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Wettlauf in Sachen Ethik 22. Dezember 2008

Posted by frischmax in Alltag, Gesellschaft, Nachgedacht.
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Sterbehilfe ist zwar seit Jahren ein ergiebiges Thema für hitzige Debatten. Dass aber just in dem Moment, da ich mich auftragsgemäß damit beschäftige, wieder eine ganz große Geschichte daraus wird, hätte ich auch nicht gedacht. Deshalb an dieser Stelle ein Nachtrag zum Thema und zur aktuellen Berichterstattung.

Da lässt sich also in Großbritannien ein unheilbar kranker Mann beim Selbstmord helfen. Das ist in Großbritannien strafbar, meines Wissens ist die rechtliche Lage dort sogar strenger als beispielsweise in Deutschland. Dignitas stellte also einmal mehr das Gift zur Verfügung, der Wille des Patienten äußerte sich dann im Einnehmen desselben sowie durch das selbstständige Ausschalten des Beatmungsgeräts.
Ich heiße die grundsätzliche Möglichkeit, sich selbst zu töten –  auch durch die indirekte Hilfestellung in Form der Bereitstellung der Utensilien – gut. Ich halte die ständigen Verweise auf die mögliche Verwirrtheit des Sterbewilligen größtenteils für ungerechte Stimmungsmache der Palliativinitiativen (denn diese treten genau mit diesem Argument ziemlich oft vor die Kameras – so viel zum Voyeurismus). Es gibt mit Sicherheit Menschen, die voreillige Entschlüsse fassen oder sich etwas einreden lassen. Aber das kann und darf doch nicht der Grund sein, auch klar denkende Sterbenskranke kurzerhand für Nicht-Zurechnungsfähig zu erklären!

Indes ist die „Methode Dignitas“ sehr wohl zu kritisieren. Sterbetourismus und nicht zuletzt der Umstand, dass dabei (hohe) Summen fließen, zum Beispiel 5900 Euro (Welt) – Das ist nicht das, was ich mir unter „menschenwürdigem Sterben“ vorstelle. An diesem Punkt gebe ich vielen Gegnern der passiven wie aktiven Sterbehilfe Recht: Ein Unternehmen, das mit dem Tod Geschäfte macht – hier hört die Freiheit auf. Denn gerade die Freiheit des Menschen – und für mich gehört dazu auch das selbstbestimmte Sterben – erfordert auch Maßnahmen, diese zu schützen. 

Für mich folgt daraus, dass Sterbehilfe gesetzlich geregelt werden muss. Und zwar alle vertretbaren Formen. Und die Möglichkeit, daran zu verdienen, sollte mit als erstes Übel verhindert werden. Es wäre wünschenswert, wenn sich Verfechter einer ausgedehnten palliativen Versorgung und die Befürworter der aktiven Sterbehilfe hier entgegen kommen könnten. Wenn alle Beteiligten sich tatsächlich um das Leid der Menschen und einen humanen Sterbeprozess verdient machen möchten, sollte es zunächst darum gehen, die Möglichkeiten dafür zu schaffen und jeglichem Missbrauch vorzubeugen. Auch Menschen, die nach einem langen Leidensweg einfach sterben möchten, verdienen eine Lobby. Denn diese Situation gibt es auch – auch nach noch so guter Betreuung und Versorgung.

Aktive Sterbehilfe als Chance 29. November 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht.
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58 Prozent der Deutschen befürworten die Möglichkeit, das Leben schwerkranker Menschen auf deren Wunsch hin zu beenden. Das ergab die letzte repräsentative Umfrage der Allensbacher Meinungsforscher zu diesem Thema. Bei einer Einschränkung des Begriffs auf den durch einen Arzt assistierten Suizid stimmen laut TNS Forschung sogar 69 Prozent der Legalisierung aktiver Sterbehilfe zu. Trotz der großen Zustimmung, die beide Definitionen erhalten: Gerade die möglichen Folgen eines zu weit gefassten Begriffs sind es, die die Gegner der aktiven Sterbehilfe beschäftigen. Deshalb ist es umso wichtiger klarzustellen, was damit eigentlich gemeint ist. Die meisten Befürworter halten sich dabei an das niederländische Beispiel: Aktive Sterbehilfe gibt es dort als angewandten Begriff nicht, das Gesetz über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung umfasst vielmehr alle legalen Formen der Lebensbeendigung. Darunter fällt auch der ärztlich assistierte Suizid, der auch in Deutschland legalisiert werden sollte.

Bisher macht sich ein Arzt, der einen Patienten auf dessen Wunsch hin durch Verabreichung eines tödlich dosierten Medikaments tötet, der „Tötung auf Verlangen“ schuldig. Das ist ein Straftatbestand (im Gegensatz zur Beihilfe zur Selbsttötung), und auch in den Niederlanden ist es das weiterhin. Jedoch sind Ärzte dort, wenn sie sich an genaue Vorgaben halten, von einer Strafe ausgenommen. Genau diese Regelung kann der durchaus berechtigten Sorge, bei einer Legalisierung würden auch Morde unter die aktive Sterbehilfe fallen, entgegenwirken. Gerade die kirchlich-religiöse Seite befürchtet außerdem einen Dammbruch für klassische christlich-europäische Werte, „die Unantastbarkeit der Würde des Lebens“ ginge verloren, mahnte der evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU im Jahr 2002. Doch auch diese Angst ist, betrachtet man die praktische Umsetzung des ärztlich assistierten Suizids in Belgien und den Niederlanden, unbegründet: Nur schwer kranke Menschen, die aus individueller wie fachlicher Sicht keine Hoffnung auf eine Besserung mehr haben, können überhaupt Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Die aktive Sterbehilfe wiederum richtet sich nur an die kleinere Gruppe derer, für die auch palliative Methoden keine Leidensminderung mehr darstellen. Wenn Menschen nach ausgiebiger Beratung und Information durch Ärzte – auch das schreibt der niederländische Gesetzestext vor – den Entschluss fassen, ihr Leben beenden lassen zu wollen, so ist das völlig legitim. Für einen humanen Tod besteht dort dann die letzte Alternative in Form des assistierten Suizids – jedoch nur, wenn ein ausdrücklicher Wille und das Urteil eines zweiten Arztes vorliegen. Ist der Sterbefall gemeldet muss eine Kontrollkommission das sorgfältige Handeln des Arztes bestätigen, nur dann wird von juristischen Schritten abgesehen. Diese Vorgaben sind so aufwändig wie notwendig, nur so werden die Quellen für Fehler und Möglichkeiten des Missbrauchs auf ein Minimum reduziert. Übrigens führt die Komplexität des Verfahrens dazu, dass die Sterbehilfe nur in etwa einem Drittel der Fälle überhaupt in Anspruch genommen werden kann. Insgesamt ist die Zahl der Sterbefälle durch aktive direkte Sterbehilfe seit In-Kraft-treten des Gesetztes 2001 rückläufig: Gegenüber 3500 Menschen im Jahr 2001, ließen 2005 nur noch 2325 Patienten ihr Leben durch einen Arzt beenden. Als Gewissheit ist diese Möglichkeit aber weiterhin wichtig, wissen sie doch um die Möglichkeit, einem unerträglichen Leidensweg entkommen zu können. Mit dem Leidensweg befassen sich auch die Gegenstimmen aus der Hospizbewegung. Wie die Förderer der Palliativmedizin verweisen sie auf die umfassenden Möglichkeiten der modernen Schmerztherapie. Mit Blick auf Roger Kuschs Sterbemaschine und Firmen wie Dignitas verweisen sie auf die Leidenslinderung, die einen natürlichen Tod ohne oder mit wenig Schmerzen in Opposition zur aktiven Sterbehilfe rückt. Allerdings ist genau diese Opposition ein Fehlschluss. Im Gegenteil: Aktive Sterbehilfe und die Schmerztherapie ergänzen sich sozusagen. Die Statistik nennt Krebskranke als größte Gruppe derjenigen, die aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Gerade bei Krebskrankheiten ist aber die Palliativmedizin oft sehr früh im Krankheitsverkauf gefordert. Während aber für die größte Gruppe von Patienten der Tod im Krankheitsverlauf durch die Schmerztherapie möglich wird, gibt es auch Patienten, denen mit Medikamenten das sterbe und seelische Leiden nicht mehr erträglich gemacht werden kann. So ist es nur logisch, dass das Belgische Gesetz den Ausbau der Palliativmedizin mit zur Voraussetzung für die Freigabe der aktiven Sterbehilfe erklärt hat. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Leiden zu mindern, so dass Patienten den Tod als Option vielleicht nicht mehr wählen müsse. Nur bei den allerschwersten Fälle soll und kann der ärztlich assistierte Suizid die letzte Möglichkeit des humanen Sterbens sein. Denn das ist ein Recht, dass nicht für jeden offensichtlich ist. Angesichts des „Rechts auf ein würdevolles Leben“ sollte man aber entweder den Sterbeprozess mit einbeziehen, oder aber ausdrücklich daneben stellen. Verwunderlich ist indes, dass auch hier wieder irrationale weltanschauliche Gründe gegen den ärztlich assistierten Suizid angeführt werden. Da wird Sterbenskranken unterschwellig Feigheit angekreidet, wird auf das Leiden Christi verwiesen und das das Leiden zum Leben gehöre. Die holländische Bischofskonferenz hält das in die Hand nehmen des eigenen Leidens für nicht vereinbar mit der Macht Gottes über das menschliche Leben. Aber auch weniger gläubige Menschen sehen im selbst verfügten Tod zuweilen Egoismus oder Verantwortungslosigkeit gegenüber den Mitmenschen. Verantwortungslos sind diese Standpunkte, nicht aber Menschen, die sich nach reiflicher Überlegung für den Tod entscheiden. Auch die Entscheidung für den Tod, die heutzutage eine beinahe täglich aufkommende Thematik ist, wird in Frage gestellt. Manche Gegner sehen die Aktualität des freiwilligen Tods in unserer Gesellschaft begründet. Der Individualismus der Moderne oder gar der Egoismus der Patienten müssen herhalten, um aktive Sterbehilfe zu verdammen. Es gehört schon einiges dazu, einem schwer Kranken zu erklären, er ziehe sich quasi vorzeitig aus der Affäre. Deshalb möchte ich auf diese Unterstellungen nicht weiter eingehen. Indes, mit unserer Gesellschaft und Zeit hat die Aktualität von Sterbehilfe nur bedingt zu tun. Freilich, wir werden immer älter und wollen immer länger jung bleiben, gleichzeitig treten mit zunehmendem Alter Krankheiten auf, die es früher nicht so häufig gab. Trotzdem haben den Begriff Euthanasie bereits die Griechen erfunden. Ein grundsätzliches Interesse an einem würdevollen Lebensende bestand also schon damals. Allerdings zeigt die Praxis in Sparta, für minderwertig erachtete Säuglinge zu töten oder auszusetzen, das die Missbrauchsgefahr schon damals groß war. Mit dem Eid des Hippokrates kam sozusagen die Leidensminderung hinzu, die den „guten Tod“ durch Ärzte aber verbot. Und im Hinblick auf den Schwerpunkt der Medizin, Leben zu erhalten, ist das vollkommen richtig. Erst die Nationalsozialisten missbrauchten Euthanasie in so einer abscheulichen Art und Weise, das der Begriff noch für lange Zeit negativ besetzt sein wird. Allerdings ist der „ärztlich assistiere Suizid“ aufgrund der engeren Definition ohnehin besser geeignet.

Festzuhalten ist: Gegnern wie Befürwortern geht es (hoffentlich) um das Wohl der Patienten. Und genau deswegen ist eine gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe auf Dauer unumgänglich. Die meisten Gegenargumente rühren von Ängsten und Befürchtungen, die einzig und allein genaue Vorgaben und Kontrollinstanzen unnötig machen können. Eine Kommerzialisierung des Sterbens, die Tötung auch heilbar kranker aus ökonomischen Gründen, das Beseitigen von Verwandten unter dem Deckmantel der aktiven Sterbehilfe sind so weitestgehend ausgeschlossen. Und auch die Hospizbewegung muss sich eigentlich keine Sorgen machen. Im Gegenteil: In den Niederlanden gibt es mehr Patienten, die sich palliativ behandeln lassen, als je zuvor. Offensichtlich gibt die Gewissheit, dem Leiden gegebenenfalls ein selbst bestimmtes Ende geben zu können, den Kranken Kraft. Diese Erfahrungen gibt es auch in Belgien und dem US-Bundesstaat Oregon, die ebenfalls Gesetze haben, die den ärztlich assistierten Suizid straffrei handhaben können. Das selbstbestimmte Sterben hat eben nicht automatisch die berühmte „slipery slope“ zur Folge, und die genannten Beispiele zeigen, dass sich ärztliches Handeln für das Leben und für das Sterben nicht ausschließen müssen, sondern sich ergänzen können.

 

 

 

 

 

 

Fiktion als Medizin gegen Realität 30. September 2008

Posted by frischmax in Gesellschaft, Literatur, Nachgedacht, Weltanschauung.
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Wer hätte gedacht, das man als Vorpraktikant über einen derart interessanten Text stolpern kann!? Ich saß einmal mehr im Klassenzimmer und beobachtete, wie ein abgeklärter Deutschlehrer seine Klasse recht locker auf ein interessantes Themenfeld führte: Fiktion. Was ist Fiktion, und warum gibt es Fiktion? Naja, die elfte Klasse war nicht wirklich interessiert. Ich hingegen umso mehr, und ich habe einige Denkanstöße gefunden: Die kanadische Autorin des ausgeteilten Artikels, Nancy Huston, kommt in der Frankfurter Rundschau zum Schluss:

„[...] … im Idealfall gibt sie [Fiktion] uns die Kraft, in jene Realität zurückzukehren und sie mit mehr Feingefühl zu enträtseln.“

Tasächlich beschränkt sich Fiktion nämlich nicht nur auf Literatur, Film, Musik und Co. Vielmehr ist der Mensch, so Nancy Huston, ein Meister darin, die reale Realität durch eine fiktionale zu ersetzen. Seit es uns gibt, hat der Mensch immer interpretiert. Zwar sind wir ohnehin auf unsere Sinne beschränkt, und wir können nicht einmal erahnen, was von der Welt wir eigentlich alles nicht sehen. Doch schon dieser Einblick bringt nach rationalem Denken die Einsicht: Wir leben willkürlich, und wir sterben willkürlich. Und irgendwann sind wir tot – und die Erde dreht sich immer noch. Huston beschreibt den Menschen aber als ein Wesen, dass diese Einsicht nicht verkraftet und sich so der Fiktion bedient: Götter, höhere Gewalten, Sinn und Grund für unser Dasein. Die menschliche Welt war und ist von Fiktionen durchdrungen:

„Niemand hat beschlossen, sie zu erfinden. [...] Für uns Menschen sind sie so real wie der Boden unter unseren Füßen; tatsächlich sind sie unser Rückhalt [...] in der Welt.“

Durch unser Bewusstsein und unsere stetige Sinnsuche sind wir sozusgen unfähig, die Realität nicht zu interpretieren.

Welche Rolle nimmt dann aber die „Fiktion“ ein, die jeder sofort als solche erkennen könnte? Ich rede von literarischer Fiktion. Ist sie nicht vernichtend simpel im Gegensatz zur fiktionalen Weltsicht des Menschen? Nancy Huston meint, dass die menschengemachte Realität nicht von der zweiten fiktionalen Ebene der Literatur übertroffen werden kann. Ein Roman, egal wie abstrus und fantastisch, ist ja immer von der bereits ebenfalls herbeifantasierten Weltsicht des Autors geprägt. Literatur hat vielmehr den Vorteil, dass sie jedem als Fiktion bekannt ist – das aber auch die ganze Realität der Menschen ein einziges Konstrukt ist, dass durschaut längst nicht jeder. Denn auch Diktaturen, Herrscher, Systeme stützen sich auf Fiktionen – beispielsweise die von der „arischen Rasse“. Literatur jedoch ist ehrlich, man weiß, woran man ist. Und anhand dieser weniger komplexen Fiktion ist es dem Menschen manchmal möglich, das zu erklären und zu verstehen, was wir als Realität bezeichnen. Die künstliche Realität eines Romans liegt uns, eben weil wir ihn als Außenstehender lesen, einfacher und beständiger vor. Und manchmal, so Hustons Hoffnung, bringt Fiktion den Menschen dazu, auf die Realität einzuwirken.

Und tatsächlich lässt sich diese Beeinflussung nur zu oft beobachten. Science-Fiction zum Beispiel. Die Werke eines Isaac Asimovs oder Philip K. Dicks (dem ich noch einen Artikel widmen werde) fassen Gedanken und Thesen, die zu Lebzeiten der Autoren undenkbar waren, eben Fiktion – mittlerweile aber sind manche, gerade negativen, „Fiktionen“ schon verwirklicht. Die Literatur aber ist damals wie heute der Schlüssel, der uns erst erkennen lässt, was passiert. Eigentlich ist es also nicht weiter verwunderlich, wenn wir reale Geschehnisse und Sachverhalte in vermeintlich total fantastischen Geschichten wiederzufinden glauben. Denn eigentlich ist die Realität die größte Fiktion.

Ein Blick in die Zukunft 27. September 2008

Posted by frischmax in Nachgedacht.
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Ich stelle fest, dass meine Einträge hier seit einiger Zeit immer mehr von meinen eigenen Erlebnissen geprägt werden. Eigentlich wollte ich ja eher einen abstrakten Blog führen, also ohne tagebuchartige Artikel. Aber bedingt durch meine Interessen und meinen neuen Alltag fließen jetzt eben solche Blickwinkel mit ein. So mache ich für die nächsten zwei Wochen das sogenannte Orientierungspraktikun für Lehramtsstudenten. Soll heißen: Damit ich auch weiß, auf was ich mich einlasse, darf ich insgesamt drei Wochen lang den Unterricht beobachten – für den Fall sozusagen, dass ich mein Schülerdasein verdrängt habe oder dieses mehr schlafend verbracht habe, als dem Unterricht zu folgen.

Wie gesagt, auch nach einigen Monaten Zivildienst vergisst man nicht so schnell, was Schule ist. Und auch im Praktikum sitze ich ja hinten, also die gleiche Perspektive. Nur, dass ich jetzt nicht mehr dme Unterricht folgen muss und mich vollkommen auf den Typen am Pult konzentrieren kann. 

Es klingt nach Streber und muss für die Schüler auch so aussehen, aber: Ich notiere mir tatsächlich, was mir zum Lehrer und seinemUnterricht auffällt. Meine krakelige Schrift – denn das ordentliche Schreiben habe ich sofort nach dem Abitur verlernt – steht für vernichtende Urteile, aber auch ehrfürchtiges Lob. In der ersten Woche habe ich schon viele verschiedene Arten der Spezies Lehrer entdecken können: Linksalternative Studienräte mit den Fächern Deutsch und Geschichte, die die 68er nur knapp verpasst haben genauso wie strenge, frontal unterrichtende Doktoren, die eigentlich nur ihrem Lieblingsgebiet fröhnen und Schüler nur dazu brauchen, ihre Vorträge wenigstens mit Statisten anzureichern.

Da ist ein Lehrer mit Doktortitel, der seine elfköpfige neunte Klasse in Deutsch nicht in den Griff bekommt. Da ist aber auch der junge, engagierte Lehrer, der 23 Achtklässler überhaupt nicht im Zaum halten muss, weil sie von seinem fabelhaften Geschichtsunterricht so sehr in den Bann gezogen werden. Ein älterer Deutschlehrer diktiert seinem Leistungskurs leise säuselnd jene Daten und Fakten, die er als Fan seines Faches vielleicht liebt, die aber seinem Kurs genau diese Liebe verbauen könnte. Andere Lehrkräfte weisen mich und andere Praktikanten ab – haben sie Angst, wir könnten ihren Autoritätsverlust bemerken? So in etwa sieht das Bild aus, dass sich vor meinen Aufen abzeichnet.

Ich habe die negativen Beobachtungen nicht mit den positiven aufgerechnet. Ich habe einfach nur gesehen:So ist Schule, so kann sie sein – und so soll und muss sie eher nicht sein. Die Entscheidungsgewalt für einen der drei Wege hat man nicht ganz alleine, jedoch kann man mit Interesse, Talent und Optimismus vieles bewegen. Ich für meinen Teil habe nicht im Geringsten Angst vor meinem künftigen Beruf im Gegenteil: Ich habe noch mehr Lust, noch mehr Interesse – und noch mehr Optimismus. Schule – das ist vor allem eine Chance, für Schüler wie auch für Lehrer.

Stell dir vor, es ist Landtagswahl und keiner geht hin 26. September 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht, Politik.
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Nun, ganz so drastisch ist die Lage gottseidank ja nicht. Die Wahlbeteiligung wird wohl locker zwei Drittel aller Berechtigten umfassen. Dennoch, irgendwie kommt der Medienhype um die Ach-So-Schicksalshafte Bayernwahl 08 nicht beim Volk an. So waren heute zwar sehr viele shoppingwütige Menschen in Nürnbergs Einkaufstraßen zu entdecken. Allerdings hat sie eben der dringend nötige Einkauf dorthin geführt und nicht die Wahlveranstaltungen aller größeren Parteien, die schon die ganze Woche stattfinden. Die SPD-Veranstaltung mit Münte und Maget jedenfalls war nicht besonders gut besucht.

Politik – interessiert mich nicht! Dieser Spruch ist das Klischee schlechthin wenn es um die computersüchtige und angesichts von YouPorn und Handyclips vermutlich auch dauererregte Jugend geht. Dennoch hört man ihn erstaunlich oft genau in dieser Formulierung. Leute aus meinem Bekanntenkreis machen von ihrem Wahlrecht erst gar nicht gebraucht oder scheinen auf dem Wahlzettel eine neue Art Sudoku zu spielen, glaubt man ihren Aussagen. Das die CSU auch in den letzten Jahren so abgeschnitten hat, wie es eben früher immer war, liegt meiner Meinung nach daran, dass das Oberstübchen aller Ahnungslosen Wähler im letzten Moment eben auf bekannte Namen zurückgreift – Beckstein ist in Bayern jedem noch so zugedröhnten Kiffer ein Begriff. Und in dieser Hinsicht war auch die „Zwei-Maß“-Aussage gar nicht so dumm. Denn Bayern wie Franken wissen zwar, dass man nicht mehr fahren sollte. Was sie davon halten und ob sie das Gesetz einhalten wollen, das steht aber auf einem anderen Bierdeckel. Denn Bier ist hier ein Grundnahrungsmittel, und bei trinkfreudigen, traditionsbewussten Bajuwaren bleibt von Becksteins Fehltritt wohl eine Art Post-It übrig, mit den Stichpunkten: Beckstein –> hat nichts gegen Bier –>wählen!

Wenn man also unbedingt die CSU loswerden möchte, wäre es also gar nicht so verkehrt, wenn keiner zur Wahl geht. Allerdings ist das eben nicht die Lösung des Problems. Und die jüngsten Ereignisse in Ober- und Mittelfranken, Neonazis betreffend, geben Anlass zur Sorge. Denn deren zum Teil strunzdoofe Anhängerschaft dürfte zombieartig zur Wahlurne schreiten und das Kreuz an prominenter Stelle malen – wie gesagt, es muss im Prinzi ja nur ein Name hängen bleiben. Wie bei den Kiffern, bei denen ich mich aber ausdrücklich dafür entschuldige, sie in einem Artikel mit Nazis zu nennen.

Zu welchem Schluss soll man angesichts dieser Beobachtungen kommen? Demokratie ist nur dann möglich, wenn sie auch gelebt wird. Derzeit geschieht das aber wohl nur auf einem Niveu, dass sie gerade so am Leben hält. Ich tenidere im Großen und Ganzen in eine bestimmte Richtung, die folgende Frage ausdrücken soll: Warum heißt es eigentlich Wahlrecht und nicht Wahlpflicht?

Was ist eigentlich Spießertum? 24. September 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.
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Diese Frage war eigentlich seit der Pubertät, als auch Ich um keinen Preis als „spiessig“ gelten wollte, nicht mehr relevant. Vor einigen Tagen bin ich mir aber bewusst geworden, dass ich manche Vorraussetzungen für diese streitbare Bezeichnung erfülle: Zwar war und bin ich kein typischer Vereinsmeier. Eigentlich bin ich in keinem Verein aktiv, und schon gar nicht nicht beim Schützen- oder Trachtenverein. Nein, ich betrachte vielmehr die Verlagerung meiner abendlichen Aktivitäten von der Stadt in mein Dorf. Ganz unbewusst, fast automatisch, geht man als Vor-Vorstadt-Mensch eben in die Stadt – sei es in die Schule, zum Einkaufen zur Arbeit. Doch vor kurzem war ich – zum ersten Mal – in meinem eigenen Ort weg. Ich habe gesehen, dass es tatsächlich Bars gibt, die dem Stadtstandard entsprechen, war aber auch in Kneipen, die ich schon von Außen als abstoßend empfand. Dabei durfte ich viele nette Menschen kennen lernen, die aber viel stärker mit ihrem ländlichen Wohnort verwurzelt sind, für die Bier und Weißwurstfrühstück nicht nur Tradition sondern regelmäßige Pflicht sind. Bin ich etwa unversehens in der spießigen Realität der Landidylle gelandet?

Es war wirklich ein schöner Abend, trotz und weil viel getrunken wurde. Aber wie ein Bekannter treffend und ohne zu Lallen formulierte: „Man kennt seine Heimat erst, wenn man sie mit den Augen eines Besoffenen gesehen hat“….was für ein Menetekel! Stunden später wankten wir dann bei Eiseskälte durchs Dorf und fuhren anschließend ohne Licht mit dem Rad weiter…eine durchaus interessante Erfahrung, jedoch hadere ich noch mit meinem Gewissen bei der Einordnung; „Hochnotpeinlich“ und „Erfahrung“ stehen als Kategorien zur Auswahl.

Ist das schon spiessig? Immerhin ist der alkoholisierte Zustand in Bayern und Franken für gewöhnlich kein Zeichen von Kontrollverlust, sondern gilt eher als Symbol der Heimatverbundenheit. Wer Tracht trägt, im Schützenverein ist und im Kirchenchor singt, darf auch ‘mal ‘ne Maß zu viel trinken, so ein selten gesagtes aber umso öfter gemeintes Motto. Okay, eine Tracht habe ich nicht. Und in Vereinen bin ich auch nicht wirklich. Aber ich gebe es freiheraus zu: „Heimatverbundenheit“ im Weitesten Sinne verspüre ich immer öfter. Viele Bekannte schmieden Karrierepläne, „in Berlin/München werde ich dann….und dann meine Yacht…..“, so die Träume. DIe hatte ich auch, lange Zeit sogar. Aber irgendwie stellt sich langsam aber sicher ein Gefühl ein, dass ich als Vernunft bezeichnen will, oder besser: Realismus. Denn eigentlich will ich viel lieber hier leben und arbeiten, meine Familie gründen, alt werden und so weiter. Meine Heimatregion ist wunderschön, es gibt Arbeit, genug Kindergartenplätze, nahezu keine Probleme, kurzum: Wolkenkuckucksheim, Bayern wie im Bilderbuch. Und ich finde das gut so.

Auch wenn ich das ständige intrigieren, Funktionen-besetzen und Feste-organisieren der Vereine nach wie vor nicht wirklich leiden kann. Ich finde es längst nicht mehr so ätzend. Dorfleben, Dorfgemeinschaft ist in vielen Fällen Wunschdenken. Aber verkehrt ist das sicher nicht. Und unter den Selbstdarstellern, falschen Gerüchten und bösen Spielchen finden sich immer wieder liebenswerte Menschen, die einfach nur ihren Spaß haben wollen. Deswegen, und nicht aus falschem Traditionsbewusstsein oder aus Profilierungssucht, bin ich beim örtlichen Männerchor und bei der Theatergruppe. Es ist einfach eine gute Sache.

Profilierungssucht konstatiere ich indes jenen Menschen, die um jeden Preis „nicht spießig“ sein wollen. Denn, wie Ödön von Horváth einmal sagte:

[Ein Spießer ist ein] …hypochondrischen Egoist, der danach trachtet, sich überall feige anzupassen und jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet.

Und Egoisten sind die Menschen, die das Dorfleben interessanter machen, im Prinzip ja nicht.

Dabei sein ist alles!? 18. August 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht, Weltweit.
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Dieser Satz – den Pierre de Coubertin so vermutlich nie gesagt hat – wird immer wieder gerne zitiert. Bei der Fußball-Europameisterschaft etwa, bei vielen anderen Sportveranstaltungen und wohl in so ziemlich jedem Verein dürfte dieser Satz in der Vergangenheit unzählige Male gefallen sein. „Das Wichtigste bei den olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen“, der Satz den der Inititator der Olympischen Spiele der Neuzeit tatsächlich gesagt haben soll, ist vom Sinn her zwar beinahe gleichbedeutend – aber eben nur beinahe. Wenn ich, was nicht so häufig geschieht, doch einmal einige Berichte aus Peking lese oder sehe, sofällt mir immer wieder eine krasse Diskrepanz zwischen diesem abgenutzten Spruch und der Realität auf: „Dabei sein“, das ist nicht alles, sondern quasi nichts. Ich befasse mich zu wenig mit Olympia, als das ich jegliche Gewähr auf meine Vermutung geben könnte, aber ich halte sie dennoch für ziemlich richtig: Deutschland ist eines der teilnehmenden Länder, in denen die Athleten ohne Medaille am weitesten entfernt davon sind, für ihre Leistungen Anerkennung zu bekommen. Prämiert wird von den Deutschen (Medien) nur die Medaille, vorzugsweise die Goldene, und nicht die Leistung.

Nun gut, ich bin da vielleicht sehr eigen, wie ich es schon zur EM im Juni beschrieben habe. Ich kann mit Stolz und Gejubel ob irgendeines „Sieges“ nicht viel anfangen. Ich finde es schön, oder eben auch nicht. Aber mehr als eine Minute interessiert mich das nicht. Nun, die Reporter bei ARD und ZDF reden von dem „undankbaren“ 4. Platz oder gar noch weiter von Medaillen entfernten Platzierungen auch nicht viel länger als ein paar Minuten. Denn: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Nur wer etwas leistet, wird belohnt. So weit die Theorie. In der Realität stellt sich die Situation sogar noch differenzierter dar: Nur die besten Leistungen werden belohnt. Denn eigentlich, so die Logik einiger Medien, Menschen und Marktwirtschaftsinitiativen, ist nur Bestleistung Leistung. Bestleistung entsteht nämlich durch Anstrengung, Perfektion, Konzentration – eine „gute Leistung“ ist also sozusagen unvollständig, ergo spielt da doch Faulheit mit! Capiche? Ganz einfach, oder?

Und so kommt es, dass Beckmann, Kerner und wie sie alle heißen beinahe täglich einerseits mit ihren blöden Rückfragen die Athleten belästigen (die stets mitklingende Frage „Du bist doch mit Silber/Bronze auch nicht zufrieden, oder?“), andererseits die Athleten selbst unter einem ungeheuren Erfolgsdruck stehen. Natürlich könnte ein Sportler hier über die Notwendigkeit von Druck schreiben, ich als Laie bezweifle aber ausdrücklich eben diese. Das in Deutschland Leistungen jenseits der Top Drei nicht oder kaum Aufmerksamkeit erregen geschweige denn Würdigung erfahren führt dann auch zu interessanten Rechnereien mit dem hierzulande so beliebten Medaillenspiegel: Zwar sind wir mit unseren Goldmedaillen immer wieder recht weit vorne. Doch ist die Gesamtzahl errungener Medaillen vergleichsweise gering – hier übertrumpft uns zur Erstellungszeit des Artikels beispielsweise Frankreich, das viel weniger Goldmedaillen hat. Und, ich wage eine weitere Vermutung: Würde man jeweils die fünft best platzierten Athleten einer Disziplin mitrechnen – der Medaillenspiegel sähe ganz anders aus.

Zurück zum Leistungsdruck. Bei Olympia fällt er zumindest mir extrem auf, es werden sich wohl noch einige mehr daran stoßen. Allerdings ist Olympia ein nur alle vier bzw. zwei Jahre wiederkehrendes Ereignis. Die Nichtanerkennung von Leistung ist jedoch allgegenwärtig: Ob bei jedweden Sportereignissen im Fußballverein von Hintertupfingen oder in der Schule: „Mit einer drei oder vier brauchst du nicht nach Hause kommen!“, so der mitsummende, nicht immer hörbare, Unterton. Solange wir es nicht auf die Reihe bekommen, Anstrengungen zu belohnen und nicht immer nur Ergebnisse, wird unser Land gerade auch in der Bildung nicht zu den Spitzenreitern gehören. „Dabei sein“ im Sinne einer ehrlichen, bemühten und hintergründigen Teilnahme an Unterricht, Sport oder eben Olympia – das sollte das Ziel sein. Auch wenn immer davon die Rede ist, Gold sei an der Börse eine sichere Anlagemöglichkeit: Edelmetalle verlieren von Zeit zu Zeit an Wert. Es wäre schön, wenn dies auch für Medaillen gelten würde.

Wenn der schlechte Ruf vorauseilt 15. August 2008

Posted by frischmax in Alltag, Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.
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Es dreht sich hierbei allerdings nicht um meinen eigenen, persönlichen Ruf. Vielmehr geht es um den Ruf, den eine ganze Branche bzw. deren Auftritte in der Öffentlichkeit, heutzutage genießen: Die Rede ist von jenen Menschen, die von Zeit zu Zeit an Haustüren klingeln und von den Bewohnern verschiedenes wollen: Geld für Abonnements, Geld für gute Zwecke, Geld für einen Staubsauger – meistens geht es wirklich um Geld für den Vertreter/Drücker und viel Ärger für den, der sich etwas aufschwatzen lässt. Mit der Abneigung, mit dem Hass auf diese Besucher sieht sich allerdings auch eine Branche konfrontiert, die das nur bedingt verdient hat: Marktforschung.

Man kann von Markt-, Sozial- und Wahlforschung halten, was man will. Und niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Dennoch ist es ziemlich krass, wie selbst zur Freundlichkeit verpflichtete und lediglich unverbindliche Fragen stellende Interviewer den ganzen Groll zu spüren bekommen, den viele „Nachbarn“ hierzulande gegen die Zeugen Jehovas, Vorwerk und andere Hausierer haben. Wie gesagt: Niemand muss jemandem Fremden an der Haustüre oder gar in der Wohnung Rede und Antwort stehen, jeder darf ausdrücklich das Wörtchen „Nein“ und vielleicht noch ein „Danke“ verwenden.

Ich schreibe über diese so ungeliebten Menschen, weil ich zurzeit dieselben Erfahrungen mache. Bereits vor ein paar Jahren habe ich für ein kleines Marktforschungsunternehmen im Call-Center gearbeitet. Entgegen der schlechten Publicity durch die Negativbeispiele der Telefonverkäufer stellen die Interviewer der Marktforschung tatsächlich nur Fragen, verkaufen nichts und verlosen nichts- das dürfen sie nämlich nicht. Auch wird man bei namhaften Unternehmen wie der Gesellschaft für Konsumforschung (bei der ich nicht gearbeitet habe) selten pro Interview (oder, je nach Sichtweise, pro genervten Menschen) sondern nach Arbeitszeit bezahlt, also erfolgsunabhängig.  Die Marktforscher wissen um die Schwierigkeiten, überhaupt jemanden zur Teilnahme an einer Umfrage zu bewegen, deshalb sind die wenigen Freiwilligen mit Samthandschuhen zu behandeln. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber die Summen, die in stundenlange Telefoniererei gesteckt wird, müssen von enormer Höhe sein. Und all das für größtenteils ergebnislose Kurzgespräche mit verärgerten Bürgern.

Abgesehen von diesem sicherlich hinterfragungswürdigen Kampf um Meinungen (der nicht nur telefonisch geführt wird), geht es mir hier aber um das Verhalten der Menschen, denen meine Höflichkeit und Mühe gilt, wenn ich als Interviewer unterwegs bin. Ich kenne das Prozedere beim Telefonieren, und so malte ich mir beim sogenannten Face-to-Face-Interview gute Chancen aus – ich bin von meiner Außenwirkung überzeugt und verfüge noch über genug Menschenkenntnis/Blauäugigkeit um auf die Sympathie wildfremder Menschen zu hoffen. Ich gehe also in gepflegter Alltagsmontur los „ins Feld“ – schließlich erinnert ein zu ordentlicher Anzug schnell an Vertreter oder andere negative Besucher. Mit Ausweis, Dokumenten über Datenschutz und Anonymität sowie dem Laptop mit dem Fragebogen soll das eigentlich alles professionell und seriös wirken – ich ging anfangs davon aus, diese Hilfsmittel würden die Zielpersonen überzeugen. Weit gefehlt, die Sache gestaltet sich sehr schwierig: wenn ich in der Gegend um meine derzeitige Startadresse jemanden aus dem Haus klingle (gute Gegend, mehr Villen als normale Häuser), mein Sprüchlein aufsage und freundlich um ein Interview bitte, bekomme ich allerhand zu hören. Zwar sind Schimpfwörter die Ausnahme, aber es ist schon interessant, wie viele Leute mich einfach wortlos stehen lassen und die Türe wieder schließen. Oder stellvertretend für die nicht anwesende Zielperson ablehnen. Oder mir sagen, was für ein Verbrecher ich doch sei.

Freilich, nach all den negativen Erlebnissen, die viele mit Klinkenputzern gemacht haben, kann man es nicht wirklich verübeln, dass Menschen gestresst und sauer reagieren. Andererseits kann man es doch: Mit meiner Aktentasche könnte ich – rein theoretisch – auch etwas Wichtiges dabei haben (über die Wichtigkeit von Meinungsforschung haben die meisten Bürger eine, nunja, geringschätzende Meinung), ein Schreiben vom Notar, von der Bank, was auch immer. Wie gesagt, die Situation ist nicht ganz einfach. Aber ich glaube schon, dass dieses von vornherein ablehnende Verhalten aufgrund Hörensagens oder eventueller schlechter Erinnerungen mehr aussagt: Ein schlechter Ruf, ein schwarzes Schaf, ein Gerücht  – oft reicht das schon aus, um anderen Menschen (in diesem Fall eher Firmen, und der Schaden kann so groß nicht sein) Schaden zuzufügen oder sich selbst Chancen zu verbauen (wird bei diesem Beispiel ebenfalls nicht so gesehen werden).

Ich für meinen Teil ziehe daraus eine Lehre: Ich werde weiterhin bei jeder neuen Haustüre freundlich und höflich sein. Ich werde mich nicht von den paar schwarzen Schafen unter so vielen Menschen abschrecken lassen.

Kommunikationsprobleme 7. August 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.
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Wolkenkuckucksheim
Wolkenkuckucksheim

Seit längerer Zeit war ich gestern einmal wieder zum Einkauf in der Innenstadt von Nürnberg. Ich wohne in der sehr vorteilhaften Lage einer Gemeinde vor den Toren der Stadt, inmitten des Speckgürtels – geringe Arbeitslosigkeit, schöne Einfamilienhäuser, verkehrsberuhigte Zone – Bekannte nennen meinen Ort gerne Wolkenkuckucksheim. Eine wie auch immer geartete Kommunikation oder Beziehung mit der Großstadt ist daher nicht unbedingt vonnöten, Einkaufsmöglichkeiten und Arbeitsplätze liegen ja größtenteils direkt vor der Haustüre.

Kommt ein verwöhnter Vorstadtmensch dann doch einmal in die vollkommen andere Stadtwelt, so ignoriert oder übersieht er häufig die dort anzutreffenden, weniger schönen Details. Das kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Jedoch, bei aller Müdigkeit oder Gedankenversunkenheit während des Weges mit Bus und U-Bahn durch die Problemviertel der Stadt, bisweilen durchscheinen manche Begebenheiten die Verblednung, durchbrechen die Misstöne die Geräuschkulisse schnatternder, mit Einkaufstüten bepackter Hausfrauen. So erging es mir gestern. Während der viertelstündigen Fahrt mit der U-Bahn in die Kaufwelt der Innenstadt, ich hatte keinen MP3-Player dabei, riss mich eine bestimmte Szene aus meinen Gedanken: Ein Vater, sehr sehr jung (wie in sozialen Brennpunkten beinahe üblich), brüllte seine kleine Tochter von vielleicht fünf Jahren an, sie solle sofort wieder neben ihm Platz nehmen (Ich verzichte auf eine genaue Wiedergabe der Worte). Das Kind war bis dahin damit beschäftigt gewesen, im Gang des Wagens auf und ab zu laufen. Folgsam und ohne murren nahm es also neben Papa Platz – um von diesem komplett ignoriert zu werden. Die ganze Fahrt über konnte ich beobachten, wie sie fragenden Blicke der Tochter von ohrem Vater weder bemerkt noch beantwortet wurden. Diese, ich nenne es: Kälte, ist vermutlich einer bestimmten Ursache geschuldet, ebenso das in meinen Ohren völlig übertriebene Gebrüll des Erziehungsberechtigten: Der MP3-Player mit viel zu lauter Musik, dessen Kopfhörer die ganze Zeit über in den Ohren des Mannes steckten. Ich war einigermaßen fassungslos, muss ich gestehen. Natürlich kenne ich die Situation der geschilderten Personen nicht genauer, aber die Rückschlüsse durch diese eine Szene fallen ziemlich negativ aus – und stimmen traurig. Wundert es da noch, wenn Kinder heute aufmerksamkeitsheischendund hyperaktiv umherrennen? Ich habe einie Antworten auf diverse (sogenannte) Probleme der Gegenwart gefunden. Mangelhafte Kommunikation zwischen Eltern und Kind (nebenbei bemerkt: es heißt ja auch „das“ Kind – das ist beinahe bezeichnend. „Es“, also „das“ Kind, ist heutzutagezu oft ein wenig willkommenes Anhängsel) gehört dazu.

In der Innenstadt begann dann der Spießrutenlauf vorbei an den unzähligen Spendensammlern. Es ist meiner Suche nach geeigneten Nebenverdiensten vor einiger Zeit zuzuschreiben, dass ich weiß, für wen und warum diese Leute Spenden sammeln. Zwar stehen sie oft in T-Shirts von Greenpeace, Westen der Malteser oder mit anderen Erkennungsmerkmalen an ihren Ständen. Es fällt aber auf, dass genau an einem Tag zumeist unzälige verschiedene Organisationen gleichzeitig Spenden sammeln. So habe auch ich es gestern wieder erlebt; nur ist mir der genaue Umstand inzwischen bekannt: Es gibt spezialisierte Firmen die das „Fundraising“ inklusive bürokratischem Aufwand für das Rote Kreuz oder die Malteser oder die Johanniter oder Greenpeace oder viele andere übernehmen. Daran ist zunächst nichts weiter verwerflich, schließlich sollen die genannten Organisationen ja ihren Aufgaben nachkommen und nicht nur Geld sammeln. Verwerflich, zumindest aber fragwürdig ist dann aber folgendes:

Fundraiser

Ich werde also von einer jungen Dame im Maltesershirt, vermutlich genau so alt wie selbst, angesprochen. Sie fragt mich unumwunden, ob ich denn in meinem Leben schon „Gutes tue“. Ich entgegne, dass ich bereits beim Roten Kreuz Mitglied bin, Blut Spende und von Zeit zu Zeit für bestimmte Projekte spende. Davon ist das Mädchen geradezu begeistert, und ich frage mich schon ob die akute Hitze und die pralle Sonne ihr zugesetzt haben mögen, als sie mir sagt: „Man kann ja nie genug Gutes tun, deswegen können sie ja auch noch zu den Maltesern…..!“ Wie auf Knopfdruck schalte ich meine Ohren auf durchzug, schaue mir den Mund der Frau an und warte ab bis sich dieser wieder schließt. Freundlich stelle ich ihr eine Frage: „Arbeiten sie denn auch für die Malteser?“ Ihr Mund bleibt offen, ihr Blick flackert. Es ist mir schon beinahe peinlich, eine Frage gestell zu haben die so weit entfern von aller Selbstlosgikeit liegt, als sie mir stotternd erklärt, dass sie für eine Agentur arbeitet, Geld für das Aufschwatzen von Mitgliedschaften bekommt und natürlich der größten Teil bei den Maltesern ankommt. Daraufhin teile ich ihr mit, dass ich kein Interesse an einer Spende oder Mitgliedschaft habe und wünsche noch einen angenehmen Tag.

Erst auf dem Heimweg fiel mir ein, dass ich sie hätte fragen sollen, ob sie selbst denn bei einer der Organisationen Mitglied ist, für die sie Spenden sammelt.

Auch hier sehe ich ein gewaltiges Problem in der Kommunikation von Menschen. Denn dieses Gespräch war ja gar keines, es war nicht mehr als eine einstudierte (eingetrichterte) Situation, wie sie Fundraiser auf Seminaren üben, nur mit dem Ziel, eine Spende zu bekommen. Die gesamte Unterhaltung, weder ihre Fragen noch meine Fragen, hat jemals zu einer Form von Kommunikation geführt. Alles ging komplett am jeweiligen Gegenüber vorbei. Warum? Der Grund ist denkbar einfach: Kommunikation erfordert Interesse, ehrliches Interesse. Und Kommunikation erfordert Ehrlichkeit.

Die war zumindest auf einder Seite absolut nicht gegeben.

Bildnachweis:
1) www.wendelstein.de
3) www.wesser.de

Meine Generation 2. August 2008

Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Nachgedacht.
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Meine Generation ist schon eine besondere. Natürlich kann ich nur in begrenztem Ausmaß über eine ganze Generation sprechen; der Begriff an sich ist schwammig genug und so viele Bekanntschaften habe ich in meinem jungen Leben noch nicht gemacht, als dass ich meine ganze Generation kennen könnte. Folgende Betrachtung beschränkt sich also auf meine persönlichen Erfahrungen und einige gesamtgesellschaftlich zugeschriebene Attribute.

Geboren 1987/88 als Post-Tschernobyl-Babies, noch in der Zeit des (schmelzwasserwarmen) kalten Krieges. Genau in eine solche Zeit des Umbruchs, gesellschaftlich wie historisch, hineingeboren zu werden war mir vergönnt. Der Ansatz, diese Generation müsste eine besonders geprägte sein, liegt nicht so fern. Allerdings löst er sich mit dem Verweis auf das Alter (als die Mauer hinfällig wurde war ich gerade einmal drei Jahre alt) in Luft auf. Und überhaupt verschwindet, das will ich meinem Jahrgang durchaus konstatieren, in unserem Leben vieles sehr schnell wieder von der Bildfläche. Der Kalte Krieg konnte uns nicht lange interessieren, ebenso wenig war die Wiedervereinigung je ein aktuelles Thema. Die aktiv mitverfolgte Zeitgeschichte setzt bei den meisten meiner Freunde gegen 1997 ein, erstes prägendes Ereignis war allerdings für viele erst der 11. September 2001. Wichtige Ereignisse wie der 2. Golfkrieg, die Staatsneu- bzw. Wiedergründungen nach dem Verfall der UdSSR, Kosovokrieg und vieles mehr sind im besten Fall Geschichte, Historie – oder auch beinahe unbekannte Begebenheiten.

Nur wenige politische Entwicklungen sind auch Jahre danach noch präsent – und das auch nur, weil sie durch Medien und ältere Mitmenschen transportiert werden. Der Sturz des World-Trade-Centers nach den Terroranschlägen wird jedes Jahr mantrahaft beklagt, und so erinnere auch ich mich immer wieder an die Schockstarre nach diesem Datum. Der Beginn der Invasion in Afghanistan jedoch, der nur wenig später stattfand, ist ziemlich verblasst. Auch der dritte Irakkrieg, der nun schon seit fünf Jahren Schlagzeilen liefert ist nichts mehr, das übermäßige Beachtung findet – es ist Alltag.

Ganz ähnlich verhält es sich aber auch in Bereichen, die gerade die Jugendkultur vermeintlich länger prägen als alles andere: Technologie zum Beispiel. Ich kann mich noch an die paar Jahre erinnern, in denen ich Benjamin Blümchen aus dem Kassettenrekorder sprechen hörte. wenig später war die CD „in“ und kurz darauf auch schon normal. Und plötzlich hatte ich dann schon den ersten MP3-Player in der Hand. Oder das Beispiel Fernsehen: Bilder und Sendungen aus den frühen 90er Jahren muten seltsam veraltet an, die Farben irgendwie unscharf, das Bild schlecht – dabei ist das so lange auch noch nicht her.

Wollte man meine Generation ausdrücklich negativ sehen, man könnte dieses Phänomen der Schnellebigkeit, des Vergessens oder des mutwilligen Wegwerfens und Verdrängens verschiedenster Dinge in die Vergangenheit – Deckel drauf und fertig – als Argumentationsmittelpunikt heranziehen. Und ich komme nicht umhin, bei mir selbst wie auch bei guten Freunden ein gewisses Desinteresse an allem, ein „In-den-Tag-hineinleben“ zu diagnostizieren. Und das kann man nur schwer gutheißen. Mit zehn oder weniger Lenzen kann es noch entschudligt werden, dass der Kindergarten oder die Grundschule Tag für Tag besucht werden, dass ein Kind gezwungenermaßen nur in der Gegenwart lebt und sich maximal auf die nächste Woche freut, wenn es in den Zoo gehen soll. Doch dieses Muster konnte ich auch noch in der gymnasialen Oberstufe beobachten. DIe Planungen reichten bis zur nächsten Klausur, bis zum Abitur – aber einen Plan für das Leben – was will ich werden? – eine Perspektive fehlte doch sehr häufig.

Lähmung – ein Wort das mir dazu einfällt. Diese Bewegungslosigkeit, das Auf-der-Stelle-Verharren – all das passt zu meiner Generation. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber ich vermute das nie zuvor so wenige junge Menschen politisch engagiert waren, sich für etwas eingesetzt haben das möglicherweise erst viel später eintritt. Ich könnte kotzen, wenn ich daran denke das all die rauchenden, saufenden und handyspielenden Kameraden von vor ein paar Jahren sich heute ständig über die schlimmen Kids von heute auslassen – wie soll es denn auch anders sein, wenn die Vorbilder fehlen? Und waren wir nicht genau so? Vielleicht gar, weil auch uns die Vorbilder und Visionen (noch immer) fehlen?