Fiktion als Medizin gegen Realität 30. September 2008
Posted by frischmax in Gesellschaft, Literatur, Nachgedacht, Weltanschauung.Tags: Fantasie, Fiktion, fiktiv, Literatur, Nancy Huston, Realität, Science Fiction
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Wer hätte gedacht, das man als Vorpraktikant über einen derart interessanten Text stolpern kann!? Ich saß einmal mehr im Klassenzimmer und beobachtete, wie ein abgeklärter Deutschlehrer seine Klasse recht locker auf ein interessantes Themenfeld führte: Fiktion. Was ist Fiktion, und warum gibt es Fiktion? Naja, die elfte Klasse war nicht wirklich interessiert. Ich hingegen umso mehr, und ich habe einige Denkanstöße gefunden: Die kanadische Autorin des ausgeteilten Artikels, Nancy Huston, kommt in der Frankfurter Rundschau zum Schluss:
„[...] … im Idealfall gibt sie [Fiktion] uns die Kraft, in jene Realität zurückzukehren und sie mit mehr Feingefühl zu enträtseln.“
Tasächlich beschränkt sich Fiktion nämlich nicht nur auf Literatur, Film, Musik und Co. Vielmehr ist der Mensch, so Nancy Huston, ein Meister darin, die reale Realität durch eine fiktionale zu ersetzen. Seit es uns gibt, hat der Mensch immer interpretiert. Zwar sind wir ohnehin auf unsere Sinne beschränkt, und wir können nicht einmal erahnen, was von der Welt wir eigentlich alles nicht sehen. Doch schon dieser Einblick bringt nach rationalem Denken die Einsicht: Wir leben willkürlich, und wir sterben willkürlich. Und irgendwann sind wir tot – und die Erde dreht sich immer noch. Huston beschreibt den Menschen aber als ein Wesen, dass diese Einsicht nicht verkraftet und sich so der Fiktion bedient: Götter, höhere Gewalten, Sinn und Grund für unser Dasein. Die menschliche Welt war und ist von Fiktionen durchdrungen:
„Niemand hat beschlossen, sie zu erfinden. [...] Für uns Menschen sind sie so real wie der Boden unter unseren Füßen; tatsächlich sind sie unser Rückhalt [...] in der Welt.“
Durch unser Bewusstsein und unsere stetige Sinnsuche sind wir sozusgen unfähig, die Realität nicht zu interpretieren.
Welche Rolle nimmt dann aber die „Fiktion“ ein, die jeder sofort als solche erkennen könnte? Ich rede von literarischer Fiktion. Ist sie nicht vernichtend simpel im Gegensatz zur fiktionalen Weltsicht des Menschen? Nancy Huston meint, dass die menschengemachte Realität nicht von der zweiten fiktionalen Ebene der Literatur übertroffen werden kann. Ein Roman, egal wie abstrus und fantastisch, ist ja immer von der bereits ebenfalls herbeifantasierten Weltsicht des Autors geprägt. Literatur hat vielmehr den Vorteil, dass sie jedem als Fiktion bekannt ist – das aber auch die ganze Realität der Menschen ein einziges Konstrukt ist, dass durschaut längst nicht jeder. Denn auch Diktaturen, Herrscher, Systeme stützen sich auf Fiktionen – beispielsweise die von der „arischen Rasse“. Literatur jedoch ist ehrlich, man weiß, woran man ist. Und anhand dieser weniger komplexen Fiktion ist es dem Menschen manchmal möglich, das zu erklären und zu verstehen, was wir als Realität bezeichnen. Die künstliche Realität eines Romans liegt uns, eben weil wir ihn als Außenstehender lesen, einfacher und beständiger vor. Und manchmal, so Hustons Hoffnung, bringt Fiktion den Menschen dazu, auf die Realität einzuwirken.
Und tatsächlich lässt sich diese Beeinflussung nur zu oft beobachten. Science-Fiction zum Beispiel. Die Werke eines Isaac Asimovs oder Philip K. Dicks (dem ich noch einen Artikel widmen werde) fassen Gedanken und Thesen, die zu Lebzeiten der Autoren undenkbar waren, eben Fiktion – mittlerweile aber sind manche, gerade negativen, „Fiktionen“ schon verwirklicht. Die Literatur aber ist damals wie heute der Schlüssel, der uns erst erkennen lässt, was passiert. Eigentlich ist es also nicht weiter verwunderlich, wenn wir reale Geschehnisse und Sachverhalte in vermeintlich total fantastischen Geschichten wiederzufinden glauben. Denn eigentlich ist die Realität die größte Fiktion.
Mein Problem mit dem Nichtglauben 27. Juni 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Weltanschauung.Tags: Agnostiker, Agnostizismus, Atehismus, Christen, Clash of Religions, Islam, Nichtglauben, Religion, ungläubig
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Viele Menschen finden erstaunlich schnell eine Bezeichnung für ihr Weltbild, für ihren Glauben. Christlich nennen sich die Meisten in meinem Bekannten- und Freundeskreis, bei fast allen bedeutet der Begriff auch mehr oder weniger das Gleiche: „Standardchristen“ heutzutage sind friedfertig, weltoffen, tolerant und irgendwo ein bisschen gläubig, da es ja irgendetwas geben muss, dass vor dem Urknall war. So in etwa sieht das moderne Flickwerk aus Religion und Wissenschaft aus. Ich selbst handle sicherlich auch christlich – nur bezeichne ich mich nicht so. In den Urkunden steht „evangelisch“, in der Realität bin ich ziemlich ungläubig. Ich glaube nicht an eine höhere Macht, die bewusst eingereift oder eingegriffen hat. Ausschließen kann ich das nicht, aber die Existenz kann mir auch niemand beweisen. Eigentlich müsste ich also „konfessionslos“ oder besser „ohne Glaubensbekenntnis“ in die Papiere eintragen lassen und wo andere sich „christlich“ benehmen, müsste ich agnostisch bzw. atheistisch handeln.
So einfach ist es aber dann doch nicht. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Ich kann im Team arbeiten, ich kann gut mit anderen Menschen. Ich kann aber auch sehr gut mein eigenes Süppchen kochen, alleine. Das soll sagen: Ich lasse mich nicht gerne mit anderen in einen Topf werfen, um im Bild zu bleiben. Ich will für mich und andere immer klare Trennlinien anzeigen zwischen der Masse und dem Individuum. So ist es mit den vorhin genannten Begriffen auch. Als Christ wollte ich nicht mit den ganzen Christen in einen Topf geworfen werden, die darunter etwas völlig anderes verstehen als ich. Und als Ungläubiger möchte ich keinesfalls mit den Atheisten und Agnostikern über einen Kamm geschert werden.
Da gibt es nämlich Strömungen und Haltungen, die ich absolut nicht teile. Genauso wie manche evangelikal-fundamentalistische Christen einen „Clash of Religions“ anzetteln wollen, gibt es nämlich auch zweifelhafte Stimmen aus dem vermeintlich so objektiv urteilenden Lager der Atheisten: da wollen doch manche tatsächlich Religionen abschaffen. Andere treten Gläubigen mit Spott und Hohn gegenüber, diskriminieren religiöse Menschen aufgrund ihres Glaubens. Diese Attitüde kann ich gar nicht ab, ehrlich. Als offen Nichtgläubiger muss man sich oft anhören, ob man denn überhaupt so etwa wie eine Moral habe. Diese Frage ist natürlich schwachsinnig – Moral, Werte und Ethik sind und waren nie ausschließlich an Religionen gebunden. Genauso dumm ist es aber, den Anhängern vermeintlich überholter Weltanschauungen jegliche Vernunft abzusprechen – und manchmal gar das Recht, nach ihrem Weltbild zu leben.
Atheisten kritisieren oft das missionarische Gehabe der Weltreligionen, die Dogmen, die Denkverbote
und Fehlleistungen der Vergangenheit. Das ist durchaus berechtigt, ich prangere das oft genug an. Man darf aber nicht die gleichen Fehler wiederholen und sich selbst im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen. Zwar ist Atheismus per se prinzipiell auch solchen Strukturen unterworfen, wie sie Religionen aufweisen. Denn wörtlich übersetzt ist Atheismus nur das Gegenteil von Theismus, also in manchen Interpretationen die dogmatische Vertretung des Nicht-Gottglaubens gegenüber den Anhängern des radikalen Gottglaubens. Doch diese Haltung wäre wenig fortschrittlich und wird den Prinzipien eines Atheismus nicht gerecht, den ich vertreten will.
Leider scheinen aber die Verbände der Freidenker und Konfessionslosen in Deutschland von solchen Stimmen, wie ich sie gerade dargestellt habe, dominiert zu werden. Meist geschieht diese radikale Ablehnung jedweden Glaubens und die Herabwürdigung der Anhänger von Religionen unter dem Vorwand, man müsse bei der Kritik heftig vorgehen um kleine Veränderungen zu provozieren. Offiziell will ja keiner die Religionen abschaffen – inoffiziell wird jedoch zumindest die Verbannung des Glaubens aus dem Öffentlichen Raum gefordert. Michael Schmidt-Salomon, der Vorstandssprecher der atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung, tritt in Talkshows häufig wie ein Kardinal Meisner der Atheisten auf und wirft mit Vorwürfen gegen Kirche, Glauben und Gläubige nur so um sich und hebt „den Atheismus“ auf eine Stufe, die dieser meiner Meinung nach nicht innehaben sollte: Atheismus als Wissenschaftsreligion, als fundamentale Wahrheit, an die jeder vernunftbegabte Mensch einfach glauben muss. Auf die Frage, ob er ein Religionshasser sei, antwortete M. S. Salomon:
Die große Aufgabe der Aufklärung besteht darin, das Eine von dem Anderen zu trennen. Dies kann, so meine Überzeugung, nur dann gelingen, wenn Kritiker von „Außen“ ihre Position so klar wie möglich formulieren. Dies nämlich schafft erst die notwendigen Freiräume für innerreligiöse Reformprozesse. Pointiert formuliert: Ohne Marx, Nietzsche, Freud, Russell gäbe es auch keinen Schweitzer, Küng, Drewermann und auch keine Dorothee Sölle. Die Tragik des Islam besteht darin, dass es solche „Kritik von Außen“ bislang nicht in ausreichendem Maße gegeben hat. Deshalb stehen die Vertreter des „Euro-Islam“ momentan auch noch auf so verlorenem Posten. [1]
Auch hier ist eine gewisse Hybris zu erkennen: So wie sich Vertreter des Christentums und des Islams gerne herausnehmen, die jeweils andere Religion völlig zu Recht missionieren zu müssen, sich im Besitz eines göttlichen Auftrags wähnen, denken scheinbar manche Atheisten ganz ähnlich und sehen sich als Retter der Religionen – natürlich erst mal nur durch Reformen.
Und Reformen sich unbedingt nötigt, das steht außer Frage. Aber ich als toleranter und aufgeklärter Mensch glaube daran, dass jeder Mensch sich seine Weltanschauung aussuchen darf, solange er sie begründen kann, sie ihm nutzt und anderen nicht schadet. Ich glaube nicht an einen Gott, weil ich nach sorgfältiger Abwägung der Argumente zu diesem Schluss gekommen bin. Dieser „Glaube“ ist meine Privatsache, ich zwinge ihm niemanden auf. Und wenn Gläubige anderer Anschauungen mich nicht missionieren wollen und friedlich bleiben – ist das für mich kein Problem und geht mich als Privatsache des Anderen nichts an.
Privatsache – das bedeutet aber auch, und hier teile ich in manchen Bereichen die Bestrebungen eines Schmidt-Salomon, den Öffentlichen Raum freizuhalten vom Einfluss der Religionen oder immerhin jeder Glaubensgemeinschaft gleich viel Einfluss zuzugestehen. Das ist ein schwieriger Balanceakt. Er wäre aber wünschenswert, da nur dann eine Koexistenz der Weltanschauungen überhaupt eine Chance bekommt. Und gerade die vermeintlich so vernunftbegabten, klugen Atheisten trauen sich nicht an diese Aufgabe, sondern wollen lieber eine dogmatische Lösung? Hm, irgendwie sind die also auch nicht weiter als die unfehlbaren Besitzer der absoluten Wahrheit, ganz gleich ob sie sie im Namen Jesu, Mohammeds oder Gottes verbreiten wollen.
Quelle:
[1] http://www.schmidt-salomon.de/homepage.htm
