Dabei sein ist alles!? 18. August 2008
Posted by frischmax in Deutschland, Gesellschaft, Medien, Nachgedacht, Weltweit.Tags: Leistung, Medaillen, Olympia, Peking, Sport
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Dieser Satz – den Pierre de Coubertin so vermutlich nie gesagt hat – wird immer wieder gerne zitiert. Bei der Fußball-Europameisterschaft etwa, bei vielen anderen Sportveranstaltungen und wohl in so ziemlich jedem Verein dürfte dieser Satz in der Vergangenheit unzählige Male gefallen sein. „Das Wichtigste bei den olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen“, der Satz den der Inititator der Olympischen Spiele der Neuzeit tatsächlich gesagt haben soll, ist vom Sinn her zwar beinahe gleichbedeutend – aber eben nur beinahe. Wenn ich, was nicht so häufig geschieht, doch einmal einige Berichte aus Peking lese oder sehe, sofällt mir immer wieder eine krasse Diskrepanz zwischen diesem abgenutzten Spruch und der Realität auf: „Dabei sein“, das ist nicht alles, sondern quasi nichts. Ich befasse mich zu wenig mit Olympia, als das ich jegliche Gewähr auf meine Vermutung geben könnte, aber ich halte sie dennoch für ziemlich richtig: Deutschland ist eines der teilnehmenden Länder, in denen die Athleten ohne Medaille am weitesten entfernt davon sind, für ihre Leistungen Anerkennung zu bekommen. Prämiert wird von den Deutschen (Medien) nur die Medaille, vorzugsweise die Goldene, und nicht die Leistung.
Nun gut, ich bin da vielleicht sehr eigen, wie ich es schon zur EM im Juni beschrieben habe. Ich kann mit Stolz und Gejubel ob irgendeines „Sieges“ nicht viel anfangen. Ich finde es schön, oder eben auch nicht. Aber mehr als eine Minute interessiert mich das nicht. Nun, die Reporter bei ARD und ZDF reden von dem „undankbaren“ 4. Platz oder gar noch weiter von Medaillen entfernten Platzierungen auch nicht viel länger als
ein paar Minuten. Denn: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Nur wer etwas leistet, wird belohnt. So weit die Theorie. In der Realität stellt sich die Situation sogar noch differenzierter dar: Nur die besten Leistungen werden belohnt. Denn eigentlich, so die Logik einiger Medien, Menschen und Marktwirtschaftsinitiativen, ist nur Bestleistung Leistung. Bestleistung entsteht nämlich durch Anstrengung, Perfektion, Konzentration – eine „gute Leistung“ ist also sozusagen unvollständig, ergo spielt da doch Faulheit mit! Capiche? Ganz einfach, oder?
Und so kommt es, dass Beckmann, Kerner und wie sie alle heißen beinahe täglich einerseits mit ihren blöden Rückfragen die Athleten belästigen (die stets mitklingende Frage „Du bist doch mit Silber/Bronze auch nicht zufrieden, oder?“), andererseits die Athleten selbst unter einem ungeheuren Erfolgsdruck stehen. Natürlich könnte ein Sportler hier über die Notwendigkeit von Druck schreiben, ich als Laie bezweifle aber ausdrücklich eben diese. Das in Deutschland Leistungen jenseits der Top Drei nicht oder kaum Aufmerksamkeit erregen geschweige denn Würdigung erfahren führt dann auch zu interessanten Rechnereien mit dem hierzulande so beliebten Medaillenspiegel: Zwar sind wir mit unseren Goldmedaillen immer wieder recht weit vorne. Doch ist die Gesamtzahl errungener Medaillen vergleichsweise gering – hier übertrumpft uns zur Erstellungszeit des Artikels beispielsweise Frankreich, das viel weniger Goldmedaillen hat. Und, ich wage eine weitere Vermutung: Würde man jeweils die fünft best platzierten Athleten einer Disziplin mitrechnen – der Medaillenspiegel sähe ganz anders aus.
Zurück zum Leistungsdruck. Bei Olympia fällt er zumindest mir extrem auf, es werden sich wohl noch einige mehr daran stoßen. Allerdings ist Olympia ein nur alle vier bzw. zwei Jahre wiederkehrendes Ereignis. Die Nichtanerkennung von Leistung ist jedoch allgegenwärtig: Ob bei jedweden Sportereignissen im Fußballverein von Hintertupfingen oder in der Schule: „Mit einer drei oder vier brauchst du nicht nach Hause kommen!“, so der mitsummende, nicht immer hörbare, Unterton. Solange wir es nicht auf die Reihe bekommen, Anstrengungen zu belohnen und nicht immer nur Ergebnisse, wird unser Land gerade auch in der Bildung nicht zu den Spitzenreitern gehören. „Dabei sein“ im Sinne einer ehrlichen, bemühten und hintergründigen Teilnahme an Unterricht, Sport oder eben Olympia – das sollte das Ziel sein. Auch wenn immer davon die Rede ist, Gold sei an der Börse eine sichere Anlagemöglichkeit: Edelmetalle verlieren von Zeit zu Zeit an Wert. Es wäre schön, wenn dies auch für Medaillen gelten würde.
Ästhetik der Repräsentation 4. Juli 2008
Posted by frischmax in Architektur, Deutschland, Medien, Weltweit.Tags: Architektur, Berlin, Botschaft, US-Botschaft, USA
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Mehr als 20 Jahre Planungszeit, 14 Jahre Bauzeit und vermutlich über 100 Millionen Dollar hat es gekostet: Das neue repräsentative Botschaftsgebäude der USA in Berlin, direkt am Brandenburger Tor. Schon einmal residierte hier der Botschafter der mächtigsten Nation der Welt: im Palais Blücher. Jedoch hatte man damals wenig Glück mit dem Standort: Im Jahr des (aufgezwungenen) Erwerbs brannte das Gebäude aus und so nahmder Botschafter erst ab 1939, nach jahrelangem Wiederaufbau, die Arbeit auf um dann 1941 nach der deutschen Kriegserklärung einbestellt zu werden. Da das Gebiet um das Brandenburger Tor erst im sowjetischen Sektor und dann im Grenzgebiet lag, wurde der Bau 1957 abgerissen – vielleicht hat er dem DDR-Big-Brother die Sicht verstellt?
Nunja, zurück zum Thema: Vielleicht war es diese Erfahrung, dass ein Botschaftsgebäude teuer , repräsentativ, letzten Endes aber nicht im Einsatz war, die die USA dazu bewogen haben, es dieses Mal anders zu machen: Teuer und funktional. Und was für ein kollektiver Aufschrei geht da durch die Republik: Wie können sie nur, die Amerikaner!? Was erlauben die sich, an dieser Stelle so ein/e…
zu errichten?
Ganz ehrlich? Wir Deutschen sollten ganz vorsichtig sein, wenn es um Repräsentation im Ausland geht. Unsere Botschaften sind nicht gerade Schönheiten:
- Deutsche Botschaft Reykjavík
- Deutsche Botschaft Wellington
- Deutsche Botschaft Washington
Naja, „hübsch“ ist das jedenfalls nicht. Diese Bauten könnten genauso gut ein Bürogebäude oder, siehe Wellingtonn, eine Schule in Deutschland sein. Aber geht es bei Botschaften denn überhaupt um Schönheit, Ästhetik, Eleganz? Ich glaube: eher nicht. Botschaftsgebäude sind zwar auch repräsentativ. Aber nicht umsonst finden Empfänge und wichtige Treffen meistens in anderer Umgebung statt. Auch wenn es für die neue US-Botschaft in Berlin als Schimpfwort gebraucht wird: Es ist tatsächlich ein Bürogebäude. Da wird gearbeitet und es steht nicht nur da, um fotografiert zu werden. Allerdings passt das Aussehen einfach zu dem, was die Vereinigten Staaten und vielmehr die Politik in den Augen vieler prägt: Weltpolizei, Angsthasen, Betonschädel, Bunkerbauer – das wird jetzt alles auf dieses Gebäude gebündelt. Dabei sind auch Deutsche Botschaften den gleichen Regeln unterstellt: Sicherheit, nochmal Sicherheit und Funktionalität. Wenn wir allerdings auf einige tatsächlich schöne Gebäude zurückgeifen können, dann meistens in jenen Ländern, die „wir“ früher mal „hatten“.
Im Hinblick auf das Sommerloch ist es natürlich ein Segen, dass die Medien in Sachen „Bezeichnung für die US-Botschaft“ einen wahren Kreativitätswettstreit ausfechten können. Mehr Potenzial hat die ganze Debatte allerdings auch nicht. Das Haus steht, da wird sich in den nächsten Jahrzehnten nichts mehr dran ändern. Und irgendwie ist es ja auch schön, dass die Berliner einen neuen Spitznamen in die illustrne Reihe von der „Schwangeren Auster“ und der Kanzleramts-“Waschmaschine“ einfügen können: Pancake.
Wo viel Geld ist… 29. Juni 2008
Posted by frischmax in Politik, Weltweit.Tags: Bill Gates, Foundation, Gates Foundation, Gesellschaft, Impfstoff, Melinda Gates, Stiftung
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…da ist auch Schatten. Diese leichte Abwandlung der bekannten Redensart ist wohl nur schwer anzufechten. Geld regiert vielleicht die Welt. Lenken tun sie aber Menschen – die für Geld entscheiden, in welche Richtung die Reise geht. Als wäre das nicht bedenklich genug, bringt auch der altruistische oder gar planlose Einsatz von Geld beinahe zwanghaft Nachteile mit sich – selten treffen die freilich den, der es ausgibt.
Nun wird ja gerne und oft gefordert, „die Reichen“ sollen doch bitteschön ihr Geld den Armen geben. Schließlich gibt es mehr als genug und die reichsten Menschen der Welt können vermutlich niemals all ihre Finanzkraft auf einmal freisetzen, da das jeden Markt und möglicherweise die betroffene Nation gehörig aus dem Gefüge reißen würde. Abgesehen davon: Wofür will man es denn ausgeben, wenn man alles hat, was es für Geld zu kaufen gibt.
So oder so ähnlich hat vielleicht Bill Gates gedacht, als er 1994 die „William H. Gates Foundation“ gründete. Stiftungen zu gründen ist nicht erst seit damals ein beliebter Zeitvertreib der Reichen. Natürlich nicht aus purer Nächstenliebe sondern auch wegen der Steuervorteile, die das so investierte Vermögen betreffen. Doch der Einsatz von Geld, dass eine stets in der Kritik stehende Firma abwirft, über eine scheinbar neutrale Organisation hat noch weitere positive Auswirkungen. Denn wenn die Einrichtung auch noch den eigenen Namen trägt, gewinnt man auch noch Prestige für das Parken von Geld.
So zynisch und negativ möchte ich die 1999 in „Bill & Melinda Gates Foundation“ umbenannte Stiftung nicht sehen. Ich bin keiner von denen, die alle finanzkräftigen Firmen und Menschen als Personal des Teufels ansehen. Ich glaube, dass viele wirklich für eine gute Sache (zu) arbeiten (glauben). Und wenn man sich ansieht, was der einstige Nerd mit seiner neuen altem Arbeitsstelle bewirkt, gibt es da zunächst wenig zu meckern: Landwirtschaftliche Entwicklung, Zugang zu Krediten und Versicherungen, Informationstechnologie – all das wird zwischenzeitlich mit Geld der mächtigsten Stiftung der Welt in Dritte-Welt-Ländern aber auch in Lettland oder Rumänien gefördert. Weitere Gebiete sind zum Beispiel die Forschung an Impfstoffen und die Bereistellung von Medikamenten sowie die Förderung der Bildungsinfrastruktur in den USA. [1] Dabei fließen enorme Mengen Geld. Die Frage ist nur, und hier kommen die Schattenseiten ins Spiel, wann fließt Geld von der „Bill & Melinda Gates Stiftung“?
Gerade in Bill Gates Heimatland verweisen Kritiker oftmals auf die Aktivität der Stiftung im Bildungssektor.
Der ist chronisch unterfinanziert – ohne Fundraising und wohlgesonnene Firmen oder Privatpersonen können Schulen selten eine optimale Lernumgebung bieten. Wenn nun eine Schule beispielsweise Linux einsetzen würde, weil dieses System in der Anschaffung günstig ist und Geld für andere Bereiche frei wird – kann diese Schule dann überhaupt hoffen, Geld von einer Stiftung zu bekommen, die auch durch Microsoft finanziert wird? Und wie sieht es aus mit Politikern, die es nicht schaffen die so wichtigen Gelder dieser Stiftung zu bekommen? Ob absichtlich oder nicht, ob direkt oder indirekt: Das viele Geld bringt einige Fragen mit sich.
Auch die Arbeit der Stiftung an sich ist teilweise fragwürdig: Zwar fördert man die Entiwcklung und Herstellung neuer Medikamente und Impfstoffe gegen Aids, Malaria, Tuberkulose usw. Gleichzeitig besitzt die Foundation aber Anteile an Pharmakonzernen wie Pfizer oder Merck, die mit ihren Patenten stets die Entwicklung von billigen Generika behindert haben. Diese Widersprüchlichkeit gipfelt im „blind-eye investing“; 2007 wurden Vorwürfe laut, dass der vermögensschaffende Teil gegen den wohltätigen arbeitet indem er in Firmen investiert, die beispielsweise durch Abwässer Krankheiten verursachen, die ebenfalls mit
Stiftungsgeld bekämpft werden. [2] Wenn die linke Hand nicht weiß, was die Rechte tut…. Ebenfalls Anlass zur Sorge gibt der gigantische Kapitalstock von derzeit ca. 37 Milliarden Dollar. Durch diese enorme Finanzkraft geht in manchen Forschungsabteilungen scheinbar nichts mehr, wenn einmal kein Geld aus Seattle kommt – weil andere Geldgeber schlichtweg nicht so hohe Summen in ein Projekt stecken können. [3]
All das ist für die Armen, die von den Projekten sicherlich profitieren, relativ egal. Die Hilfe kommt an. Bleibt nur die Frage, ob sie irgendwann auch noch ohne die Hilfe einer einzigen Organisation leben können.
Quellen:
[1] Gates Foundation
[2] Dark cloud over good works of Gates Foundation (Los Angeles Times)




