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Aktive Sterbehilfe als Chance 29. November 2008

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58 Prozent der Deutschen befürworten die Möglichkeit, das Leben schwerkranker Menschen auf deren Wunsch hin zu beenden. Das ergab die letzte repräsentative Umfrage der Allensbacher Meinungsforscher zu diesem Thema. Bei einer Einschränkung des Begriffs auf den durch einen Arzt assistierten Suizid stimmen laut TNS Forschung sogar 69 Prozent der Legalisierung aktiver Sterbehilfe zu. Trotz der großen Zustimmung, die beide Definitionen erhalten: Gerade die möglichen Folgen eines zu weit gefassten Begriffs sind es, die die Gegner der aktiven Sterbehilfe beschäftigen. Deshalb ist es umso wichtiger klarzustellen, was damit eigentlich gemeint ist. Die meisten Befürworter halten sich dabei an das niederländische Beispiel: Aktive Sterbehilfe gibt es dort als angewandten Begriff nicht, das Gesetz über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung umfasst vielmehr alle legalen Formen der Lebensbeendigung. Darunter fällt auch der ärztlich assistierte Suizid, der auch in Deutschland legalisiert werden sollte.

Bisher macht sich ein Arzt, der einen Patienten auf dessen Wunsch hin durch Verabreichung eines tödlich dosierten Medikaments tötet, der „Tötung auf Verlangen“ schuldig. Das ist ein Straftatbestand (im Gegensatz zur Beihilfe zur Selbsttötung), und auch in den Niederlanden ist es das weiterhin. Jedoch sind Ärzte dort, wenn sie sich an genaue Vorgaben halten, von einer Strafe ausgenommen. Genau diese Regelung kann der durchaus berechtigten Sorge, bei einer Legalisierung würden auch Morde unter die aktive Sterbehilfe fallen, entgegenwirken. Gerade die kirchlich-religiöse Seite befürchtet außerdem einen Dammbruch für klassische christlich-europäische Werte, „die Unantastbarkeit der Würde des Lebens“ ginge verloren, mahnte der evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU im Jahr 2002. Doch auch diese Angst ist, betrachtet man die praktische Umsetzung des ärztlich assistierten Suizids in Belgien und den Niederlanden, unbegründet: Nur schwer kranke Menschen, die aus individueller wie fachlicher Sicht keine Hoffnung auf eine Besserung mehr haben, können überhaupt Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Die aktive Sterbehilfe wiederum richtet sich nur an die kleinere Gruppe derer, für die auch palliative Methoden keine Leidensminderung mehr darstellen. Wenn Menschen nach ausgiebiger Beratung und Information durch Ärzte – auch das schreibt der niederländische Gesetzestext vor – den Entschluss fassen, ihr Leben beenden lassen zu wollen, so ist das völlig legitim. Für einen humanen Tod besteht dort dann die letzte Alternative in Form des assistierten Suizids – jedoch nur, wenn ein ausdrücklicher Wille und das Urteil eines zweiten Arztes vorliegen. Ist der Sterbefall gemeldet muss eine Kontrollkommission das sorgfältige Handeln des Arztes bestätigen, nur dann wird von juristischen Schritten abgesehen. Diese Vorgaben sind so aufwändig wie notwendig, nur so werden die Quellen für Fehler und Möglichkeiten des Missbrauchs auf ein Minimum reduziert. Übrigens führt die Komplexität des Verfahrens dazu, dass die Sterbehilfe nur in etwa einem Drittel der Fälle überhaupt in Anspruch genommen werden kann. Insgesamt ist die Zahl der Sterbefälle durch aktive direkte Sterbehilfe seit In-Kraft-treten des Gesetztes 2001 rückläufig: Gegenüber 3500 Menschen im Jahr 2001, ließen 2005 nur noch 2325 Patienten ihr Leben durch einen Arzt beenden. Als Gewissheit ist diese Möglichkeit aber weiterhin wichtig, wissen sie doch um die Möglichkeit, einem unerträglichen Leidensweg entkommen zu können. Mit dem Leidensweg befassen sich auch die Gegenstimmen aus der Hospizbewegung. Wie die Förderer der Palliativmedizin verweisen sie auf die umfassenden Möglichkeiten der modernen Schmerztherapie. Mit Blick auf Roger Kuschs Sterbemaschine und Firmen wie Dignitas verweisen sie auf die Leidenslinderung, die einen natürlichen Tod ohne oder mit wenig Schmerzen in Opposition zur aktiven Sterbehilfe rückt. Allerdings ist genau diese Opposition ein Fehlschluss. Im Gegenteil: Aktive Sterbehilfe und die Schmerztherapie ergänzen sich sozusagen. Die Statistik nennt Krebskranke als größte Gruppe derjenigen, die aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Gerade bei Krebskrankheiten ist aber die Palliativmedizin oft sehr früh im Krankheitsverkauf gefordert. Während aber für die größte Gruppe von Patienten der Tod im Krankheitsverlauf durch die Schmerztherapie möglich wird, gibt es auch Patienten, denen mit Medikamenten das sterbe und seelische Leiden nicht mehr erträglich gemacht werden kann. So ist es nur logisch, dass das Belgische Gesetz den Ausbau der Palliativmedizin mit zur Voraussetzung für die Freigabe der aktiven Sterbehilfe erklärt hat. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Leiden zu mindern, so dass Patienten den Tod als Option vielleicht nicht mehr wählen müsse. Nur bei den allerschwersten Fälle soll und kann der ärztlich assistierte Suizid die letzte Möglichkeit des humanen Sterbens sein. Denn das ist ein Recht, dass nicht für jeden offensichtlich ist. Angesichts des „Rechts auf ein würdevolles Leben“ sollte man aber entweder den Sterbeprozess mit einbeziehen, oder aber ausdrücklich daneben stellen. Verwunderlich ist indes, dass auch hier wieder irrationale weltanschauliche Gründe gegen den ärztlich assistierten Suizid angeführt werden. Da wird Sterbenskranken unterschwellig Feigheit angekreidet, wird auf das Leiden Christi verwiesen und das das Leiden zum Leben gehöre. Die holländische Bischofskonferenz hält das in die Hand nehmen des eigenen Leidens für nicht vereinbar mit der Macht Gottes über das menschliche Leben. Aber auch weniger gläubige Menschen sehen im selbst verfügten Tod zuweilen Egoismus oder Verantwortungslosigkeit gegenüber den Mitmenschen. Verantwortungslos sind diese Standpunkte, nicht aber Menschen, die sich nach reiflicher Überlegung für den Tod entscheiden. Auch die Entscheidung für den Tod, die heutzutage eine beinahe täglich aufkommende Thematik ist, wird in Frage gestellt. Manche Gegner sehen die Aktualität des freiwilligen Tods in unserer Gesellschaft begründet. Der Individualismus der Moderne oder gar der Egoismus der Patienten müssen herhalten, um aktive Sterbehilfe zu verdammen. Es gehört schon einiges dazu, einem schwer Kranken zu erklären, er ziehe sich quasi vorzeitig aus der Affäre. Deshalb möchte ich auf diese Unterstellungen nicht weiter eingehen. Indes, mit unserer Gesellschaft und Zeit hat die Aktualität von Sterbehilfe nur bedingt zu tun. Freilich, wir werden immer älter und wollen immer länger jung bleiben, gleichzeitig treten mit zunehmendem Alter Krankheiten auf, die es früher nicht so häufig gab. Trotzdem haben den Begriff Euthanasie bereits die Griechen erfunden. Ein grundsätzliches Interesse an einem würdevollen Lebensende bestand also schon damals. Allerdings zeigt die Praxis in Sparta, für minderwertig erachtete Säuglinge zu töten oder auszusetzen, das die Missbrauchsgefahr schon damals groß war. Mit dem Eid des Hippokrates kam sozusagen die Leidensminderung hinzu, die den „guten Tod“ durch Ärzte aber verbot. Und im Hinblick auf den Schwerpunkt der Medizin, Leben zu erhalten, ist das vollkommen richtig. Erst die Nationalsozialisten missbrauchten Euthanasie in so einer abscheulichen Art und Weise, das der Begriff noch für lange Zeit negativ besetzt sein wird. Allerdings ist der „ärztlich assistiere Suizid“ aufgrund der engeren Definition ohnehin besser geeignet.

Festzuhalten ist: Gegnern wie Befürwortern geht es (hoffentlich) um das Wohl der Patienten. Und genau deswegen ist eine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe auf Dauer unumgänglich. Die meisten Gegenargumente rühren von Ängsten und Befürchtungen, die einzig und allein genaue Vorgaben und Kontrollinstanzen unnötig machen können. Eine Kommerzialisierung des Sterbens, die Tötung auch heilbar kranker aus ökonomischen Gründen, das Beseitigen von Verwandten unter dem Deckmantel der aktiven Sterbehilfe sind so weitestgehend ausgeschlossen. Und auch die Hospizbewegung muss sich eigentlich keine Sorgen machen. Im Gegenteil: In den Niederlanden gibt es mehr Patienten, die sich palliativ behandeln lassen, als je zuvor. Offensichtlich gibt die Gewissheit, dem Leiden gegebenenfalls ein selbst bestimmtes Ende geben zu können, den Kranken Kraft. Diese Erfahrungen gibt es auch in Belgien und dem US-Bundesstaat Oregon, die ebenfalls Gesetze haben, die den ärztlich assistierten Suizid straffrei handhaben können. Das selbstbestimmte Sterben hat eben nicht automatisch die berühmte „slipery slope“ zur Folge, und die genannten Beispiele zeigen, dass sich ärztliches Handeln für das Leben und für das Sterben nicht ausschließen müssen, sondern sich ergänzen können.

 

 

 

 

 

 

Ziemlich einfach zu beeindrucken – Ein Sonntag auf der Games Convention 28. August 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien.
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Vor etwas mehr als vierzig Jahren brauchte es noch eine Hand voll Dollar um Clint Eastwood anzustacheln im gleichnamigen Film sein Leben auf Spiel zu setzen. Nun gut, die Zeiten des Italo-Western sind vorbei, und heute machen Menschen für Geld zwar nicht alles, aber dafür sogar für geringe Beträge so Einiges. Eine Steigerung dieser, ich nenne es: kostengünstigen Käuflichkeit, ist mir vergangenen Sonntag auf der Games Convention in Leipzig aufgefallen: Tausende Besucher aus der nicht nur für die Spielebranche interessanten Gruppe der 19- bis 39-jährigen gaben dort ihre Adressen preis – für eine Hand voll: Schlüsselbänder. Kugelschreiber. T-Shirts.

Ich denke, mir fiel diese streubombenartige Praxis vor allem deshalb auf, weil ja seit Wochen von illegalem Datenhandel die Rede ist. Komisch, dass dann scheinbar die 199.000 anderen Menschen keine Nachrichten schauen (okay, wenn gerade eine WoW-Raid ist kann man nicht einfach zur Tagesschau wechseln). Jedenfalls hatten zahlreiche Besucher auf der Leipziger Games Convention kein Problem damit, ihre Daten für Merchandise-Artikel auf postkartengroße Kärtchen zu schreiben, dabei gleich noch an Gewinnspielen anderer Firmen teilzunehmen und die Daten somit auch an Dritte weiterzugeben. Keine Spur von Misstrauen, keine Spur von Nachdenklichkeit.

Ein Szenenwechsel: In Halle Vier drängen sich Nerds, Geeks, Gamer, Fans, Freaks, Eltern und diverse Gestalten um einen größeren Messestand. Er gehört der Firma Speedlink, die Zubehör für Konsolen und Computer vertreibt, hauptsächlich solches, dass man für Spiele benötigt: Lenkräder, Mäuse, Tastaturen. Auf der Bühne schreit ein Typ herum, die Menge jubelt und kreischt – Tokio Hotel lässt grüßen (nur das dort Mädchen den Lärm machen, hier sind es vor allem Anhänger des männlichen Geschlechts). Bei genauerem Hinhören erschließt sich der Slogan des Hardwareunternehmens: Speedlink! Speedlink! Lauter! Macht mit! Und die Menschen machen mit. Neben mir drängelt sich eine kleine dicke Frau nach vorne, mit glänzenden Augen und ausgestreckten Händen harrt sie der Dinge, die auf diese Liturgie folgen werden: Im selben Moment katapultieren der Anheizer und seine Helfer massenweise T-Shirts mit dem Firmennamen in die Menge – schreiend stürzen sich die Menschen darauf.

Was soll uns diese Szene sagen? Der Mensch ist doch näher am Tier als bisher angenommen? Lasst mir die armen Tiere mit diesen beleidigenden Vergleichen in Ruhe! Nein, diese Begebenheit zeigt eigentlich nur, wie einfach man ganze Massen von Menschen begeistern kann – und am Ende mehr bekommt als man aufwenden muss. Und so gibt es auf Europas größter Computer- und Videospielmesse an allen Ecken und Enden Goodies. Oft für nichts, gerade in den letzten Stunden der Messe ist es schwer, den herumfliegenden T-Shirts auszuweichen. Ebenso oft aber muss der entertainmentsüchtige Messebesucher aber doch etwas tun: dumme Quizfragen beantworten, sich verkleiden, lauthals schreien. Das macht Eindruck und beschert wiederum weitere Zuschauer. Natürlich sind Schlüsselbänder aber nicht der wahre Grund dafür, dass der Jäger- und Sammlertrieb so krass hervortritt. Denn neben billigen Tricks offerieren die Spieleverlage ja tatsächlich auch Preise, die sich sehen lassen können: Grafikkarten, Computer, Softwarepakete. Das lässt das Herz eines Spielers wirklich höher schlagen, das will jeder abgreifen. Doch neben den wenigen Glücklichen, die wirklich etwas Brauchbares gewinnen, stehen Zehntausende, die letzten Endes für ein Schlüsselband ihre Adresse weitergegeben haben – und die kostet normalerweise Geld.

Dabei sein ist alles!? 18. August 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht, Weltweit.
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Dieser Satz – den Pierre de Coubertin so vermutlich nie gesagt hat – wird immer wieder gerne zitiert. Bei der Fußball-Europameisterschaft etwa, bei vielen anderen Sportveranstaltungen und wohl in so ziemlich jedem Verein dürfte dieser Satz in der Vergangenheit unzählige Male gefallen sein. „Das Wichtigste bei den olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen“, der Satz den der Inititator der Olympischen Spiele der Neuzeit tatsächlich gesagt haben soll, ist vom Sinn her zwar beinahe gleichbedeutend – aber eben nur beinahe. Wenn ich, was nicht so häufig geschieht, doch einmal einige Berichte aus Peking lese oder sehe, sofällt mir immer wieder eine krasse Diskrepanz zwischen diesem abgenutzten Spruch und der Realität auf: „Dabei sein“, das ist nicht alles, sondern quasi nichts. Ich befasse mich zu wenig mit Olympia, als das ich jegliche Gewähr auf meine Vermutung geben könnte, aber ich halte sie dennoch für ziemlich richtig: Deutschland ist eines der teilnehmenden Länder, in denen die Athleten ohne Medaille am weitesten entfernt davon sind, für ihre Leistungen Anerkennung zu bekommen. Prämiert wird von den Deutschen (Medien) nur die Medaille, vorzugsweise die Goldene, und nicht die Leistung.

Nun gut, ich bin da vielleicht sehr eigen, wie ich es schon zur EM im Juni beschrieben habe. Ich kann mit Stolz und Gejubel ob irgendeines „Sieges“ nicht viel anfangen. Ich finde es schön, oder eben auch nicht. Aber mehr als eine Minute interessiert mich das nicht. Nun, die Reporter bei ARD und ZDF reden von dem „undankbaren“ 4. Platz oder gar noch weiter von Medaillen entfernten Platzierungen auch nicht viel länger als ein paar Minuten. Denn: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Nur wer etwas leistet, wird belohnt. So weit die Theorie. In der Realität stellt sich die Situation sogar noch differenzierter dar: Nur die besten Leistungen werden belohnt. Denn eigentlich, so die Logik einiger Medien, Menschen und Marktwirtschaftsinitiativen, ist nur Bestleistung Leistung. Bestleistung entsteht nämlich durch Anstrengung, Perfektion, Konzentration – eine „gute Leistung“ ist also sozusagen unvollständig, ergo spielt da doch Faulheit mit! Capiche? Ganz einfach, oder?

Und so kommt es, dass Beckmann, Kerner und wie sie alle heißen beinahe täglich einerseits mit ihren blöden Rückfragen die Athleten belästigen (die stets mitklingende Frage „Du bist doch mit Silber/Bronze auch nicht zufrieden, oder?“), andererseits die Athleten selbst unter einem ungeheuren Erfolgsdruck stehen. Natürlich könnte ein Sportler hier über die Notwendigkeit von Druck schreiben, ich als Laie bezweifle aber ausdrücklich eben diese. Das in Deutschland Leistungen jenseits der Top Drei nicht oder kaum Aufmerksamkeit erregen geschweige denn Würdigung erfahren führt dann auch zu interessanten Rechnereien mit dem hierzulande so beliebten Medaillenspiegel: Zwar sind wir mit unseren Goldmedaillen immer wieder recht weit vorne. Doch ist die Gesamtzahl errungener Medaillen vergleichsweise gering – hier übertrumpft uns zur Erstellungszeit des Artikels beispielsweise Frankreich, das viel weniger Goldmedaillen hat. Und, ich wage eine weitere Vermutung: Würde man jeweils die fünft best platzierten Athleten einer Disziplin mitrechnen – der Medaillenspiegel sähe ganz anders aus.

Zurück zum Leistungsdruck. Bei Olympia fällt er zumindest mir extrem auf, es werden sich wohl noch einige mehr daran stoßen. Allerdings ist Olympia ein nur alle vier bzw. zwei Jahre wiederkehrendes Ereignis. Die Nichtanerkennung von Leistung ist jedoch allgegenwärtig: Ob bei jedweden Sportereignissen im Fußballverein von Hintertupfingen oder in der Schule: „Mit einer drei oder vier brauchst du nicht nach Hause kommen!“, so der mitsummende, nicht immer hörbare, Unterton. Solange wir es nicht auf die Reihe bekommen, Anstrengungen zu belohnen und nicht immer nur Ergebnisse, wird unser Land gerade auch in der Bildung nicht zu den Spitzenreitern gehören. „Dabei sein“ im Sinne einer ehrlichen, bemühten und hintergründigen Teilnahme an Unterricht, Sport oder eben Olympia – das sollte das Ziel sein. Auch wenn immer davon die Rede ist, Gold sei an der Börse eine sichere Anlagemöglichkeit: Edelmetalle verlieren von Zeit zu Zeit an Wert. Es wäre schön, wenn dies auch für Medaillen gelten würde.

Wenn der Computer süchtig macht 13. August 2008

Posted by frischmax in Computerspiel, Gesellschaft, Medien, Technik.
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Wenn der PC die Zeit stiehlt
Wenn der PC die Zeit stiehlt

So lautete der Titel einer Reportage, die das Erste gestern Abend ausstrahlte. Anhand von drei verschiedenen Fällen dokumentieren die Autoren, dass Computerspiele Menschen so extrem fesseln können, dass deren gesamte reale Existenz nach und nach zerstört wird. Trotz der einseitigen Fixierung auf das Negativsymbol schlechthin für Spielsucht, World of Warcraft, gelingt es dem Film, die Objektivität zu wahren und mit einem ernsten aber nicht paranoiden Grundton auf die Gefahren hinzuweisen, die Computerspiele zumindest in einigen Fällen bergen.

Ich gebe es besser gleich zu Beginn dieses Artikels zu: Ich bin selbst leidenschaftlicher Computerspieler, und das schon seit mehr als zehn Jahren. Auf Objektivität kann ich mich also vermutlich nicht berufen, jedoch werde ich mich bemühen, möglichst viele Blickwinkel zu bedenken. Obschon ich die Dokumentation loben muss, möchte ich nämlich einige der Kernfragen, die dort zur Sprache kamen, näher betrachten und auch in Frage stellen.

Zum einen kann schon der Titel Missverständnisse hervorrufen, impliziert er doch, dass der Computer die Menschen süchtig macht. Dieser Sachverhalt ist so plakativ wie unwahr. Es mag sich als bloße Spitzfindigkeit ausnehmen, aber: Süchtig wird der Mensch, ob mit oder ohne Motiv. Der Computer oder auch nur ein Stück Software können aber kein Motiv haben – diese Überschrift verleitet aber dazu, die „Schuld“ (sofern es diese gibt) bei einem Objekt zu vermuten. Diese Möglichkeit ist jedoch sehr fragwürdig. Wie sogar im Film zu sehen war, sind es nämlich Vorgänge im Gehirn, die unser Verlangen nach etwas steigern oder senken. Im Falle der Spielsucht ist es also in erster Linie eine psychische Abhängigkeit; Mensch möchte sich gut fühlen und dieses Gefühl – Glück, Wohlbefinden – erzeugen gewisse Stoffe, die ausgeschüttet werden wenn Mensch Situationen so durchlebt, dass er sich siegreich, zufrieden, gut fühlen kann. Die Übertragung auf ein Spiel, ich nehme das Lieblingsbeispiel World of Warcraft, ist denkbar einfach: Belohnungen sind der rote Faden eines jeden Rollenspiels – für Nichts und wieder Nichts oder aus Spaß an der Freude spielen nur die Wenigsten. Vielmehr sind es kurz-, mittel- und langfristige Ziele, die Spieler antreiben, bei der Sache zu bleiben. Misserfolge frusten zunächst kaum, sind sie doch wenigstens am Anfang spärlich vorzufinden – und später ist es das eine große Erfolgserlebnis, das über die nun massiv auftretenden Niederlagen hinweghilft. Der Dämon „Sucht“ ist hier also gar nicht übernatürlich sondern ein außerordentlich normales, menschlich-biologisches Phänomen, das die Natur nicht ohne Grund ersonnen hat. Manchen Menschen sagt diese Erniedrigung, also die Einsicht, dass wir Menschen nur einen begrenzt

WOW - der Sündenbock
WOW – der Sündenbock

freien Willen haben, natürlich nicht zu – so liegt es Nahe, den Schuldigen an anderer Stelle zu vermuten.

Nun aber genug mit dieser Wortklauberei. Viel wichtiger in meinen Augen ist die Frage, warum es überhaupt Spielsüchtige gibt, oder warum so viele nicht süchtig werden. Ich bin ein Mensch, der sich selten die Freiheit nimmt, alles nur mit seiner eigenen Perspektive begründen zu wollen. Diese Art der Geringschätzung des Anderen war mir immer zuwider. Allerdings stelle ich mir gerade in diesem Fall – ich spiele und spielte ja selbst lange genug, ohne süchtig zu werden – schon die Frage, ob ich und die Millionen Menschen, die einen normalen Umgang mit all den Verführungen unserer Welt pflegen, irgendwie anders sind? Warum werde ich nicht abhängig? Zweifelsohne gibt es ja diese krassen Auswüchse, aus denen sich die Betroffenen nicht mehr befreien können; auch hier waren die Beispiele der Reportage anschaulich und dramatisch; und die Abhängigen waren allesamt aus gutem Hause – das Lied vom ohnehin kaputten Leben, das sich nun in eine wie auch immer geartete Sucht flüchtet, es stimmt so gar nicht – gerade Computer, Spiele dafür und Onlinespiele insbesondere sind nämlich absolute Luxusgüter, die so vielen Menschen nicht zur Verfügung stehen. Zwar sind auch Alkohol und Zigaretten gewissermaßen Genuss- und Luxusartikel; aber allemal einfacher und günstiger zu haben als ein PC. Dennoch, auch wenn einige der gezeigten Personen über ein intaktes Berufsleben, über Freunde und Hobbies verfügt haben: Ich komme nicht ganz dahinter, wie sie das alles für ein Spiel aufgeben konnten. Ich werde also doch einmal von mir ausgehen müssen:

In den frühen Kinderjahren hatte ich großen Spaß mit allerhand Spielzeugen. Auch das Fernsehprogramm war von Interesse, als ich mich als Frühaufsteher mit 6, 7 Jahren am Samstagmorgen still und leise beschäftigen musste, weil alles noch schlief. Irgendwann hatte ich dann auch meinen eigenes Gerät, wenn auch nur ausgewählte Programme. Ich zappte mich durch, und entschied mich manchmal dafür, viel Zeit mit der Glotze zu verbringen. Viel öfter, das kam mit der Zeit von selbst, ließ ich das Ding aber ausgeschaltet. Lego, Freunde und vor allem Bücher fand ich spannender. Irgendwann erzählten dann viele andere Kinder von ihren Nintendos und Gameboys – doch meine Eltern haben mir nie so ein Gerät gegeben. Dafür bekam ich bereits mit acht Jahren einen PC und einige Spiele, die schon damals alt waren. Hauptsächlich sollte und musste ich den Computer aber zum Lernen benutzen. Freilich kamen mit der Zeit und dem steigenden Taschengeld immer mehr Spiele hinzu – Anno 1602 oder diverse andere Simulationen fesselten mich ziemlich - aber meine Eltern zogen eben den Stecker, wenn ich mal gar nicht von der Kiste weg wollte. Außerdem war da noch die Schule, und meine Freunde wollte ich eigentlich auch sehen, und Lesen war nach wie vor mein größtes Hobby. Auch das Internet änderte daran wenig, zu Beginn war es mir schlichtweg zu langsam, und in Zeiten von DSL hatte ich selten Geld übrig, um die immensen Kosten von World of Warcraft zu tragen – meine Eltern hätten mir das ohnehin nie gezahlt. So habe ich erst sehr spät meinen lang gehegten Wunsch verwirklicht und dieses ach so tolle WoW ausprobiert. Es hat mir gefallen, ich habe es in zwei Monaten ziemlich ausgiebig gespielt, einen Charakter auf Level 53 gebracht – und wieder aufgehört. Denn, wie bei allen Spielen: Es ist immer nur Schema F – und das kennt man irgendwann. Und dann ist ein Spiel für mich einfach nicht interessant genug, dass ich dafür Stunden oder gar Tage opfere.

Sucht
Sucht

Für mich – und ich kann das nur aus meiner Sicht schildern – stellt sich das Problem als ziemlich einfach zu vermeiden dar: Alles in Maßen genießen. So kann man eigentlich nur schwer in die Zwangslage geraten, tatsächlich süchtig zu sein – und dann ist es wirklich ein großes Problem. Ein mittlerweile 40-jähriger ehemaliger Systemadministrator war das krasseste Beispiel der Doku: Ehemalig – wegen einem Spiel. Und Frau, Geld, Freunde – das ist auch alles weg. Ein Entzug war zwar erfolgreich – aber der Arbeitsplatz am Computer ist ein denkbar schlechter Ausgangspunkt, all das hinter sich zu lassen. Die Reportage hat ein offenes Ende.

Festzustellen ist: Computer(-spiele) können süchtig machen. Im Gegensatz zu Drogen ist dabei kein körperfremder Stoff erforderlich, der das Abhängigkeitsverhältnis verursacht – diese neuere Form der Sucht ist in der Psyche verankert. Allerdings ist auch genau das ein Grund dafür, dass eine Computersucht unbemerkt und schnell eintritt. Ich bin wahrlich kein Freund von neoliberalistischen Slogans, die mehr Eigenverantwortung fordern und damit den Abbau von Unterstützungseinrichtungen meinen. Aber die Computersucht scheint relativ einfach zu verhindern zu sein: Der gesunde Menschenverstand sollte bei den meisten Menschen ausreichen, um die Kiste dann und wann abzuschalten.

Obama(manamana) 24. Juli 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Medien.
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Würde Jesus ausgerechnet in Berlin auf die Erde herabkommen (sofern es ihn gibt), er würde vermutlich auch vor der Siegessäule sprechen. Das heißt, soweit die Ankunft des Messiahs überhaupt jemanden interessieren würde. Schließlich haben wir etwas viel besseres: Obama. Barack Obama, noch nicht einmal designierter Präsidentschaftskandidat der Demokraten, ruft hierzulande (und nicht nur hier) eine Euphorie hervor, die normalerweise nur der Fußballnationalelf entgegenfiebert wenn diese sich vor dem Brandenburger Tor feiern lässt.

Aber sei’s drum. Schließlich ist die EM schon fast vier Wochen her, und da die Aktienkurse, Geschäftsklima und Konsum mal wieder ins Bodenlose stürzen. berauschen wir uns dieses Mal eben an einem Schwarzen, der vielleicht Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden wird. Während es aber bei Fußballmannschaften tatsächlich kaum Hintergründe gibt, die man wissen müsste, bevor man sich der Stimmung hingibt, sieht es im Fall Obama anders aus: Er ist Politiker. Politiker in der mächtigsten Nation der Welt und demnächst vielleicht deren Anführer. Und im Gegensatz zu Popstars, die nur in Ausnahmefällen eine „Message“ bereithalten um mit etwas anderem als nur ihrem Image zu glänzen, sollte es bei Politikern besser nur um die Botschaft, die Prinzipien und Ideen gehen, kurz: Um die Politik!

Bei Obama ist aber auch das, nunja, anders. Wie gesagt, er spricht als Nochnichtmal-Kandidat vor der Siegessäule und nicht vor dem Brandenburger Tor wo einige Präsidenten zwar markige Sprüche abgelassen haben aber darin durchaus auch Inhalte transportierten (umso trauriger, dass dort mittlerweile ein Oliver Pocher miserabel singen darf). Obama braucht, das hat man heute bei seiner Ansprache gemerkt, weder markige Sprüche noch Inhalte, um 200.000 Menschen zu faszinieren. Kennedy musste sich immerhin mit der deutschen Sprache rumschlagen, Obama blieb bei seiner Muttersprache – und auch in dieser verstieg er sich nicht zu rhetorischen Glanzleistungen, schon gar nicht zu gewichtigen Worten.

Bei aller Kritik möchte ich aber auch noch einmal auf ein Wichtiges Merkmal dieses Polit-Messiahs verweisen: Er ist eben nur Fast-Kandidat. Somit kann er es sich logischerweise nicht herausnehmen, krasse politische Richtungsvorgaben oder konkrete Ideen in seine Werbetour in Europa mitaufzunehmen. Jedenfalls werden ihm das sämtliche Hundertschaften an Beratern ausgeredet haben, sollte er das vorgehabt haben. Aber auch jenseits des Wahlkampfkalküls kann ein internationales Greenhorn wie Obama nur sehr begrenzt hintergründige Reden halten.

Das alles tat der Stimmung freilich keinen Abbruch. Stundenlang schrien oder hauchten die Reporter ihre Begeisterung ob der begeisterten Menge mit der „gigantischen Begeisterung“ ins Mikrofon; erst als Obama auch nach 19:00 noch nicht in Sichtweite war, kam so etwas wie Nervosität und Ernüchterung auf: Der ist ja doch nur ein Mensch! Oh ja, das ist er. Besonders Messiah-like war seine Rede nämlich auch nicht, meiner Meinung nach hatte sie viel von einer Köhler-Rede, nur ohne diese krasse Sozialkritik (Ironie).

Und das Erwachen wird für viele dieser „Obamania“-Fans vielleicht nicht böse, aber doch unsanft, wenn sie feststellen: Obama ist ein Politiker. Und Politiker sind meistens nur für bestimmte Zeiträume daran interessiert, wieviele Menschen ihnen entgegenjubeln.

In diesem Sinne: (Obama)manamana

Ein gewollter Mythos 15. Juli 2008

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Im Februar 2009 soll er nun vorrausichtlich in den deutschen Kinos anlaufen: Valkyrie, die Hollywood-Fassung des Mythos um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Schon während der Dreharbeiten 2007 gab es verschiedenste Proteste gegen das Projekt und vor allem gegen den Schauspieler Tom Cruise, der dem letzten deutschen Helden die passende Figur und ein massentaugliches Antlitz leihen wird. Ein Scientology-Mann im Bendlerblock, jenem Ort der die so gebeutelte Nation immer wieder in der ach so ehrlichen Betroffenheit ob der Vergangenheit innehalten lässt? Nein, das darf nicht sein. Ein Verfechter einer autoritären und möglicherweise faschistischen Ideologie als Stauffenberg? Das passt doch nicht, schließlich war Stauffenberg….der war doch…..dagegen!

Jaja, natürlich haben die Deutschen mit dem NS-Regime einen unverzeihlich großen Fehler begangen, keine Frage. Aber: Wir hatten doch auch Stauffenberg! Welt, schau’ her: Der war doch immerhin einer von den Guten! – Das geht mir durch den Kopf wenn ich an das Verhältnis meines Landes zu einem Widerständler denke. Und das geht mir durch den Kopf wenn ich Trailer oder Nachrichten von der Filmproduktion sehe. Hat all dieses Getue überhaupt etwas mit dem realen Stauffenberg zu tun?

Der junge Mann wuchs im deutschen Kaiserreich auf, verbrachte seine Jugend in der Weimarer Republik und machte Karriere im Dritten Reich bevor er jenes Attentat auf Htiler beging, auf das in Deutschland, so scheint es mir, beinahe ehrfurchtsvoll verwiesen wird, wenn über das NS-Regime geredet wird. Mit 20 wandte er sich den „Neupfadfindern“ zu, einer Bewegung die sich zunächst vom preußisch-kaiserlichen Militärgehabe abwandte, das in vielen anderen Jugendverbänden herrschte. Dennoch deutet ein Gelöbnis dieses Bundes schon auf die späteren Tätigkeiten des Claus Schenk Graf von Stauffenberg hin:

„Wir Pfadfinder wollen jung und fröhlich sein und mit Reinheit und innerer Wahrhaftigkeit unser Leben führen.
Wir wollen mit Rat und Tat bereit sein, wo immer es gilt, eine gute und gerechte Sache zu fördern.
Wir wollen unseren Führern, denen wir Vertrauen schenken, Gefolgschaft leisten.“

Gefolgschaft, Vertrauen, Pflichtbewusstsein – alles typisch deutsche Tugenden, und für einen jungenAdeligen natürlich umso wichtiger. Die brachte er auch dem Literaten Stefan George entgegen, der mit seiner Idee von einem (rein geistigen) Deutschen Reich auch den Nationalsozialisten gefiel – im Gegensatz zu manchen seiner Anhäger wandte sich George aber vom Dritten Reich ab. Nach dem Abitur machte Stauffenberg dann Karriere bei der Reichswehr und sprach sich 1932 gegen einen Reichspräsidenten Hindeburg und für Adolf Hitler aus; dessen Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 gefiel ihm ausdrücklich. Als Offizier war Claus Philip Maria bald an der Ausbildung der SA beteiligt. Auch in der Reichswehr machte er sich einen Namen, lehnte er doch schon damals existierende Umsturzpläne ab und hieß als Mitglied des Oberkommandos die Vereinheitlichung des Oberbefehlshabers von Heer und Wehrmacht in Adolf Hitlers Person gut. Man mag es geschmacklos finden, aber ich finde es durchaus interessant, dass der Umschwung in Stauffenbergs Haltung erst eintrat, als er schwer verwundet worden war. Festgemacht wird das Umdenken aber offiziell an der Reichspogromnacht. Die Verbrechen an den Juden und die seiner Ansicht nach schlechte militärische Führung führten dann letzten Endes zur Operation Walküre, und die ist es ja, die uns Deutsche interessiert: Wir waren nicht alle Nazis!, dass soll dieser Mann immer wieder bestätigen.

Filme wie Valkyrie und Lobhudeleien jährlich zum 20. Juli, Featuretten in den Medien – es fehlen nur noch Merchandising-Produkte. Aber vielleicht kommen ja das Spiel zum Film, die Action-Figur und das Brettspiel demnächst schon auf den Markt? Es ist beinahe ekelerregend, wie sehr die Person Stauffenberg glorifiziert wird. Da versteigt sich der Herausgeber einer renommierten deutschen Tageszeitung zu Äußerungen, die sogar den Darsteller dieser historischen Figur zu einem modernen Heilsbringer hochstilisieren. Hat unser Land wirklich ein so großes Identitätsproblem? Anscheinend schon, wenn wir auch Jahrzehnte nach den Geschehnissen noch immer nicht ungezwungen und emotionslos darüber reden können.

Die wahren Motive Stauffenbergs und der anderen Beteiligten werden sich wohl nicht mehr absolut klären lassen. Aber es gibt viele  (fundierte) Argumente, die für die Heldenfigur sprechen und eben auch viele, die eher einen Pragmatiker zeichnen. Verdammung und Seeligsprechung sind die beiden Seiten der Medaille, die Deutschland den „Freunden vom 20. Juli“ umhängen will, freilich sehen viele Menschen nur die glänzende, schöne Seite. Insofern ist der Mythos Stauffenberg symptomatisch für unser Verhältnis zum Nationalsozialismus. Genauso wie manche Menschen immer noch auf ihre nur aus normalen Soldaten bestehende Wehrmacht beharren, genauso wie viele „nichts gewusst“ haben wollen (und immer noch nicht wissen wollen) – genauso spinnen wir uns auch seit jahrzehnten eine märchenhafte, romantische Geschichte vom edlen, pflichtbewussten Ritter zusammen, der irgendwann die grausamen Pläne seines Herrn durchschaut hat und sich versucht hat zu wehren. Versucht hat – hier ist der springende Punkt: Haben die Deutschen nicht tief in ihrem (unsichtbaren und nicht belegbaren) Innersten doch einen Funken Widerstand getragen? Aber gewiss doch, wird „Valkyrie“ den Zuschauern zuflüstern. Und somit sind wir auch mehr als 75 Jahre danach noch nicht über die ganz und gar reale Vergangenheit des Dritten Reiches hinweg.

Wenn die Fernbedienung verschwindet 9. Juli 2008

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Wir leben schon in einer arg bequemen Zeit. Die Automatisierung des Alltags ist weit fortgeschritten, vom elektrischen, programmierbaren Rolladenheber über ferngesteuerte Küchenherde bishin zu Kühlschränken, die selbst nachbestellen, wenn die Vorräte zur Neige gehen. An andere bequeme Hilfsmittel im Haushalt haben wir uns schon so gewöhnt, dass sie gar nicht mehr als solche auffallen: Wer macht sich schon Gedanken über die Fernbedienung, mit der jeden Tag stundenlang die Bilderflut des Fernsehens dirigiert wird? Vielleicht hat sich Michale Haneke auch darüber Gedanken gemacht, als er 1997 „Funny Games“ drehte.

Es gibt jetzt, ziemlich genau zehn Jahre später, auch ein Remake „auf amerikanisch“, vom selben Regisseur, mit dem gleichen Drehbuch, das im Großen und Ganzen auch etwa genau so gut ist wie das Original. Ich möchte hier aber auf die Urversion Bezug nehmen, die zumindest für des Deutschen mächtige Zuschauer meiner Meinung nach atmosphärisch dichter herüberkommt als die Neuverfilmung. Dazu aber später mehr.

Der Plot des Films ist schnell erzählt (Achtung, Spoiler!) und liest sich nicht einmal besonders spannend oder innovativ: Eine spießige Mutter-Vater-Kind-Familie macht Urlaub in ihrem Ferienhaus am See. Kurz nach der Ankunft tauchen zwei unheimlich (und das ist wörtlich zu nehmen) nette junge Männer auf, die sich ganz plötzlich als sadistische Psychopathen entpuppen. Sie terrorisieren die Familie mit kleinen aber dafür umso heftiger wirkenden Schritten, verschiedenen „Spielen“ und Wetten, in die Katastrophe. Dabei ist der Kampf ums Überleben, das tatsächlich von Anfang an von den Verbrechern nicht vorgesehen ist, letzten Endes aussichtlos: Die Familie überlebt nicht, auch wenn sie sich nach Kräften wehrt.

Interessant und meiner Meinung nach wahnsinnig gut machen den Film die Details der Umsetzung: Das Familienidyll wird durch die überzeugenden Darsteller Ulrich Mühe und Susanne Lothar sehr plastisch umgesetzt. Es wirkt einfach echt und nachvollziehbar als die nette Hausfrau Anne dem ebenfalls netten und noch nicht auffälligen Psychopathen Eier borgt, als dieser vorgibt, sie für die Nachbarn zu holen. Bald darauf steht der aufdringlich freundliche Mann schon wieder in der Küche; er hat die Eier fallen gelassen und möchte schon wieder welche – auch diesen Wunsch erfüllt Anne nach kurzem Zögern, wenn auch leicht irritiert als sie vom Fremden darauf hingewiesen wird, dass sie ja noch welche habe. Langsam aber sicher kommt das Psychospiel in Gang, denn mit einem Mal steht schon der zweite, ganz in Weiß gekleidete Herr im Haus. Der Zuschauer muss hilflos mit ansehen, wie die nette Familie den irgendwie seltsamen Psychopathen ins Garn geht – denn bis zum Auftauchen des Zweiten hätte es noch die ein oder andere Chance gegeben. Doch als sich der hinzugekommene Hausherr endlich dazu durchringt, die lächelnden Männer rauszuschmeißen ist es zu spät: Fast nebenbei bricht Paul (Arno Frisch) ihm mit einem Golfschläger und ihn jenem liebenswerten österreichischen Dialekt das Bein. Die Spirale der Gewalt dreht sich von da an unaufhörlich weiter. Das Besondere ist, dass die psychische Gewalt das wirklich Grauenvolle ist. Immer wieder möchte man beim Zusehen den Akteuren zurufen: „Tu’s nicht! Geh’ weg!“. Immer wieder will man wegsehen, was so einfach dann doch nicht ist – der Voyeurismus ist schließlich ein Grundzug unserer Gesellschaft. Immer wieder wünscht man sich die Fernbedienung – doch die ist nicht da. Der Zuschauer ist dem Geschehen hilflos ausgeliefert.

Die Flucht- und Auflehnungsversuche der Familie wirken echt. Sehr oft versuchen Anna und Georg sich den Spielchen der beiden Psychopathen zu verweigern, noch öfter Scheitern Fluchtversuche. Hoffnung keimt auf, als der kleine Georg entkommt und zum Nachbarhaus rennt. Doch die Bekannten, ebenfalls ein Drei-Personen-Haushalt, sind tot – das kranke Duo scheint schon länger auf seiner Tournee des Sadismus zu sein. Schließlich wird der Junge eingefangen und es kommt zum provokativsten und krassesten Moment des Films: Mit „Ene, Mene, Miste“ zählen Peter und Paul aus, wer jetzt sterben soll: Es ist der Junge. Mit einem Gewehr wird er erschossen und diese Szene dürfte das FSK-18-Siegel erklären – allerdings ist die Tat selbs nicht zu sehen, da die Kamera Peter beim Brotschmieren zeigt – wie makaber und zugleich banal.

Die Eltern sind ob dieses Vorfalls psychotisch, geschockt und geben über Minuten hinweg alles auf – die Kamera hält drauf. Quälend lange spielen Urlrich Mühe und Susanne Lothar das Ehepaar, das fast alles verloren hat so wahnsinnig real – es kostet Übewindung, nicht abzuschalten. Doch plötzlich scheint der Horror vorbei zu sein; Peter und Paul sind fort und schließlich wagt Anna einen Fluchtversuch. Doch alle Ferienhäuser in der Nachbarschaft sind verlassen, und sie versteckt sich vor dem ersten vorbeifahrenden Auto – die Verbrecher könnten ja drin sein. Erst beim Zweiten springt sie aus der Deckung und – man ahnt es – geht dem Duo ins Netz. Resignation, Verzweilfung und Ohnmacht kann man Anna und Georg jetzt aus jedem Gesichtsaudruck, jeder Bewegung ablesen. Und trotzdem: Als die nach wie vor grausam höflichen Irren einmal unachtsam werden, greift die Mutter zum Gewehr und erschießt den Mörder ihres Sohnes. Doch diese Wendung, die gibt es in der Realität nicht oft – entspricht sie doch einem Wegschalten beim Fernsehen. Und so greift Paul zu einer Fernbedienung, denn er hat diese Option im Gegensatz zum Ehepaar und dem gelähmten Zuschauer, und spult zurück. Nun nimmt das Drama den richtigen, absoluten und konsequenten Verlauf: Georg stirbt durch das Gewehr und die Psychopathen fahren mit Anna auf den See, wo sie vor Ablauf der Galgenfrist versenkt wird. Kurze Zeit später klingeln Paul und Peter an einer Haustür.

Dieser Film ist grandios. Führt er doch all das vor, was in unserer Zeit entweder nicht existiert oder zu den schlimmsten Alprätrumen gehört: Kontrollverlust. Totaler Kontrollverust. Bei „Funny Games“ wird dem Zuschauereinerseits nichts erspart und andererseits doch nicht alles gezeigt. Nichts liegt jedoch in den Händen des Betrachters, nicht einmal in denen der terrorisierten Familie. Für mich offenbart sich in Hanekes Werk vor allem Kritik an unserem Umgang mit Medien, aber auch Kritik am System insgesamt. Beinahe hönisch zeigt die Kamera die verheulten Gesichter, den Zerfall der Protagonisten. Und gerade nicht gezeigt werden genau jene Momente, die zwar offiziell viele ekelhaft und barbarisch findet, insgeheim aber auch viele sehen wollen: Die Momente, in denen Blut fließt. Doch der Film zeigt sie nicht und überlässt sie der Fantasie des Betrachters. Und die ist, das ist auch auf Gesellschaft und Medien zurückzuführen, sehr wohl dazu fähig die Dinge darzustellen, bei denen wir angeblich immer wegschalten.

Jetzt wird hart durchgegriffen 8. Juli 2008

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Als im Dezember 2007 ein Rentner in einem Münchener U-Bahnhof zwei Jugendliche aufforderte, das Rauchverbot einzuhalten, prügelten diese auf ihn ein. Was Roland Koch ohne Scham für seine zweifelhafte Kampagne zur Abschiebung krimineller Ausländer nutzte, diente heute als Exempel in Sachen verschärftes Jugendstrafrecht: Zwölf Jahre Gefängnis erwarten den 21-jährigen, acht Jahre Jugendstrafe den bei der Tat noch 17-jährigen Täter – wenn  die vom Verteidiger angekündigte Revision keinen Erfolg hat. Die „Kaltblütigkeit“ und ein am selben Abend abgesetzter Handyspruch, wonach man gleich einen Deutschen töten wolle, haben das Münchener Landgericht anscheinend dazu bewegt, der von der Staatsanwaltschaft geforderten harten Bestrafung zu folgen. „Versuchter Mord“ und nicht „Körperverletzung“ ist der Tatbestand, von dem dabei ausgegangen wird. Und schon werden (wieder) Stimmen laut, die eine generelle Überarbeitung des Jugendstrafrechts fordern. Aber sind härtere Strafen wirklich ein Lösungsweg?

Zunächst einmal: Die Tat in München war brutal und grausam, eine harte Strafe ist sicherlich berechtigt. Aber ich bin schon ein wenig erschrocken, als das „heute-journal“ gerade ziemlich einseitig forderte, dass Jugendliche am besten sofort ins Heim oder in den Jugendknast wandern sollten. Klaus Kleber fragte, ob solche bisher ungewöhnlich harte Strafen nicht öfter und auch früher angebracht wären, im Beitrag hieß es die Ableistung von gemeinnütziger Arbeit, pädagogische Belehrungen und Anti-Aggressionskurse hätten ja sowieso nichts gebracht (siehe hier). Besorgte Richter und Staatsanwälte kamen zu Wort, Straftäter die davon Berichten, dass sie nur Gefängnis noch abschrecken kann. Die Aussage eines Verteidigers schlug dann dem Fass zumindest für mich den Boden aus: Durch die schwachen Urteile hätte die Gesellschaft eben länger unter den Straftätern zu leiden. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Woher kommen die Straftäter denn? Vom Mond? Aus der Türkei? Manchmal sieht es ganz danach aus, als wolle man uns Glauben machen, dass die Straftäter uns irgendwie ohne Vorgeschichte bedrohen würden. Sozusagen ein Feind von Außerhalb, gegen den man praktisch nur rückwirkend etwas unternehmen kann. Böses Foul, sage ich dazu. Denn auch wen der Trend zur Zeit gegen die ganze als „links“ und manchmal „antiautoritär“ bezeichnete Philosophie läuft: Dass Straftäter, egal wie alt – aber natürlich gerade jugendliche Täter – aus der Gesellschaft stammen in der sie die Verbrechen begehen, dass ist eben keine Spinnerei sondern Fakt. Wer das auch heute noch beiseite schieben will und mit Strafen ankommt, die letzten Endes wieder nur an Symptomen die Krankheit kurieren sollen, dem diagnostiziere ich Realitätsverlust.

Und, nebenbei bemerkt, was haben denn harte Strafen gebracht? In den USA wird schon länger hart durchgegriffen, mit zweifelhaftem Erfolg: Folter, Unterdrückung und andere „Mittel“, wie sie etwa in Bootcamps praktiziert werden, führen anscheinend zwar zu kurzen positiven Veränderungen. Irgendwie will der Insasse ja vermutlich den Verhältnissen entkommen. Jedoch sind nach einer Statistik des US-Justizministeriums 55 Prozent, laut einer anderen Statistik 89 Prozent der vermeintlich umerzogenen Straftäter rückfällig. Ich bin kein Experte, aber mich wundert diese hohe Quote nicht. Schließlich sitzen in diesen Camps nicht nur Schwerverbrecher sondern auch vergleichsweise harmlose Kinder und Jugendliche: In manchen Bundesstaaten reicht ein Diebstahl aus, um oftmals auf Wunsch der Eltern den Schützling ins Lager zu schicken. Die Justiz differenziert allem Anschein nach nicht genau genug zwischen den verschiedenen Fällen.

Freilich sind die Probleme gerade mit Intensivtätern enorm. Und ich bin durchaus der Meinung, dass bestimmte Gruppen von jugendlichen Straftätern Konsequenzen spüren müssen. Genau das ist ja auch „ein Problem“: Dieser Abschaum ist ja auch noch in sich total unterschiedlich! Möglicherweise, und das wäre für manche Bürokraten wohl der Worst Case, bedarf es bei jeder Straftat einer individuellen Betrachtung und Maßnahme, möglicherweise kann man nicht allgemein geltende Standards setzen! Vielleicht, und das wollen viele nicht wahr haben, muss man sich tatäschlich der Ursache annehmen, damit sich etwas ändert. Bis sich diese Einsicht durchsetzt, wird es noch eine Weile dauern. Ich halte es solange mit folgendem Spruch:

Die Jugend ist nicht gut nicht schlecht. Sie ist wie die Zeit, in der sie lebt!“ – Gregor Dorfmeister, „Die Brücke“

Demokratie ohne Demokraten 6. Juli 2008

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Ich bediene mich hier eines Schlagwortes, dass in der deutschen Geschichte bereits eine gewichtige Rolle gespielt hat. Es ist etwas über 75 Jahre her, da mündete die erste deutsche Demokratie in jene gigantische Katastrophe, die ganz Europa mit sich riss. Ich möchte die Ereignisse nur so kurz umschreiben, da der Hintergrund dieser Zeilen bekannt sein dürfte. Etwas anderes erregt zur Zeit wieder großes (Medien-)Interesse: Eine Demokratie, die keiner mehr unterstützt – dieses Worst-Case-Szenario ist gar nicht mehr so weit weg. Es gibt wohl noch nicht genug Gründe, um Panik (schon) zu rechtfertigen. Aber die Politikverdrossenheit nimmt zu, wie jetzt auch eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aufzeigt.

Die Studie selbst nennt es vorsichtig „Demokratieentfremdung“; die Zahlen sprechen aber eine deutliche Sprache. Nicht nur im Osten, sondern in ganz Deutschland und über viele der statistischen Gruppen hinweg macht sich Frust oder gar Ablehnung breit, wenn das Wort „Volksherrschaft“ als Stichwort gegeben ist. Zunächst nimmt sich die Befragung der Einschätzung der persönlichen Lebensumstände durch die Befragten an. Gerecht behandelt fühlen sich demnach beispielsweise Angehörige höherer sozialer Schichten (nach Selbsteinstufung), Pensionäre und Angestellte. Erwartungsgemäß sind Hartz IV-Haushalte, Arbeitslose und Geringverdiener mit ihrer Lage nicht zufrieden und fühlen sich ungerecht behandelt; diese Gruppen blicken auch mit Sorgenfalen in Richtung Zukunft – optimistisch sind generell aber nur 31 Prozent der Deutschen [1]. Was auf den ersten Blick nicht gerade weltbewegend neu ist, hat aber Auswirkungen auf die Einstellung zu Politik, Staat und unserem System, der Demokratie.

Der Vertrauensverlust in die Politik und das Unverständnis sind bei sozial schwächeren und politisch extremen Gruppierungen höher als bei den gemäßigten und gut situierten Schichten. Es verwundert nicht, dass sich 57 % der Erstgenannten gegen Reformen aussprechen – haben doch auch die bisherigen für sie nicht viel verändert. Für Reformen treten Pensionäre, Befragte mit Abitur oder auch Anhänger der Grünen ein, insgesamt 42 Prozent. Zu Denken gibt aber das Verhalten der Befragten zur Demokratie an sich: vier von zehn Deutschen stehen ihr kritisch gegenüber, 31 Prozent finden, sie funktioniert „weniger gut“. Auch hier ist das Misstrauen bei Arbeitslosen (73%) , Ostdeutschen(71%) und  rechtsextremen Ansichten (63%) sehr hoch. Alarmierend: 22 Prozent erachten die gegenwärtige Gesellschaftsordnung nicht für verteidigenswert [2]!

Die Studie offenbart noch viele weitere gravierende Probleme; das Vertrauen in die Demokratie, die Wahlbeteiligung, das Interesse an Politik überhaupt. Herausgreifen möchte ich folgendes Ergebnis:  Gerade die Unter-24-jährigen haben zu 56 % kein Interesse an Politik [3] und gehen vermutlich nicht mehr zur Wahl. Und das Krasseste: Sie haben keine Begründung. In dieser Gruppe sind nicht die politisch extremen oder sozial schwachen Gruppen aufgenommen; es dreht sich tatsächlich um den Querschnitt der Generation, die dieses Land in naher Zukunft prägen (wird?) soll (und der auch ich angehöre). Die Erheber der Studie vermerken hier beinahe lakonisch:

Interessant: Jüngere weisen zwar keine auffällige Demokratiedistanz auf, Nichtwählen ist trotzdem weit verbreitet, gleichzeitig ist das politische Inte-resse bei vielen (siehe Seite 10) nicht vorhanden. Ganz offensichtlich gibt es für Jüngere keine „Norm“, keinen „Zwang“ zum Wählen (ganz im Gegen-satz zu älteren Befragten, insbesondere bei über 65-Jährigen). Man nimmt sich vielmehr ganz einfach die Freiheit, nicht zu wählen.

Das sollte zu Denken geben. Für mich, und ich bin natürlich kein Experte, liegt in dieser Tatsache das größte Problem: Die Demokraten wachsen scheinbar nicht nach. Über die Hälfte einer Altersgruppe ist sich nicht bewusst, welche Pflichten man als Demokrat hat. Obwohl, man kann es radikaler formulieren: Wer wagt es in Deutschland denn überhaupt zu sagen, dass „Wählen gehen“ eigentlich keine Frage sein sollte?

So weit kam „Anne Will“ heute Abend natürlich nicht. Zwar war das Thema „ Demokratie, nein danke – Bürger frustriert, Politiker hilflos“ mit Blick auf die erschienene Studie aktuell gewählt. Jeodch kam Frau Will mit ihren Fragen, die eigentlich auf Lösungen abzielte, nicht wirklich zum Kern. Ist es Ironie, das es gerade die Politiker waren, die sich mit Lösungen bedeckt hielten und lieber Wahlkampf machten? Natürlich, bei allen Parteivertretern klang das alte Mantra an: Politik nicht über die Köpfe hinweg, Politik verständlich, nahe am Menschen, keine vollmundigen Versprechen, Realität vermitteln. Der einzige Vorstoß zum Kernproblem, nämlich: Das Demokratie nicht mehr und seit langem nicht als etwas Wichtiges, das man verteidigen muss, nahegebracht wird und schon gar nicht der jungen Generation – kam von einer Lokalpolitikerin, die aber eher in ihrer Eigenschaft als ehemalige Lehrerin befragt wurde. Sie brachte es auf den Punkt: Demokratie muss vorgelebt werden, im Alltag, in der Schule, bevor man von jungen Leuten verlangen kann, dass sie sie auch verstehen. Eine Demokratie braucht nämlich, und das klingt so banal, Demokratie – überall und nicht nur zu den Wahlen.

Quelle:
[1], [2], [3] Zusammenfassung der Studie

Ästhetik der Repräsentation 4. Juli 2008

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Mehr als 20 Jahre Planungszeit, 14 Jahre Bauzeit und vermutlich über 100 Millionen Dollar hat es gekostet: Das neue repräsentative Botschaftsgebäude der USA in Berlin, direkt am Brandenburger Tor. Schon einmal residierte hier der Botschafter der mächtigsten Nation der Welt: im Palais Blücher. Jedoch hatte man damals wenig Glück mit dem Standort: Im Jahr des (aufgezwungenen) Erwerbs brannte das Gebäude aus und so nahmder Botschafter erst ab 1939, nach jahrelangem Wiederaufbau, die Arbeit auf um dann 1941 nach der deutschen Kriegserklärung einbestellt zu werden. Da das Gebiet um das Brandenburger Tor erst im sowjetischen Sektor und dann im Grenzgebiet lag, wurde der Bau 1957 abgerissen – vielleicht hat er dem DDR-Big-Brother die Sicht verstellt?

Nunja, zurück zum Thema: Vielleicht war es diese Erfahrung, dass ein Botschaftsgebäude teuer , repräsentativ, letzten Endes aber nicht im Einsatz war, die die USA dazu bewogen haben, es dieses Mal anders zu machen: Teuer und funktional. Und was für ein kollektiver Aufschrei geht da durch die Republik: Wie können sie nur, die Amerikaner!? Was erlauben die sich, an dieser Stelle so ein/e…

zu errichten?

Ganz ehrlich? Wir Deutschen sollten ganz vorsichtig sein, wenn es um Repräsentation im Ausland geht. Unsere Botschaften sind nicht gerade Schönheiten:

Naja, „hübsch“ ist das jedenfalls nicht. Diese Bauten könnten genauso gut ein Bürogebäude oder, siehe Wellingtonn, eine Schule in Deutschland sein. Aber geht es bei Botschaften denn überhaupt um Schönheit, Ästhetik, Eleganz? Ich glaube: eher nicht. Botschaftsgebäude sind zwar auch repräsentativ. Aber nicht umsonst finden Empfänge und wichtige Treffen meistens in anderer Umgebung statt. Auch wenn es für die neue US-Botschaft in Berlin als Schimpfwort gebraucht wird: Es ist tatsächlich ein Bürogebäude. Da wird gearbeitet und es steht nicht nur da, um fotografiert zu werden.  Allerdings passt das Aussehen einfach zu dem, was die Vereinigten Staaten und vielmehr die Politik in den Augen vieler prägt: Weltpolizei, Angsthasen, Betonschädel, Bunkerbauer – das wird jetzt alles auf dieses Gebäude gebündelt. Dabei sind auch Deutsche Botschaften den gleichen Regeln unterstellt: Sicherheit, nochmal Sicherheit und Funktionalität. Wenn wir allerdings auf einige tatsächlich schöne Gebäude zurückgeifen können, dann meistens in jenen Ländern, die „wir“ früher mal „hatten“.

Deutsche Botschaft Prag
Deutsche Botschaft Prag

Im Hinblick auf das Sommerloch ist es natürlich ein Segen, dass die Medien in Sachen „Bezeichnung für die US-Botschaft“ einen wahren Kreativitätswettstreit ausfechten können. Mehr Potenzial hat die ganze Debatte allerdings auch nicht. Das Haus steht, da wird sich in den nächsten Jahrzehnten nichts mehr dran ändern. Und irgendwie ist es ja auch schön, dass die Berliner einen neuen Spitznamen in die illustrne Reihe von der „Schwangeren Auster“ und der Kanzleramts-“Waschmaschine“ einfügen können: Pancake.