Entgegenkommen erwartet: Relativismus ist hier fehl am Platz.
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Also lässt sich die Gewalt des deutschen Aggressors mit der Gewalt der Partisanen im Zweiten Weltkrieg nicht vergleichen?
Hätten sich die Kommandanten der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee nach Kriegsende vor Gerichten verantworten müssen, wären sehr wahrscheinlich einige von ihnen wegen Kriegsverbrechen verurteilt worden.
Allerdings führt ein umfassender Relativismus, wie ihn beispielsweise Erika Steinbach betreibt, nicht weiter. Es gibt nicht nur graduelle Unterschiede, sondern es spielt auch eine ganz wesentliche Rolle, wer die Gewaltspirale in Gang gesetzt hat. Denn sobald sie einmal in Gang gesetzt ist, entwickelt sie erfahrungsgemäß schnell ihre Eigendynamik. Steinbachs Behauptung, dass alle wehrfähigen deutschen Männer nur unter Zwang in der Waffen-SS gedient hätten, ist ein Mythos. Das gab es zwar, aber genügend Deutsche haben die völkische Idee über alles gestellt, waren an Kriegsverbrechen und der »Arisierung« jüdischen Vermögens beteiligt. Nach Kriegsende hätte Jugoslawien die Verantwortlichen einem Gerichtsverfahren unterwerfen sollen, anstatt kollektive Vergeltung zu üben.
Dass Menschen, denen Leid zugefügt wurde, für Rache und Vergeltung anfällig sind, ist traurig, aber ein Faktum. Und deshalb ist es wichtig, dass wir die gruppenpsychologischen Entwicklungen der Gewalteskalation aufdecken. Wehret den Anfängen gilt in diesem Fall ebenso wie in vielen anderen Situationen.
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Interview zwischen Doris Akrap (Jungle World) und Holm Sundhaussen (Professor für Südosteuropäische Geschichte in Berlin), vollständiges Interview auf Jungle-World nachlesbar.
Und freilich, in anderen Nationen gibt es das gleiche Problem: In Jugoslawien waren die Morde an Deutschen ungter Tito absolut tabu, es wurde nicht darüber gesprochen. Das war falsch. Aber falsche Taten, egal wie sie begeht oder begangen hat, sind kein Grund, die Falschheit aufzurechnen. Revisionismus und Relativismus bringen keinen weiter.
Es gibt nämlich diese anderen Ansätze: Ein europäisches Zentrum gegen Vertreibungen – eine solche Einrichtung kommt schon dem Namen nach dem Kern der Sache näher, als die Deutsche Heulerei: Vertreibung ist ein europäisches Thema, und nur europaweit kann es so aufgearbeitet werden, dass es seiner Dimension auch gerecht wird.
Demokratie ohne Demokraten 6. Juli 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Fernsehen, Geschichte, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht, Politik.Tags: Anne Will, Demokratie, Demokratieentfremdung, Politik, Politiker
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Ich bediene mich hier eines Schlagwortes, dass in der deutschen Geschichte bereits eine gewichtige Rolle gespielt hat. Es ist etwas über 75 Jahre her, da mündete die erste deutsche Demokratie in jene gigantische Katastrophe, die ganz Europa mit sich riss. Ich möchte die Ereignisse nur so kurz umschreiben, da der Hintergrund dieser Zeilen bekannt sein dürfte. Etwas anderes erregt zur Zeit wieder großes (Medien-)Interesse: Eine Demokratie, die keiner mehr unterstützt – dieses Worst-Case-Szenario ist gar nicht mehr so weit weg. Es gibt wohl noch nicht genug Gründe, um Panik (schon) zu rechtfertigen. Aber die Politikverdrossenheit nimmt zu, wie jetzt auch eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aufzeigt.
Die Studie selbst nennt es vorsichtig „Demokratieentfremdung“; die Zahlen sprechen aber eine deutliche Sprache. Nicht nur im Osten, sondern in ganz Deutschland und über viele der statistischen Gruppen hinweg macht sich Frust oder gar Ablehnung breit, wenn das Wort „Volksherrschaft“ als Stichwort gegeben ist. Zunächst nimmt sich die Befragung der Einschätzung der persönlichen Lebensumstände durch die Befragten an. Gerecht behandelt fühlen sich demnach beispielsweise Angehörige höherer sozialer Schichten (nach Selbsteinstufung), Pensionäre und Angestellte. Erwartungsgemäß sind Hartz IV-Haushalte, Arbeitslose und Geringverdiener mit ihrer Lage nicht zufrieden und fühlen sich ungerecht behandelt; diese Gruppen blicken auch mit Sorgenfalen in Richtung Zukunft – optimistisch sind generell aber nur 31 Prozent der Deutschen [1]. Was auf den ersten Blick nicht gerade weltbewegend neu ist, hat aber Auswirkungen auf die Einstellung zu Politik, Staat und unserem System, der Demokratie.
Der Vertrauensverlust in die Politik und das Unverständnis sind bei sozial schwächeren und politisch extremen Gruppierungen höher als bei den gemäßigten und gut situierten Schichten. Es verwundert nicht, dass sich 57 % der Erstgenannten gegen Reformen aussprechen – haben doch auch die
bisherigen für sie nicht viel verändert. Für Reformen treten Pensionäre, Befragte mit Abitur oder auch Anhänger der Grünen ein, insgesamt 42 Prozent. Zu Denken gibt aber das Verhalten der Befragten zur Demokratie an sich: vier von zehn Deutschen stehen ihr kritisch gegenüber, 31 Prozent finden, sie funktioniert „weniger gut“. Auch hier ist das Misstrauen bei Arbeitslosen (73%) , Ostdeutschen(71%) und rechtsextremen Ansichten (63%) sehr hoch. Alarmierend: 22 Prozent erachten die gegenwärtige Gesellschaftsordnung nicht für verteidigenswert [2]!
Die Studie offenbart noch viele weitere gravierende Probleme; das Vertrauen in die Demokratie, die Wahlbeteiligung, das Interesse an Politik überhaupt. Herausgreifen möchte ich folgendes Ergebnis: Gerade die Unter-24-jährigen haben zu 56 % kein Interesse an Politik [3] und gehen vermutlich nicht mehr zur Wahl. Und das Krasseste: Sie haben keine Begründung. In dieser Gruppe sind nicht die politisch extremen oder sozial schwachen Gruppen aufgenommen; es dreht sich tatsächlich um den Querschnitt der Generation, die dieses Land in naher Zukunft prägen (wird?) soll (und der auch ich angehöre). Die Erheber der Studie vermerken hier beinahe lakonisch:
Interessant: Jüngere weisen zwar keine auffällige Demokratiedistanz auf, Nichtwählen ist trotzdem weit verbreitet, gleichzeitig ist das politische Inte-resse bei vielen (siehe Seite 10) nicht vorhanden. Ganz offensichtlich gibt es für Jüngere keine „Norm“, keinen „Zwang“ zum Wählen (ganz im Gegen-satz zu älteren Befragten, insbesondere bei über 65-Jährigen). Man nimmt sich vielmehr ganz einfach die Freiheit, nicht zu wählen.
Das sollte zu Denken geben. Für mich, und ich bin natürlich kein Experte, liegt in dieser Tatsache das größte Problem: Die Demokraten wachsen scheinbar nicht nach. Über die Hälfte einer Altersgruppe ist sich nicht bewusst, welche Pflichten man als Demokrat hat. Obwohl, man kann es radikaler formulieren: Wer wagt es in Deutschland denn überhaupt zu sagen, dass „Wählen gehen“ eigentlich keine Frage sein sollte?
So weit kam „Anne Will“ heute Abend natürlich nicht. Zwar war das Thema „ Demokratie, nein danke – Bürger frustriert, Politiker hilflos“ mit Blick auf die erschienene Studie aktuell gewählt. Jeodch kam Frau Will mit ihren Fragen, die eigentlich auf Lösungen abzielte, nicht wirklich zum Kern. Ist es Ironie, das es gerade die Politiker waren, die sich mit Lösungen bedeckt hielten und lieber Wahlkampf machten? Natürlich, bei allen Parteivertretern klang das alte Mantra an: Politik nicht über die Köpfe hinweg, Politik verständlich, nahe am Menschen, keine vollmundigen Versprechen, Realität vermitteln. Der einzige Vorstoß zum Kernproblem, nämlich: Das Demokratie nicht mehr und seit langem nicht als etwas Wichtiges, das man verteidigen muss, nahegebracht wird und schon gar nicht der jungen Generation – kam von einer Lokalpolitikerin, die aber eher in ihrer Eigenschaft als ehemalige Lehrerin befragt wurde. Sie brachte es auf den Punkt: Demokratie muss vorgelebt werden, im Alltag, in der Schule, bevor man von jungen Leuten verlangen kann, dass sie sie auch verstehen. Eine Demokratie braucht nämlich, und das klingt so banal, Demokratie – überall und nicht nur zu den Wahlen.
Quelle:
[1], [2], [3] Zusammenfassung der Studie
Die Deutschen und ihre Vergangenheit 5. Juli 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Geschichte, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: 3. Reich, Berlin, Hitler, Madame Tussauds, Wachsfigur
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Die Deutschen. Schon ein seltsames Volk. Da sind sie einerseits wohl die Nation, die mit den negativen Kapiteln ihrer Geschichte am meisten Geld verdient und sich rühmt, diese hervorragend verarbeitet zu haben. Alleine dieser Zwiespalt, nicht mit Hitler und Konsorten in Verbindung gebracht werden zu wollen und gleichzeitig genau diese Zeit immer und immer wieder nach Hollywood zu verkaufen, ist schon ziemlich krass. Andererseits scheint es um unsere Verarbeitung gar nicht so gut bestellt zu sein. Hitler ist ein sehr sehr böses Wort, das darf man eigentlich nicht in den Mund nehmen. Und schon gar nicht darf man Hitler darstellen!
Genau das macht nun aber der deutsche Ableger des britischen „Madame-Tussaud“-Wachsfigurenkabinetts. Und sie haben die Deutschen nicht mal vorher informiert! Eigentlich ist es also verständlich, dass man hierzulande gerade im Sommerloch ein bisschen Aufruhr verursachen muss: Hitler als Wachsfigur, das geht ja mal gar nicht! Die logische Begründung für diese Ablehnung, nunja, die hat eigentlich keiner parat. In England wird man sich gedacht haben: Hitler, eine historische Figur – warum nicht? Ich war noch nie im Wachsfigurenkabinett in London, aber ich könnte mir vorstellen, dass dort auch Heinrich der VIII. ausgestellt ist – ganz einfach, weil es ihn gegeben hat.
Manche Deutsche scheinen es aber dann doch nicht zu verkraften, wenn Hitler nicht im Rahmen museumspädagogischer Konzepte auf Abstand gehalten wird oder im Film als bitterböses Ungeheuer dargesstellt wird – also mit Deutschland und dem Deutschen an sich nicht mehr viel zu tun hat. Als Wachsfigur, soweit mir bekannt auch unkommentiert und für sich sprechend, macht er einigen wohl Angst. Weil er auf einmal echt wirkt? Weil hier sichtbar wird, dass es Hitler wirklich gegeben hat? Man kann nur mutmaßen. Jedenfalls war es schlimm genug, dass jemand ihm gleich den Kopf abgerissen hat. Ist aber auch eine Verletzung der deutschen Seele, echt. Warum stellen die nicht den Stauffenberg aus? Der war toll und sieht aus wie Tom Cruise – oder war das nicht anders rum?
Interessant ist an dieser Stelle auch der Hinweis, dass eine andere Wachsfigurenausstellung die ganze Nazi-Fürhungsclique ausstellt – und das seit Jahren. Und: Die Figuren sind sogar noch aus dieser Zeit. Da hat sich bisher aber keiner aufgeregt.
Festzuhalten bleibt: Solange die Deutschen Hitler nicht als Tatsache sondern als hollywoodkonformen Antagonisten, als Satan, begreifen – solange hat dieses Land das Kapitel zwischen 1933 und 1945 nicht wirklich verarbeitet.
