Wettlauf in Sachen Ethik 22. Dezember 2008
Posted by frischmax in Alltag, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: Gesellschaft
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Sterbehilfe ist zwar seit Jahren ein ergiebiges Thema für hitzige Debatten. Dass aber just in dem Moment, da ich mich auftragsgemäß damit beschäftige, wieder eine ganz große Geschichte daraus wird, hätte ich auch nicht gedacht. Deshalb an dieser Stelle ein Nachtrag zum Thema und zur aktuellen Berichterstattung.
Da lässt sich also in Großbritannien ein unheilbar kranker Mann beim Selbstmord helfen. Das ist in Großbritannien strafbar, meines Wissens ist die rechtliche Lage dort sogar strenger als beispielsweise in Deutschland. Dignitas stellte also einmal mehr das Gift zur Verfügung, der Wille des Patienten äußerte sich dann im Einnehmen desselben sowie durch das selbstständige Ausschalten des Beatmungsgeräts.
Ich heiße die grundsätzliche Möglichkeit, sich selbst zu töten – auch durch die indirekte Hilfestellung in Form der Bereitstellung der Utensilien – gut. Ich halte die ständigen Verweise auf die mögliche Verwirrtheit des Sterbewilligen größtenteils für ungerechte Stimmungsmache der Palliativinitiativen (denn diese treten genau mit diesem Argument ziemlich oft vor die Kameras – so viel zum Voyeurismus). Es gibt mit Sicherheit Menschen, die voreillige Entschlüsse fassen oder sich etwas einreden lassen. Aber das kann und darf doch nicht der Grund sein, auch klar denkende Sterbenskranke kurzerhand für Nicht-Zurechnungsfähig zu erklären!
Indes ist die „Methode Dignitas“ sehr wohl zu kritisieren. Sterbetourismus und nicht zuletzt der Umstand, dass dabei (hohe) Summen fließen, zum Beispiel 5900 Euro (Welt) – Das ist nicht das, was ich mir unter „menschenwürdigem Sterben“ vorstelle. An diesem Punkt gebe ich vielen Gegnern der passiven wie aktiven Sterbehilfe Recht: Ein Unternehmen, das mit dem Tod Geschäfte macht – hier hört die Freiheit auf. Denn gerade die Freiheit des Menschen – und für mich gehört dazu auch das selbstbestimmte Sterben – erfordert auch Maßnahmen, diese zu schützen.
Für mich folgt daraus, dass Sterbehilfe gesetzlich geregelt werden muss. Und zwar alle vertretbaren Formen. Und die Möglichkeit, daran zu verdienen, sollte mit als erstes Übel verhindert werden. Es wäre wünschenswert, wenn sich Verfechter einer ausgedehnten palliativen Versorgung und die Befürworter der aktiven Sterbehilfe hier entgegen kommen könnten. Wenn alle Beteiligten sich tatsächlich um das Leid der Menschen und einen humanen Sterbeprozess verdient machen möchten, sollte es zunächst darum gehen, die Möglichkeiten dafür zu schaffen und jeglichem Missbrauch vorzubeugen. Auch Menschen, die nach einem langen Leidensweg einfach sterben möchten, verdienen eine Lobby. Denn diese Situation gibt es auch – auch nach noch so guter Betreuung und Versorgung.
Aktive Sterbehilfe als Chance 29. November 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht.Tags: ärtzlich assistierter Suizid, Belgien, Euthanasie, Niederlande, Sterbehilfe, Suizid, Tod
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58 Prozent der Deutschen befürworten die Möglichkeit, das Leben schwerkranker Menschen auf deren Wunsch hin zu beenden. Das ergab die letzte repräsentative Umfrage der Allensbacher Meinungsforscher zu diesem Thema. Bei einer Einschränkung des Begriffs auf den durch einen Arzt assistierten Suizid stimmen laut TNS Forschung sogar 69 Prozent der Legalisierung aktiver Sterbehilfe zu. Trotz der großen Zustimmung, die beide Definitionen erhalten: Gerade die möglichen Folgen eines zu weit gefassten Begriffs sind es, die die Gegner der aktiven Sterbehilfe beschäftigen. Deshalb ist es umso wichtiger klarzustellen, was damit eigentlich gemeint ist. Die meisten Befürworter halten sich dabei an das niederländische Beispiel: Aktive Sterbehilfe gibt es dort als angewandten Begriff nicht, das Gesetz über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung umfasst vielmehr alle legalen Formen der Lebensbeendigung. Darunter fällt auch der ärztlich assistierte Suizid, der auch in Deutschland legalisiert werden sollte.
Bisher macht sich ein Arzt, der einen Patienten auf dessen Wunsch hin durch Verabreichung eines tödlich dosierten Medikaments tötet, der „Tötung auf Verlangen“ schuldig. Das ist ein Straftatbestand (im Gegensatz zur Beihilfe zur Selbsttötung), und auch in den Niederlanden ist es das weiterhin. Jedoch sind Ärzte dort, wenn sie sich an genaue Vorgaben halten, von einer Strafe ausgenommen. Genau diese Regelung kann der durchaus berechtigten Sorge, bei einer Legalisierung würden auch Morde unter die aktive Sterbehilfe fallen, entgegenwirken. Gerade die kirchlich-religiöse Seite befürchtet außerdem einen Dammbruch für klassische christlich-europäische Werte, „die Unantastbarkeit der Würde des Lebens“ ginge verloren, mahnte der evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU im Jahr 2002. Doch auch diese Angst ist, betrachtet man die praktische Umsetzung des ärztlich assistierten Suizids in Belgien und den Niederlanden, unbegründet: Nur schwer kranke Menschen, die aus individueller wie fachlicher Sicht keine Hoffnung auf eine Besserung mehr haben, können überhaupt Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Die aktive Sterbehilfe wiederum richtet sich nur an die kleinere Gruppe derer, für die auch palliative Methoden keine Leidensminderung mehr darstellen. Wenn Menschen nach ausgiebiger Beratung und Information durch Ärzte – auch das schreibt der niederländische Gesetzestext vor – den Entschluss fassen, ihr Leben beenden lassen zu wollen, so ist das völlig legitim. Für einen humanen Tod besteht dort dann die letzte Alternative in Form des assistierten Suizids – jedoch nur, wenn ein ausdrücklicher Wille und das Urteil eines zweiten Arztes vorliegen. Ist der Sterbefall gemeldet muss eine Kontrollkommission das sorgfältige Handeln des Arztes bestätigen, nur dann wird von juristischen Schritten abgesehen. Diese Vorgaben sind so aufwändig wie notwendig, nur so werden die Quellen für Fehler und Möglichkeiten des Missbrauchs auf ein Minimum reduziert. Übrigens führt die Komplexität des Verfahrens dazu, dass die Sterbehilfe nur in etwa einem Drittel der Fälle überhaupt in Anspruch genommen werden kann. Insgesamt ist die Zahl der Sterbefälle durch aktive direkte Sterbehilfe seit In-Kraft-treten des Gesetztes 2001 rückläufig: Gegenüber 3500 Menschen im Jahr 2001, ließen 2005 nur noch 2325 Patienten ihr Leben durch einen Arzt beenden. Als Gewissheit ist diese Möglichkeit aber weiterhin wichtig, wissen sie doch um die Möglichkeit, einem unerträglichen Leidensweg entkommen zu können. Mit dem Leidensweg befassen sich auch die Gegenstimmen aus der Hospizbewegung. Wie die Förderer der Palliativmedizin verweisen sie auf die umfassenden Möglichkeiten der modernen Schmerztherapie. Mit Blick auf Roger Kuschs Sterbemaschine und Firmen wie Dignitas verweisen sie auf die Leidenslinderung, die einen natürlichen Tod ohne oder mit wenig Schmerzen in Opposition zur aktiven Sterbehilfe rückt. Allerdings ist genau diese Opposition ein Fehlschluss. Im Gegenteil: Aktive Sterbehilfe und die Schmerztherapie ergänzen sich sozusagen. Die Statistik nennt Krebskranke als größte Gruppe derjenigen, die aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Gerade bei Krebskrankheiten ist aber die Palliativmedizin oft sehr früh im Krankheitsverkauf gefordert. Während aber für die größte Gruppe von Patienten der Tod im Krankheitsverlauf durch die Schmerztherapie möglich wird, gibt es auch Patienten, denen mit Medikamenten das sterbe und seelische Leiden nicht mehr erträglich gemacht werden kann. So ist es nur logisch, dass das Belgische Gesetz den Ausbau der Palliativmedizin mit zur Voraussetzung für die Freigabe der aktiven Sterbehilfe erklärt hat. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Leiden zu mindern, so dass Patienten den Tod als Option vielleicht nicht mehr wählen müsse. Nur bei den allerschwersten Fälle soll und kann der ärztlich assistierte Suizid die letzte Möglichkeit des humanen Sterbens sein. Denn das ist ein Recht, dass nicht für jeden offensichtlich ist. Angesichts des „Rechts auf ein würdevolles Leben“ sollte man aber entweder den Sterbeprozess mit einbeziehen, oder aber ausdrücklich daneben stellen. Verwunderlich ist indes, dass auch hier wieder irrationale weltanschauliche Gründe gegen den ärztlich assistierten Suizid angeführt werden. Da wird Sterbenskranken unterschwellig Feigheit angekreidet, wird auf das Leiden Christi verwiesen und das das Leiden zum Leben gehöre. Die holländische Bischofskonferenz hält das in die Hand nehmen des eigenen Leidens für nicht vereinbar mit der Macht Gottes über das menschliche Leben. Aber auch weniger gläubige Menschen sehen im selbst verfügten Tod zuweilen Egoismus oder Verantwortungslosigkeit gegenüber den Mitmenschen. Verantwortungslos sind diese Standpunkte, nicht aber Menschen, die sich nach reiflicher Überlegung für den Tod entscheiden. Auch die Entscheidung für den Tod, die heutzutage eine beinahe täglich aufkommende Thematik ist, wird in Frage gestellt. Manche Gegner sehen die Aktualität des freiwilligen Tods in unserer Gesellschaft begründet. Der Individualismus der Moderne oder gar der Egoismus der Patienten müssen herhalten, um aktive Sterbehilfe zu verdammen. Es gehört schon einiges dazu, einem schwer Kranken zu erklären, er ziehe sich quasi vorzeitig aus der Affäre. Deshalb möchte ich auf diese Unterstellungen nicht weiter eingehen. Indes, mit unserer Gesellschaft und Zeit hat die Aktualität von Sterbehilfe nur bedingt zu tun. Freilich, wir werden immer älter und wollen immer länger jung bleiben, gleichzeitig treten mit zunehmendem Alter Krankheiten auf, die es früher nicht so häufig gab. Trotzdem haben den Begriff Euthanasie bereits die Griechen erfunden. Ein grundsätzliches Interesse an einem würdevollen Lebensende bestand also schon damals. Allerdings zeigt die Praxis in Sparta, für minderwertig erachtete Säuglinge zu töten oder auszusetzen, das die Missbrauchsgefahr schon damals groß war. Mit dem Eid des Hippokrates kam sozusagen die Leidensminderung hinzu, die den „guten Tod“ durch Ärzte aber verbot. Und im Hinblick auf den Schwerpunkt der Medizin, Leben zu erhalten, ist das vollkommen richtig. Erst die Nationalsozialisten missbrauchten Euthanasie in so einer abscheulichen Art und Weise, das der Begriff noch für lange Zeit negativ besetzt sein wird. Allerdings ist der „ärztlich assistiere Suizid“ aufgrund der engeren Definition ohnehin besser geeignet.
Festzuhalten ist: Gegnern wie Befürwortern geht es (hoffentlich) um das Wohl der Patienten. Und genau deswegen ist eine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe auf Dauer unumgänglich. Die meisten Gegenargumente rühren von Ängsten und Befürchtungen, die einzig und allein genaue Vorgaben und Kontrollinstanzen unnötig machen können. Eine Kommerzialisierung des Sterbens, die Tötung auch heilbar kranker aus ökonomischen Gründen, das Beseitigen von Verwandten unter dem Deckmantel der aktiven Sterbehilfe sind so weitestgehend ausgeschlossen. Und auch die Hospizbewegung muss sich eigentlich keine Sorgen machen. Im Gegenteil: In den Niederlanden gibt es mehr Patienten, die sich palliativ behandeln lassen, als je zuvor. Offensichtlich gibt die Gewissheit, dem Leiden gegebenenfalls ein selbst bestimmtes Ende geben zu können, den Kranken Kraft. Diese Erfahrungen gibt es auch in Belgien und dem US-Bundesstaat Oregon, die ebenfalls Gesetze haben, die den ärztlich assistierten Suizid straffrei handhaben können. Das selbstbestimmte Sterben hat eben nicht automatisch die berühmte „slipery slope“ zur Folge, und die genannten Beispiele zeigen, dass sich ärztliches Handeln für das Leben und für das Sterben nicht ausschließen müssen, sondern sich ergänzen können.
Fiktion als Medizin gegen Realität 30. September 2008
Posted by frischmax in Gesellschaft, Literatur, Nachgedacht, Weltanschauung.Tags: Fantasie, Fiktion, fiktiv, Literatur, Nancy Huston, Realität, Science Fiction
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Wer hätte gedacht, das man als Vorpraktikant über einen derart interessanten Text stolpern kann!? Ich saß einmal mehr im Klassenzimmer und beobachtete, wie ein abgeklärter Deutschlehrer seine Klasse recht locker auf ein interessantes Themenfeld führte: Fiktion. Was ist Fiktion, und warum gibt es Fiktion? Naja, die elfte Klasse war nicht wirklich interessiert. Ich hingegen umso mehr, und ich habe einige Denkanstöße gefunden: Die kanadische Autorin des ausgeteilten Artikels, Nancy Huston, kommt in der Frankfurter Rundschau zum Schluss:
„[...] … im Idealfall gibt sie [Fiktion] uns die Kraft, in jene Realität zurückzukehren und sie mit mehr Feingefühl zu enträtseln.“
Tasächlich beschränkt sich Fiktion nämlich nicht nur auf Literatur, Film, Musik und Co. Vielmehr ist der Mensch, so Nancy Huston, ein Meister darin, die reale Realität durch eine fiktionale zu ersetzen. Seit es uns gibt, hat der Mensch immer interpretiert. Zwar sind wir ohnehin auf unsere Sinne beschränkt, und wir können nicht einmal erahnen, was von der Welt wir eigentlich alles nicht sehen. Doch schon dieser Einblick bringt nach rationalem Denken die Einsicht: Wir leben willkürlich, und wir sterben willkürlich. Und irgendwann sind wir tot – und die Erde dreht sich immer noch. Huston beschreibt den Menschen aber als ein Wesen, dass diese Einsicht nicht verkraftet und sich so der Fiktion bedient: Götter, höhere Gewalten, Sinn und Grund für unser Dasein. Die menschliche Welt war und ist von Fiktionen durchdrungen:
„Niemand hat beschlossen, sie zu erfinden. [...] Für uns Menschen sind sie so real wie der Boden unter unseren Füßen; tatsächlich sind sie unser Rückhalt [...] in der Welt.“
Durch unser Bewusstsein und unsere stetige Sinnsuche sind wir sozusgen unfähig, die Realität nicht zu interpretieren.
Welche Rolle nimmt dann aber die „Fiktion“ ein, die jeder sofort als solche erkennen könnte? Ich rede von literarischer Fiktion. Ist sie nicht vernichtend simpel im Gegensatz zur fiktionalen Weltsicht des Menschen? Nancy Huston meint, dass die menschengemachte Realität nicht von der zweiten fiktionalen Ebene der Literatur übertroffen werden kann. Ein Roman, egal wie abstrus und fantastisch, ist ja immer von der bereits ebenfalls herbeifantasierten Weltsicht des Autors geprägt. Literatur hat vielmehr den Vorteil, dass sie jedem als Fiktion bekannt ist – das aber auch die ganze Realität der Menschen ein einziges Konstrukt ist, dass durschaut längst nicht jeder. Denn auch Diktaturen, Herrscher, Systeme stützen sich auf Fiktionen – beispielsweise die von der „arischen Rasse“. Literatur jedoch ist ehrlich, man weiß, woran man ist. Und anhand dieser weniger komplexen Fiktion ist es dem Menschen manchmal möglich, das zu erklären und zu verstehen, was wir als Realität bezeichnen. Die künstliche Realität eines Romans liegt uns, eben weil wir ihn als Außenstehender lesen, einfacher und beständiger vor. Und manchmal, so Hustons Hoffnung, bringt Fiktion den Menschen dazu, auf die Realität einzuwirken.
Und tatsächlich lässt sich diese Beeinflussung nur zu oft beobachten. Science-Fiction zum Beispiel. Die Werke eines Isaac Asimovs oder Philip K. Dicks (dem ich noch einen Artikel widmen werde) fassen Gedanken und Thesen, die zu Lebzeiten der Autoren undenkbar waren, eben Fiktion – mittlerweile aber sind manche, gerade negativen, „Fiktionen“ schon verwirklicht. Die Literatur aber ist damals wie heute der Schlüssel, der uns erst erkennen lässt, was passiert. Eigentlich ist es also nicht weiter verwunderlich, wenn wir reale Geschehnisse und Sachverhalte in vermeintlich total fantastischen Geschichten wiederzufinden glauben. Denn eigentlich ist die Realität die größte Fiktion.
Was ist eigentlich Spießertum? 24. September 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: Biedermeier, Deutschland, Dorf, Idylle, Spießer, Verein, Vereinsmeier
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Diese Frage war eigentlich seit der Pubertät, als auch Ich um keinen Preis als „spiessig“ gelten wollte, nicht mehr relevant. Vor einigen Tagen bin ich mir aber bewusst geworden, dass ich manche Vorraussetzungen für diese streitbare Bezeichnung erfülle: Zwar war und bin ich kein typischer Vereinsmeier. Eigentlich bin ich in keinem Verein aktiv, und schon gar nicht nicht beim Schützen- oder Trachtenverein. Nein, ich betrachte vielmehr die Verlagerung meiner abendlichen Aktivitäten von der Stadt in mein Dorf. Ganz unbewusst, fast automatisch, geht man als Vor-Vorstadt-Mensch eben in die Stadt – sei es in die Schule, zum Einkaufen zur Arbeit. Doch vor kurzem war ich – zum ersten Mal – in meinem eigenen Ort weg. Ich habe gesehen, dass es tatsächlich Bars gibt, die dem Stadtstandard entsprechen, war aber auch in Kneipen, die ich schon von Außen als abstoßend empfand. Dabei durfte ich viele nette Menschen kennen lernen, die aber viel stärker mit ihrem ländlichen Wohnort verwurzelt sind, für die Bier und Weißwurstfrühstück nicht nur Tradition sondern regelmäßige Pflicht sind. Bin ich etwa unversehens in der spießigen Realität der Landidylle gelandet?
Es war wirklich ein schöner Abend, trotz und weil viel getrunken wurde. Aber wie ein Bekannter treffend und ohne zu Lallen formulierte: „Man kennt seine Heimat erst, wenn man sie mit den Augen eines Besoffenen gesehen hat“….was für ein Menetekel! Stunden später wankten wir dann bei Eiseskälte durchs Dorf und fuhren anschließend ohne Licht mit dem Rad weiter…eine durchaus interessante Erfahrung, jedoch hadere ich noch mit meinem Gewissen bei der Einordnung; „Hochnotpeinlich“ und „Erfahrung“ stehen als Kategorien zur Auswahl.
Ist das schon spiessig? Immerhin ist der alkoholisierte Zustand in Bayern und Franken für gewöhnlich kein Zeichen von Kontrollverlust, sondern gilt eher als Symbol der Heimatverbundenheit. Wer Tracht trägt, im Schützenverein ist und im Kirchenchor singt, darf auch ‘mal ‘ne Maß zu viel trinken, so ein selten gesagtes aber umso öfter gemeintes Motto. Okay, eine Tracht habe ich nicht. Und in Vereinen bin ich auch nicht wirklich. Aber ich gebe es freiheraus zu: „Heimatverbundenheit“ im Weitesten Sinne verspüre ich immer öfter. Viele Bekannte schmieden Karrierepläne, „in Berlin/München werde ich dann….und dann meine Yacht…..“, so die Träume. DIe hatte ich auch, lange Zeit sogar. Aber irgendwie stellt sich langsam aber sicher ein Gefühl ein, dass ich als Vernunft bezeichnen will, oder besser: Realismus. Denn eigentlich will ich viel lieber hier leben und arbeiten, meine Familie gründen, alt werden und so weiter. Meine Heimatregion ist wunderschön, es gibt Arbeit, genug Kindergartenplätze, nahezu keine Probleme, kurzum: Wolkenkuckucksheim, Bayern wie im Bilderbuch. Und ich finde das gut so.
Auch wenn ich das ständige intrigieren, Funktionen-besetzen und Feste-organisieren der Vereine nach wie vor nicht wirklich leiden kann. Ich finde es längst nicht mehr so ätzend. Dorfleben, Dorfgemeinschaft ist in vielen Fällen Wunschdenken. Aber verkehrt ist das sicher nicht. Und unter den Selbstdarstellern, falschen Gerüchten und bösen Spielchen finden sich immer wieder liebenswerte Menschen, die einfach nur ihren Spaß haben wollen. Deswegen, und nicht aus falschem Traditionsbewusstsein oder aus Profilierungssucht, bin ich beim örtlichen Männerchor und bei der Theatergruppe. Es ist einfach eine gute Sache.
Profilierungssucht konstatiere ich indes jenen Menschen, die um jeden Preis „nicht spießig“ sein wollen. Denn, wie Ödön von Horváth einmal sagte:
[Ein Spießer ist ein] …hypochondrischen Egoist, der danach trachtet, sich überall feige anzupassen und jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet.Und Egoisten sind die Menschen, die das Dorfleben interessanter machen, im Prinzip ja nicht.
Einblicke in die nächsten Generationen 17. September 2008
Posted by frischmax in Alltag, Deutschland, Gesellschaft.Tags: ADS, Alltag, Generation, Jugend, Pädagogik
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In den letzten sechs Wochen habe ich als Betreuer beim kommunalen Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche gearbeitet (daher auch die wenigen Artikel
). Die Gemeinde organisiert Tagesfahrten in Freizeitpakrs, Schnupperkurse bei den Sportvereinen und einige andere Aktivitäten für die „Daheimgebliebenen“ – also entweder für Kinder, die aus finanziellen Gründen die ganzen Sommerferien über zu Hause bleiben und für jene, die schon dreimal im Urlaub waren und nun doch einmal einige Tage im eigenen Ort verbringen sollen. Neben dem ausgesprochen guten Verdienst haben mich aber auch andere Faktoren dazu bewogen, diesen Job zu machen: Im Hinblick auf mein Lehramtsstudium ab Oktober ist die Beschäftigung mit Kindern auch außerhalb des Bildungssektors nicht verkehrt. Abgesehen davon lernt man fern aller Pädagogik wohl das meiste über den richtigen Umgang mit Kindern.
Ein weiterer Faktor, den ich erst jetzt so richtig erkenne, ist der Einblick in die kommenden Generationen. Verhaltensauffälligkeiten, familiäre Probleme, die finanzielle Situation, die Bildungsmisere – eben all das, was in einschlägigen Reportagen so über Kids und Jugendliche verbreitet wird. Ich kann jetzt sagen: In meiner Region sieht es eigentlich nicht so schlimm aus. Freilich, ich habe einige Fälle beobachten können, die wohl eine ADS/ADHS-Störung haben. Ich habe nervende Jungs und zickende Mädchen betreut, ich habe zugesehen, wie Achtjährige so viele verschiedene Medikamente gegen Allergien nehmen, wie ich in meinen ganzen zwanzig Lebensjahren noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Ich habe dreizehnjährigen Mädchen die Kippen abgenommen, einem ziemlich Nintendosüchtigen Kind seine tragbare Konsole. Klar, oft ist das erschreckend. Aber: Man kann es „behandeln“ oder besser: Ich, eine nicht ausgebildete Honorarkraft, konnte eigentlich jeden Fall irgendwie zufriedenstellend handhaben.
Die oberste Regel, die ich aus diesne Erfahrungen mitnehme, ist: Geduld. Es ist verblüffend, was für
eine geringe Toleranz gerade Pädagogen manchmal gegenüber Kindergeschrei haben. Oder vielleicht bin ich einfach nur so ruhig und unaufgeregt? Natürlich muss man bei vierzig aufgedrehten Kindern im Bus mal für Ruhe sorgen. Aber Kinder sind eben Kinder – und die sollen, dürfen, müssen eben auch mal laut sein. Also beobachte ich, denke über die Gründe nach – also ob die Lautstärke berechtigt ist oder nicht (so doof sich das anhört) – und schreite dann und wann ein – ohne selbst zu schreien. Manchmal werde ich lauter, aber alles muss genau dosiert sein. Und siehe da: Es klappt. Ich verbinde die Rüge mit einer kurzen Erläuterung, wiederhole das drei-, viermal. Und dann wird es ruhiger. Nicht mucksmäuschenstill, aber das muss ja auch nicht sein. Und ich habe ja immer noch meine Ohropax dabei.
Die zweite Regel die ich mir unbedingt merken möchte, ist: Beobachte und behalte im Hinterkopf, was du siehst. Gerade als Lehrer ist es meiner Ansicht nach unglaublich wichtig, dass die Hintergründe der einzelnen Schüler nicht unbedacht bleiben. Nur dann kann man angemessen reagieren. Einen Jungen, der bei vielen Programmpunkten nervend ins Auge fiel, konnte ich erst richtig einordnen, als zufällig die Familiensituation klar wurde: Scheidungskind, er lebt bei seiner Mutter, eventuell Sorgerechtsstreit mit dem Vater, in jedem Fall aber: Die Mutter äußert sich permanent abwertend gegenüber dem Vater – und so sind auch die männlichen Betreuer für den Sohn keine Autorität oder gar Ansprechpartner.
Eine andere Situation: Wieder ein Junge, ein bisschen arg zappelig und ständig in Bewegung. Deshalb musste ich mich mit ihm ein bisschen mehr auseinandersetzen als mit den anderen Kindern. Und obwohl ich ihn meistens ermahnt habe, schlug er seiner Mutter in meiner Anwesenheit vor: Kann der bei uns einziehen? Haben wir noch ein Zimmer frei? Alle haben gelacht, aber im Hinterkopf bleibt mir: Der Junge wurde jedes Mal von seiner Mutter abgeholt – vom Vater fehlte jede Spur. Wohl keine männliche Bezugsperson im Haus, deshalb dieser Klammereffekt mir gegenüber.
Man lernt unglaublich viel in sechs Wochen, in denen man täglich mit Kindern zu tun hat. Und Eigentlich war dieser Job auch keine Arbeit – ich hätte locker sechs Wochen dran hängen können. Denn diese kommenden Generationen – trotz der permanent attestierten Verkorkstheit – ist nicht schwerer zu handhaben als andere. Man muss sich nur darauf einstellen und individuell entscheiden können. Lehrbuchpädagogik und festgefahrene Prinzipien sind auf so viele Einzelpersonen nicht anwendbar. Hoffentlich werde ich mich daran erinnern, wenn ich in den nächsten Jahren im Elfenbeinturm der Uni mit allerhand Konzepten und Musterlösungen konfrontiert werde.
Ziemlich einfach zu beeindrucken – Ein Sonntag auf der Games Convention 28. August 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien.Tags: Adresse, Datenhandel, Datenschutz, Games Convention, Merchandising
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Vor etwas mehr als vierzig Jahren brauchte es noch eine Hand voll Dollar um Clint Eastwood anzustacheln im gleichnamigen Film sein Leben auf Spiel zu setzen. Nun gut, die Zeiten des Italo-Western sind vorbei, und heute machen Menschen für Geld zwar nicht alles, aber dafür sogar für geringe Beträge so Einiges. Eine Steigerung dieser, ich nenne es: kostengünstigen Käuflichkeit, ist mir vergangenen Sonntag auf der Games Convention in Leipzig aufgefallen: Tausende Besucher aus der nicht nur für die Spielebranche interessanten Gruppe der 19- bis 39-jährigen gaben dort ihre Adressen preis – für eine Hand voll: Schlüsselbänder. Kugelschreiber. T-Shirts.
Ich denke, mir fiel diese streubombenartige Praxis vor allem deshalb auf, weil ja seit Wochen von illegalem Datenhandel die Rede ist. Komisch, dass dann scheinbar die 199.000 anderen Menschen keine Nachrichten schauen (okay, wenn gerade eine WoW-Raid ist kann man nicht einfach zur Tagesschau wechseln). Jedenfalls hatten zahlreiche Besucher auf der Leipziger Games Convention kein Problem damit, ihre Daten für Merchandise-Artikel auf postkartengroße Kärtchen zu schreiben, dabei gleich noch an Gewinnspielen anderer Firmen teilzunehmen und die Daten somit auch an Dritte weiterzugeben. Keine Spur von Misstrauen, keine Spur von Nachdenklichkeit.
Ein Szenenwechsel: In Halle Vier drängen sich Nerds, Geeks, Gamer, Fans, Freaks, Eltern und diverse
Gestalten um einen größeren Messestand. Er gehört der Firma Speedlink, die Zubehör für Konsolen und Computer vertreibt, hauptsächlich solches, dass man für Spiele benötigt: Lenkräder, Mäuse, Tastaturen. Auf der Bühne schreit ein Typ herum, die Menge jubelt und kreischt – Tokio Hotel lässt grüßen (nur das dort Mädchen den Lärm machen, hier sind es vor allem Anhänger des männlichen Geschlechts). Bei genauerem Hinhören erschließt sich der Slogan des Hardwareunternehmens: Speedlink! Speedlink! Lauter! Macht mit! Und die Menschen machen mit. Neben mir drängelt sich eine kleine dicke Frau nach vorne, mit glänzenden Augen und ausgestreckten Händen harrt sie der Dinge, die auf diese Liturgie folgen werden: Im selben Moment katapultieren der Anheizer und seine Helfer massenweise T-Shirts mit dem Firmennamen in die Menge – schreiend stürzen sich die Menschen darauf.
Was soll uns diese Szene sagen? Der Mensch ist doch näher am Tier als bisher angenommen? Lasst mir die armen Tiere mit diesen beleidigenden Vergleichen in Ruhe! Nein, diese Begebenheit zeigt eigentlich nur, wie einfach man ganze Massen von Menschen begeistern kann – und am Ende mehr bekommt als man aufwenden muss. Und so gibt es auf Europas größter Computer- und Videospielmesse an allen Ecken und Enden Goodies. Oft für nichts, gerade in den letzten Stunden der Messe ist es schwer, den herumfliegenden T-Shirts auszuweichen. Ebenso oft aber muss der entertainmentsüchtige Messebesucher aber doch etwas tun: dumme Quizfragen beantworten, sich verkleiden, lauthals schreien. Das macht Eindruck und beschert
wiederum weitere Zuschauer. Natürlich sind Schlüsselbänder aber nicht der wahre Grund dafür, dass der Jäger- und Sammlertrieb so krass hervortritt. Denn neben billigen Tricks offerieren die Spieleverlage ja tatsächlich auch Preise, die sich sehen lassen können: Grafikkarten, Computer, Softwarepakete. Das lässt das Herz eines Spielers wirklich höher schlagen, das will jeder abgreifen. Doch neben den wenigen Glücklichen, die wirklich etwas Brauchbares gewinnen, stehen Zehntausende, die letzten Endes für ein Schlüsselband ihre Adresse weitergegeben haben – und die kostet normalerweise Geld.
Dabei sein ist alles!? 18. August 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht, Weltweit.Tags: Leistung, Medaillen, Olympia, Peking, Sport
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Dieser Satz – den Pierre de Coubertin so vermutlich nie gesagt hat – wird immer wieder gerne zitiert. Bei der Fußball-Europameisterschaft etwa, bei vielen anderen Sportveranstaltungen und wohl in so ziemlich jedem Verein dürfte dieser Satz in der Vergangenheit unzählige Male gefallen sein. „Das Wichtigste bei den olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen“, der Satz den der Inititator der Olympischen Spiele der Neuzeit tatsächlich gesagt haben soll, ist vom Sinn her zwar beinahe gleichbedeutend – aber eben nur beinahe. Wenn ich, was nicht so häufig geschieht, doch einmal einige Berichte aus Peking lese oder sehe, sofällt mir immer wieder eine krasse Diskrepanz zwischen diesem abgenutzten Spruch und der Realität auf: „Dabei sein“, das ist nicht alles, sondern quasi nichts. Ich befasse mich zu wenig mit Olympia, als das ich jegliche Gewähr auf meine Vermutung geben könnte, aber ich halte sie dennoch für ziemlich richtig: Deutschland ist eines der teilnehmenden Länder, in denen die Athleten ohne Medaille am weitesten entfernt davon sind, für ihre Leistungen Anerkennung zu bekommen. Prämiert wird von den Deutschen (Medien) nur die Medaille, vorzugsweise die Goldene, und nicht die Leistung.
Nun gut, ich bin da vielleicht sehr eigen, wie ich es schon zur EM im Juni beschrieben habe. Ich kann mit Stolz und Gejubel ob irgendeines „Sieges“ nicht viel anfangen. Ich finde es schön, oder eben auch nicht. Aber mehr als eine Minute interessiert mich das nicht. Nun, die Reporter bei ARD und ZDF reden von dem „undankbaren“ 4. Platz oder gar noch weiter von Medaillen entfernten Platzierungen auch nicht viel länger als
ein paar Minuten. Denn: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Nur wer etwas leistet, wird belohnt. So weit die Theorie. In der Realität stellt sich die Situation sogar noch differenzierter dar: Nur die besten Leistungen werden belohnt. Denn eigentlich, so die Logik einiger Medien, Menschen und Marktwirtschaftsinitiativen, ist nur Bestleistung Leistung. Bestleistung entsteht nämlich durch Anstrengung, Perfektion, Konzentration – eine „gute Leistung“ ist also sozusagen unvollständig, ergo spielt da doch Faulheit mit! Capiche? Ganz einfach, oder?
Und so kommt es, dass Beckmann, Kerner und wie sie alle heißen beinahe täglich einerseits mit ihren blöden Rückfragen die Athleten belästigen (die stets mitklingende Frage „Du bist doch mit Silber/Bronze auch nicht zufrieden, oder?“), andererseits die Athleten selbst unter einem ungeheuren Erfolgsdruck stehen. Natürlich könnte ein Sportler hier über die Notwendigkeit von Druck schreiben, ich als Laie bezweifle aber ausdrücklich eben diese. Das in Deutschland Leistungen jenseits der Top Drei nicht oder kaum Aufmerksamkeit erregen geschweige denn Würdigung erfahren führt dann auch zu interessanten Rechnereien mit dem hierzulande so beliebten Medaillenspiegel: Zwar sind wir mit unseren Goldmedaillen immer wieder recht weit vorne. Doch ist die Gesamtzahl errungener Medaillen vergleichsweise gering – hier übertrumpft uns zur Erstellungszeit des Artikels beispielsweise Frankreich, das viel weniger Goldmedaillen hat. Und, ich wage eine weitere Vermutung: Würde man jeweils die fünft best platzierten Athleten einer Disziplin mitrechnen – der Medaillenspiegel sähe ganz anders aus.
Zurück zum Leistungsdruck. Bei Olympia fällt er zumindest mir extrem auf, es werden sich wohl noch einige mehr daran stoßen. Allerdings ist Olympia ein nur alle vier bzw. zwei Jahre wiederkehrendes Ereignis. Die Nichtanerkennung von Leistung ist jedoch allgegenwärtig: Ob bei jedweden Sportereignissen im Fußballverein von Hintertupfingen oder in der Schule: „Mit einer drei oder vier brauchst du nicht nach Hause kommen!“, so der mitsummende, nicht immer hörbare, Unterton. Solange wir es nicht auf die Reihe bekommen, Anstrengungen zu belohnen und nicht immer nur Ergebnisse, wird unser Land gerade auch in der Bildung nicht zu den Spitzenreitern gehören. „Dabei sein“ im Sinne einer ehrlichen, bemühten und hintergründigen Teilnahme an Unterricht, Sport oder eben Olympia – das sollte das Ziel sein. Auch wenn immer davon die Rede ist, Gold sei an der Börse eine sichere Anlagemöglichkeit: Edelmetalle verlieren von Zeit zu Zeit an Wert. Es wäre schön, wenn dies auch für Medaillen gelten würde.
Wenn der schlechte Ruf vorauseilt 15. August 2008
Posted by frischmax in Alltag, Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.Tags: Interviewer, Klingenputzer, Marktforschung, Ruf, Vertreter, Voreingenommenheit
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Es dreht sich hierbei allerdings nicht um meinen eigenen, persönlichen Ruf. Vielmehr geht es um den Ruf, den eine ganze Branche bzw. deren Auftritte in der Öffentlichkeit, heutzutage genießen: Die Rede ist von jenen Menschen, die von Zeit zu Zeit an Haustüren klingeln und von den Bewohnern verschiedenes wollen: Geld für Abonnements, Geld für gute Zwecke, Geld für einen Staubsauger – meistens geht es wirklich um Geld für den Vertreter/Drücker und viel Ärger für den, der sich etwas aufschwatzen lässt. Mit der Abneigung, mit dem Hass auf diese Besucher sieht sich allerdings auch eine Branche konfrontiert, die das nur bedingt verdient hat: Marktforschung.
Man kann von Markt-, Sozial- und Wahlforschung halten, was man will. Und niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Dennoch ist es ziemlich krass, wie selbst zur Freundlichkeit verpflichtete und lediglich unverbindliche Fragen stellende Interviewer den ganzen Groll zu spüren bekommen, den viele „Nachbarn“ hierzulande gegen die Zeugen Jehovas, Vorwerk und andere Hausierer haben. Wie gesagt: Niemand muss jemandem Fremden an der Haustüre oder gar in der Wohnung Rede und Antwort stehen, jeder darf ausdrücklich das Wörtchen „Nein“ und vielleicht noch ein „Danke“ verwenden.
Ich schreibe über diese so ungeliebten Menschen, weil ich zurzeit dieselben Erfahrungen mache. Bereits vor
ein paar Jahren habe ich für ein kleines Marktforschungsunternehmen im Call-Center gearbeitet. Entgegen der schlechten Publicity durch die Negativbeispiele der Telefonverkäufer stellen die Interviewer der Marktforschung tatsächlich nur Fragen, verkaufen nichts und verlosen nichts- das dürfen sie nämlich nicht. Auch wird man bei namhaften Unternehmen wie der Gesellschaft für Konsumforschung (bei der ich nicht gearbeitet habe) selten pro Interview (oder, je nach Sichtweise, pro genervten Menschen) sondern nach Arbeitszeit bezahlt, also erfolgsunabhängig. Die Marktforscher wissen um die Schwierigkeiten, überhaupt jemanden zur Teilnahme an einer Umfrage zu bewegen, deshalb sind die wenigen Freiwilligen mit Samthandschuhen zu behandeln. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber die Summen, die in stundenlange Telefoniererei gesteckt wird, müssen von enormer Höhe sein. Und all das für größtenteils ergebnislose Kurzgespräche mit verärgerten Bürgern.
Abgesehen von diesem sicherlich hinterfragungswürdigen Kampf um Meinungen (der nicht nur telefonisch geführt wird), geht es mir hier aber um das Verhalten der Menschen, denen meine Höflichkeit und Mühe gilt, wenn ich als Interviewer unterwegs bin. Ich kenne das Prozedere beim Telefonieren, und so malte ich mir beim sogenannten Face-to-Face-Interview gute Chancen aus – ich bin von meiner Außenwirkung überzeugt und verfüge noch über genug Menschenkenntnis/Blauäugigkeit um auf die Sympathie wildfremder Menschen zu hoffen. Ich gehe also in gepflegter Alltagsmontur los „ins Feld“ – schließlich erinnert ein zu ordentlicher Anzug schnell an Vertreter oder andere negative Besucher. Mit Ausweis, Dokumenten über Datenschutz und Anonymität sowie dem Laptop mit dem Fragebogen soll das eigentlich alles professionell und seriös wirken – ich ging anfangs davon aus, diese Hilfsmittel würden die Zielpersonen überzeugen. Weit gefehlt, die Sache gestaltet sich sehr schwierig: wenn ich in der Gegend um meine derzeitige Startadresse jemanden aus dem Haus klingle (gute Gegend, mehr Villen als normale Häuser), mein Sprüchlein aufsage und freundlich um ein Interview bitte, bekomme ich allerhand zu hören. Zwar sind Schimpfwörter die Ausnahme, aber es ist schon interessant, wie viele Leute mich einfach wortlos stehen lassen und die Türe wieder schließen. Oder stellvertretend für die nicht anwesende Zielperson ablehnen. Oder mir sagen, was für ein Verbrecher ich doch sei.
Freilich, nach all den negativen Erlebnissen, die viele mit Klinkenputzern gemacht haben, kann man es nicht wirklich verübeln, dass Menschen gestresst und sauer reagieren. Andererseits kann man es doch: Mit meiner Aktentasche könnte ich – rein theoretisch – auch etwas Wichtiges dabei haben (über die Wichtigkeit von Meinungsforschung haben die meisten Bürger eine, nunja, geringschätzende Meinung), ein Schreiben vom Notar, von der Bank, was auch immer. Wie gesagt, die Situation ist nicht ganz einfach. Aber ich glaube schon, dass dieses von vornherein ablehnende Verhalten aufgrund Hörensagens oder eventueller schlechter Erinnerungen mehr aussagt: Ein schlechter Ruf, ein schwarzes Schaf, ein Gerücht – oft reicht das schon aus, um anderen Menschen (in diesem Fall eher Firmen, und der Schaden kann so groß nicht sein) Schaden zuzufügen oder sich selbst Chancen zu verbauen (wird bei diesem Beispiel ebenfalls nicht so gesehen werden).
Ich für meinen Teil ziehe daraus eine Lehre: Ich werde weiterhin bei jeder neuen Haustüre freundlich und höflich sein. Ich werde mich nicht von den paar schwarzen Schafen unter so vielen Menschen abschrecken lassen.
Wenn der Computer süchtig macht 13. August 2008
Posted by frischmax in Computerspiel, Gesellschaft, Medien, Technik.Tags: Abhängigkeit, Computer, Computerspiel, Medien, Sucht, World of Warcraft
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So lautete der Titel einer Reportage, die das Erste gestern Abend ausstrahlte. Anhand von drei verschiedenen Fällen dokumentieren die Autoren, dass Computerspiele Menschen so extrem fesseln können, dass deren gesamte reale Existenz nach und nach zerstört wird. Trotz der einseitigen Fixierung auf das Negativsymbol schlechthin für Spielsucht, World of Warcraft, gelingt es dem Film, die Objektivität zu wahren und mit einem ernsten aber nicht paranoiden Grundton auf die Gefahren hinzuweisen, die Computerspiele zumindest in einigen Fällen bergen.
Ich gebe es besser gleich zu Beginn dieses Artikels zu: Ich bin selbst leidenschaftlicher Computerspieler, und das schon seit mehr als zehn Jahren. Auf Objektivität kann ich mich also vermutlich nicht berufen, jedoch werde ich mich bemühen, möglichst viele Blickwinkel zu bedenken. Obschon ich die Dokumentation loben muss, möchte ich nämlich einige der Kernfragen, die dort zur Sprache kamen, näher betrachten und auch in Frage stellen.
Zum einen kann schon der Titel Missverständnisse hervorrufen, impliziert er doch, dass der Computer die Menschen süchtig macht. Dieser Sachverhalt ist so plakativ wie unwahr. Es mag sich als bloße Spitzfindigkeit ausnehmen, aber: Süchtig wird der Mensch, ob mit oder ohne Motiv. Der Computer oder auch nur ein Stück Software können aber kein Motiv haben – diese Überschrift verleitet aber dazu, die „Schuld“ (sofern es diese gibt) bei einem Objekt zu vermuten. Diese Möglichkeit ist jedoch sehr fragwürdig. Wie sogar im Film zu sehen war, sind es nämlich Vorgänge im Gehirn, die unser Verlangen nach etwas steigern oder senken. Im Falle der Spielsucht ist es also in erster Linie eine psychische Abhängigkeit; Mensch möchte sich gut fühlen und dieses Gefühl – Glück, Wohlbefinden – erzeugen gewisse Stoffe, die ausgeschüttet werden wenn Mensch Situationen so durchlebt, dass er sich siegreich, zufrieden, gut fühlen kann. Die Übertragung auf ein Spiel, ich nehme das Lieblingsbeispiel World of Warcraft, ist denkbar einfach: Belohnungen sind der rote Faden eines jeden Rollenspiels – für Nichts und wieder Nichts oder aus Spaß an der Freude spielen nur die Wenigsten. Vielmehr sind es kurz-, mittel- und langfristige Ziele, die Spieler antreiben, bei der Sache zu bleiben. Misserfolge frusten zunächst kaum, sind sie doch wenigstens am Anfang spärlich vorzufinden – und später ist es das eine große Erfolgserlebnis, das über die nun massiv auftretenden Niederlagen hinweghilft. Der Dämon „Sucht“ ist hier also gar nicht übernatürlich sondern ein außerordentlich normales, menschlich-biologisches Phänomen, das die Natur nicht ohne Grund ersonnen hat. Manchen Menschen sagt diese Erniedrigung, also die Einsicht, dass wir Menschen nur einen begrenzt
freien Willen haben, natürlich nicht zu – so liegt es Nahe, den Schuldigen an anderer Stelle zu vermuten.
Nun aber genug mit dieser Wortklauberei. Viel wichtiger in meinen Augen ist die Frage, warum es überhaupt Spielsüchtige gibt, oder warum so viele nicht süchtig werden. Ich bin ein Mensch, der sich selten die Freiheit nimmt, alles nur mit seiner eigenen Perspektive begründen zu wollen. Diese Art der Geringschätzung des Anderen war mir immer zuwider. Allerdings stelle ich mir gerade in diesem Fall – ich spiele und spielte ja selbst lange genug, ohne süchtig zu werden – schon die Frage, ob ich und die Millionen Menschen, die einen normalen Umgang mit all den Verführungen unserer Welt pflegen, irgendwie anders sind? Warum werde ich nicht abhängig? Zweifelsohne gibt es ja diese krassen Auswüchse, aus denen sich die Betroffenen nicht mehr befreien können; auch hier waren die Beispiele der Reportage anschaulich und dramatisch; und die Abhängigen waren allesamt aus gutem Hause – das Lied vom ohnehin kaputten Leben, das sich nun in eine wie auch immer geartete Sucht flüchtet, es stimmt so gar nicht – gerade Computer, Spiele dafür und Onlinespiele insbesondere sind nämlich absolute Luxusgüter, die so vielen Menschen nicht zur Verfügung stehen. Zwar sind auch Alkohol und Zigaretten gewissermaßen Genuss- und Luxusartikel; aber allemal einfacher und günstiger zu haben als ein PC. Dennoch, auch wenn einige der gezeigten Personen über ein intaktes Berufsleben, über Freunde und Hobbies verfügt haben: Ich komme nicht ganz dahinter, wie sie das alles für ein Spiel aufgeben konnten. Ich werde also doch einmal von mir ausgehen müssen:
In den frühen Kinderjahren hatte ich großen Spaß mit allerhand Spielzeugen. Auch das Fernsehprogramm war von Interesse, als ich mich als Frühaufsteher mit 6, 7 Jahren am Samstagmorgen still und leise beschäftigen musste, weil alles noch schlief. Irgendwann hatte ich dann auch meinen eigenes Gerät, wenn auch nur ausgewählte Programme. Ich zappte mich durch, und entschied mich manchmal dafür, viel Zeit mit der Glotze zu verbringen. Viel öfter, das kam mit der Zeit von selbst, ließ ich das Ding aber ausgeschaltet. Lego, Freunde und vor allem Bücher fand ich spannender. Irgendwann erzählten dann viele andere Kinder von ihren Nintendos und Gameboys – doch meine Eltern haben mir nie so ein Gerät gegeben. Dafür bekam ich bereits mit acht Jahren einen PC und einige Spiele, die schon damals alt waren. Hauptsächlich sollte und musste ich den Computer aber zum Lernen benutzen. Freilich kamen mit der Zeit und dem steigenden Taschengeld immer mehr Spiele hinzu – Anno 1602 oder diverse andere Simulationen fesselten mich ziemlich - aber meine Eltern zogen eben den Stecker, wenn ich mal gar nicht von der Kiste weg wollte. Außerdem war da noch die Schule, und meine Freunde wollte ich eigentlich auch sehen, und Lesen war nach wie vor mein größtes Hobby. Auch das Internet änderte daran wenig, zu Beginn war es mir schlichtweg zu langsam, und in Zeiten von DSL hatte ich selten Geld übrig, um die immensen Kosten von World of Warcraft zu tragen – meine Eltern hätten mir das ohnehin nie gezahlt. So habe ich erst sehr spät meinen lang gehegten Wunsch verwirklicht und dieses ach so tolle WoW ausprobiert. Es hat mir gefallen, ich habe es in zwei Monaten ziemlich ausgiebig gespielt, einen Charakter auf Level 53 gebracht – und wieder aufgehört. Denn, wie bei allen Spielen: Es ist immer nur Schema F – und das kennt man irgendwann. Und dann ist ein Spiel für mich einfach nicht interessant genug, dass ich dafür Stunden oder gar Tage opfere.
Für mich – und ich kann das nur aus meiner Sicht schildern – stellt sich das Problem als ziemlich einfach zu vermeiden dar: Alles in Maßen genießen. So kann man eigentlich nur schwer in die Zwangslage geraten, tatsächlich süchtig zu sein – und dann ist es wirklich ein großes Problem. Ein mittlerweile 40-jähriger ehemaliger Systemadministrator war das krasseste Beispiel der Doku: Ehemalig – wegen einem Spiel. Und Frau, Geld, Freunde – das ist auch alles weg. Ein Entzug war zwar erfolgreich – aber der Arbeitsplatz am Computer ist ein denkbar schlechter Ausgangspunkt, all das hinter sich zu lassen. Die Reportage hat ein offenes Ende.
Festzustellen ist: Computer(-spiele) können süchtig machen. Im Gegensatz zu Drogen ist dabei kein körperfremder Stoff erforderlich, der das Abhängigkeitsverhältnis verursacht – diese neuere Form der Sucht ist in der Psyche verankert. Allerdings ist auch genau das ein Grund dafür, dass eine Computersucht unbemerkt und schnell eintritt. Ich bin wahrlich kein Freund von neoliberalistischen Slogans, die mehr Eigenverantwortung fordern und damit den Abbau von Unterstützungseinrichtungen meinen. Aber die Computersucht scheint relativ einfach zu verhindern zu sein: Der gesunde Menschenverstand sollte bei den meisten Menschen ausreichen, um die Kiste dann und wann abzuschalten.



